Falkensee - Erhard Stenzel kämpfte im Zweiten Weltkrieg in Frankreich gegen Hitler. Heute lebt er in Falkensee (Havelland) und ist der letzte noch lebende deutsche Résistance-Kämpfer. Stenzel ist beachtliche 94 Jahre alt, noch immer hellwach im Kopf und politisch interessiert. Sein Tag beginnt damit, dass er zwei Zeitungen liest. „Und ich lese wirklich alles“, sagt er. Abends sitzt er ab 19 Uhr vor dem Fernseher, sieht auch Nachrichten, und bevor er um Mitternacht zu Bett geht noch einmal Nachrichten.

Was denkt der offizieller Held der Französischen Republik, wenn er die Nachrichten sieht? „Nun ja“, sagt er. „Man muss heute schon allerhand aushalten.“ Es dauert nicht lange, und er wird konkret. „Die Rechtspopulisten haben keine Lösungen, sie kritisieren nur Zustände und nutzen die Lage für sich. Das ist gefährlich. Dazu kommt: Die Leute haben vergessen, was Krieg bedeutet. Sie unterschätzen die Gefahr.“

Eines der schockierendsten Erlebnisse war die Ankunft seiner Truppe in Oradour-sur-Glane

Der Mann spricht aus Erfahrung, er hat die Grausamkeiten des Krieges erlebt, war dabei, als die Naziherrschaft in Paris, Rouen und Le Havre endete. Von der Zeit im Widerstand hat er bis vor einem Jahr in Schulen der Region erzählt.

Eines der schockierendsten Erlebnisse war die Ankunft seiner Truppe in Oradour-sur-Glane. „Wir kamen zu spät. Es war Sommer, es war heiß. Die verkohlten Leichen qualmten noch.“ Zwei Tage zuvor, am 10. Juni 1944, hatte die Waffen-SS den Ort zerstört und fast alle Einwohner getötet. „Die Frauen und Kinder hatten sie in die Kirche getrieben, und die Kirche angezündet. Die Männer in Scheunen gesperrt und angesteckt.“

Überlebende erzählten, dass sich manche noch befreien konnten. Aber sie kamen nicht weit. Zwei, drei Meter, dann wurden sie erschossen. „Wir alle haben bitterlich geweint“, sagt Stenzel. „Wenn ich davon in den Schulen erzähle, weinen auch die Jugendlichen. Deswegen bin ich so gegen Krieg.“

Erhard Stenzel im Herbst 1942: Ich werde nicht für Hitler kämpfen

Sein Widerstand begann 1933, als die SA seinen Vater, einen Kommunisten, in „Schutzhaft“ nahm. Stenzel war acht Jahr alt. „Sie haben ihn blutend auf einen Lkw geschmissen.“ Das Bild werde er nie vergessen. Es war die letzte Erinnerung an den Vater, der im KZ Buchenwald ermordet wurde. Als Stenzel im Herbst 1942 zur Wehrmacht eingezogen wurde, war für ihn klar: Ich werde nicht für Hitler kämpfen. Zunächst ging es für den Siebzehnjährigen nach Nord-Norwegen. Eine Flucht war unmöglich. Dann kam der Marschbefehl nach Frankreich.

Dort wollte er sich beim Schuster die Schuhe besohlen lassen. „Er kam aus dem Elsass, sprach Deutsch, und so kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte ihm, dass meine Eltern Kommunisten sind, mein Vater im KZ saß. Der Schuster sagte, wenn ich einmal Probleme hätte, könnte ich mich an ihn wenden.“ Nur wenige Nächte später war Stenzel mit zwei jungen Burschen auf Patrouille. „Die waren frisch aus dem Reich“, erzählt er. Stenzel hatte eine Maschinenpistole dabei, die beiden Karabiner. „Als mir der Zeitpunkt günstig erschien, hob ich die Maschinenpistole und sagte ihnen, dass für mich der Krieg jetzt zu Ende sei. Ich sagte ihnen, wenn sie überleben wollen, sollen sie mitkommen. Sie wollten nicht. Die haben wirklich geglaubt, Hitler würde diesen Krieg gewinnen.“

Stenzel entwaffnete sie und forderte sie auf, sich sehr langsam auf den Rückweg zu machen. Er selbst eilte mit den Waffen zum Schuster. Fünf Minuten später saß er in einem Auto. Die Fahrt endete in einem Versteck der Résistance, wo er drei Tage lang verhört wurde, bis sie glaubten, dass er kein Spitzel ist. Es war der 6. Januar 1944, Stenzel schloss sich der Résistance an und trat in die französische kommunistische Partei ein.

Schließlich war Paris befreit: „Ein wunderbarer Tag, der größte Lohn“

Über Monate lebte er im Wald in Bunkern, die er mit einer bunt gemischten Truppe aus halb Europa teilte. Hart war die Zeit, doch schließlich war Paris befreit. „Das war eine große Freude. Ein wunderbarer Tag, der größte Lohn nach all den schmerzlichen Verlusten.“

Stenzel trat nach dem Krieg in die SED ein, heute ist er Ehrenvorsitzender der Linken im Havelland. Als erklärter Kriegsgegner fordert er deutlich geringere Verteidigungsausgaben. „Es gehen wahnsinnige Summen in die Rüstung. Die Milliarden ließen sich besser verwenden: gegen Armut, Obdachlosigkeit, Wohnungsnot, für Bildung und die Digitalisierung.“ Stenzel will, dass das Geld lieber für die Bekämpfung sozialer Ungerechtigkeit ausgegeben wird.

Er selbst musste lange auf Gerechtigkeit warten: Das von den Nazis verhängte Todesurteil als Deserteur wurde erst 2002 aufgehoben.