Neukölln - Erst wollte sie nicht mitkommen, sie hatte genug von Gruppenzwang. „Ich bin doch noch kurz vor Kriegsende unter den Nazis gedrillt worden“, sagt Vera May. Schließlich ließ sich die damals Fünfzehnjährige doch überreden, nach der Arbeit zu einem Treffen der neuen Siedlungsgruppe am Zwickauer Damm am Rande der heutigen Gropiusstadt in Neukölln mitzukommen.

Bienchen wurde sie damals genannt wegen ihres Mädchennamens Bienek. Vera May gehörte damals zur ersten Gruppe, die die Zwicke mit aufgebaut hat, den heute ältesten Jugendclub Berlins. Am Freitag feiert die Zwicke ihren siebzigsten Geburtstag. Kinder, Jugendliche, Eltern, Großeltern und Ehemalige werden sich am Zwickauer Damm 112 treffen. Vera May ist dabei.

Alfreds Wohnzimmer wurde zu eng

„Wir haben uns zuerst bei Alfred im Wohnzimmer getroffen“, erzählt die Rentnerin. „Wir haben Stühle und Bügelbretter zusammengeschoben, um genügend Sitzplätze zu haben.“ Alfred, das ist Alfred Hayer. Er hatte den Krieg unversehrt überstanden und baute etwas auf, was es damals in Berlin noch nicht gab: einen Jugendclub.

Damals lud Alfred Hayer die Jugendlichen des Viertels zu sich nach Hause ein. Danach nutzten sie einen Schuppen und dann eine Baracke für ihre Treffen. Der Platz wurde eng, im Winter war es zu kalt, und so plante Alfred Hayer das Clubhaus am Zwickauer Damm. 

Am 16. August 1947 wurde der Grundstein gelegt. Die Jugendlichen halfen an den Wochenenden beim Bau mit. „Es war eine Zeit, in der wir immer daran dachten, woher wir genug zu essen bekommen“, erinnert sich Vera May, „in der Gruppe waren wir davon abgelenkt. Ich weiß noch, dass ich oben auf dem Dach saß und Nägel in die Dachpappe geschlagen habe.“

Das letzte Relikt aus der Gründungszeit

Auch Gertrud Moll war in der ersten Jugendgruppe. Sie hat geholfen, eine große Fuhre Kalk mit dem LKW aus Rüdersdorf zu holen. „Der Wagen war unheimlich klapprig und ist dann tatsächlich zwischen Rüdersdorf und Berlin liegengeblieben“, erinnert sich die 87-Jährige, „ich habe dann die ganze Nacht den Kalk bewacht und hatte ganz schön Angst.“

Sie hat auch mitgeholfen, die Birke aus dem märkischen Sand auszugraben, die heute noch neben dem Clubhaus steht – als letztes Relikt aus der Gründungszeit. Einweihung wurde im Dezember 1948 gefeiert – mit einer Wanderung, einem Kartoffelfeuer und Weißbrot vom Bezirksamt. Mädchen und Jungen verbrachten dort ihre Freizeit gemeinsam. „Da haben sich auch viele Paare gefunden“, erzählt Vera May. Auch sie hat ihren späteren Mann im Jugendclub kennengelernt.

Geschichten und Erinnerungen

Gertrud Moll, genannt Molly, hat in den alten Unterlagen des Jugendclubs gestöbert. Schon in den Richtlinien von 1947 steht, dass Jungen und Mädchen gleichberechtigt miteinander umgehen. Die heutige Leiterin der „Zwicke“, Tanja Schleef-Ruppert, liest einen Auszug daraus vor: „Die Ziele der Gruppen sind die Pflege des Gemeinschaftsdaseins, die Förderung der Kameradschaft zwischen Jungen und Mädeln und die Heranbildung der Urteilsfähigkeit bei den Jugendlichen.“

Gemeinsam mit Helfern und Zeitzeugen, die Unterlagen und Fotos brachten, hat sie einen Raum als „Zeitkapsel“ eingerichtet. Beim großen Jubiläumsfest am Freitag können sich Besucher alles ansehen und Ehemalige schauen, ob sie sich in den Fotoalben wiederfinden. Gertrud Moll und andere Zeitzeugen werden von den Anfängen der Zwicke erzählen. Es gibt viele Geschichten und Erinnerungen.

Legendär ist der Donnerbalken, auf dem mehrere Kinder nebeneinander saßen in einem ausgelagerten Häuschen, bevor 1971 richtige Toiletten eingebaut wurden. Legendär sind auch die Elterngruppen, die sich früh gründeten. „Das war toll“, sagt Vera May, „da wurden die Kinder betreut, und wir Eltern haben nebenan getagt und konnten mal ein bisschen unterwegs sein.“

Feuer und Wiedereröffnung

Tragische Geschichten gibt es auch. So gab es kurz vor Weihnachten 1972 ein Feuer im Freizeitheim, bei dem aber niemand verletzt wurde. Der Spielbetrieb musste aber bis zum Frühjahr 1973 ausgelagert werden. 1974 wurde das Jugendfreizeitheim wiedereröffnet. In den achtziger Jahren vergrößerte sich die Zwicke mit dem Zuwachs der Bevölkerung in der Gropiusstadt.

Mitten in der Stadt liegt die Zwicke und doch an einem grünen und eher ruhigen Abschnitt des Zwickauer Damms. 2016 wurde Berlins ältester Jugendclub saniert. Die Räume sind hell, das Spiel-Areal draußen ist großzügig gestaltet. Vera May kommt regelmäßig in die Zwicke. Einmal in der Woche trifft sie sich hier mit Seniorinnen zum Kaffee. Sie arbeitet auch einmal in der Woche mit den Kindern und Jugendlichen und bringt ihnen Seidenmalerei so bei, wie sie es schon vor mehr als vierzig Jahren im Jugendclub gelernt hat. Noch immer wird Vera May von den Älteren Bienchen genannt.