Wieder ist die Polizei da. Dieses Mal mit vermummten, schwer bewaffneten Beamten. In dem Wohnblock an der Straße der Pariser Kommune 20 in Friedrichshain stürmt das Spezialeinsatzkommando (SEK) eine Wohnung im ersten Stock. Vom Dach eines Transporters aus werfen die Beamten eine Blendgranate in die Wohnung und dringen über den Balkon ein.

Von diesem Balkon hatte kurz zuvor ein Bewohner mit einer Luftdruckpistole geschossen. Der 34-Jährige traf ein siebenjähriges Mädchen, das ebenfalls in dem Häuserblock wohnt. Das Kind erlitt glücklicherweise nur eine Prellung am Bein. Es wurde nach der Behandlung im Krankenhaus wieder nach Hause entlassen.

Ein sozialer Brennpunkt

In der Wohnung des Mannes fanden die Polizisten die Luftdruckpistole, Munition und Drogen. Pavel A., ein aus Weißrussland stammender gelernte Koch, wurde nach seiner Festnahme von einem Arzt auf seinen Geisteszustand untersucht. Dieser schickte ihn wieder nach Hause. Der Fall erinnert an eine ähnliche Tat vor drei Jahren. Damals wurde ein Neunjähriger aus dem Haus durch einen Schuss aus einem Luftdruckgewehr schwer verletzt. Der Schütze wohnte ebenfalls dort.

Der SEK-Einsatz lenkt wieder einmal den Blick auf den fünfgeschossigen Plattenbau an der Straße der Pariser Kommune. Er hat sich nach Auffassung von Anwohnern in der letzten Zeit zu einem sozialen Brennpunkt entwickelt, in dem Elend und Armut zu Hause sind – zwischen Objekten wie dem weltberühmten Berghain, dem Bühnenservice der „Oper in Berlin“, der ND-Druckerei und der Zalando-Baustelle.

Nach der Wende waren die Häuser an der Straße der Pariser Kommune an unterschiedliche Eigentümer gegangen. Das „Ostel“ am südlichen Ende der Straße zum Beispiel gehörte erst spanischen Investoren, bis es von Schweden übernommen wurde. Das Haus ist längst saniert. Der Fünfgeschosser daneben sieht dagegen immer noch so aus wie zu DDR-Zeiten. Er hatte mehrere wechselnde osteuropäische Eigentümer, und das Bezirksamt weiß heute nicht genau, wem das Haus eigentlich gehört. Angeblich sollen es zwei Polen sein, doch auch das ist ungewiss.

Die osteuropäischen Eigentümer haben osteuropäische Mieter angezogen. Hier wohnen Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Bulgarien, Rumänien oder auch aus Weißrussland, wie eben Pavel A. Die Mieten in den 55 Wohnungen sind für Berliner Verhältnisse niedrig. Die Ein-Raum-Wohnung kostet 380 Euro warm. Die Mieten zahlt das Jobcenter – für Hauseigentümer eine sichere Einnahmequelle. Die ließen das Haus allerdings völlig verwahrlosen. Die Geschäfte aus dem Erdgeschoss sind längst ausgezogen.

„Ständig zieht hier jemand aus und neu ein“, sagt Hausmeister Joachim J. Der 68-Jährige bessert sich mit dem Halbtagsjob seine Rente auf und wischt einmal pro Woche die Treppenhäuser. Nur ist davon nicht mehr viel zu sehen. Die Stufen in den Fluren sind schmutzig, die Bewohner lassen Papier, Kippen und Tüten herumliegen. Während Joachim J. sich über jene aufregt, die ihren Dreck von anderen wegräumen lassen, huscht eine dicke Ratte unter den Müllcontainern hindurch, die überquellen und von Müllsackbergen gesäumt sind.

„Der Rattenbefall ist hier ein riesiges Problem“, sagt der Hausmeister. „Wenn ich morgens komme, versuche ich erstmal die neu hinzugekommenen Müllsäcke zu sortieren. Neulich waren drei Container voll mit Sperrmüll, den die Stadtreinigung gar nicht mitnimmt.“ Drei Mitarbeiter der BSR sammeln währenddessen vor dem Haus Flaschen, Tüten und Papier auf. Einer von ihnen sagt: „Viele Leute beschweren sich über den Müll, der hier einfach aus dem Fenster fliegt. Es ist schlimm geworden.“

Der Bezirk gibt sich unaufgeregt

Am Morgen nach dem Polizeieinsatz spielen viele Kinder im Hof. Einige sind schon größer und müssten eigentlich in der Schule sein. Viele Familien hier haben Kinder. Vom Berghain her kommen einige übrig gebliebene Nachtgestalten gelaufen – vorbei an Männern, die vor dem Haus an der Straße der Pariser Kommune vor einem Audi hocken und ein Nummernschild anbauen. Den Beamten des örtlichen Polizeiabschnitts fallen seit längerem die vielen Autohändler auf, die sich um das Haus herum aufhalten, vor allem Rumänen und Bulgaren. Die Beamten stoßen hier auch auf stillgelegte Fahrzeuge. Nur durchdrungen haben die Ermittler die Strukturen des mutmaßlich illegalen Autohandels noch nicht. „In dem Haus selbst gibt es keine Auffälligkeiten“, sagt ein Polizeisprecher.

In dem Haus nicht – aber offenbar ringsherum. „Jeden zweiten Tag ist die Polizei da“, berichtet eine Frau, die gegenüber wohnt. „Wegen Lärmbelästigung, weil Bewohner vor der Tür laut Musik hören. Wegen geklauter Mietfahrräder und Schlägereien.“

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg gibt sich unaufgeregt. „Wir sehen es nicht so, dass es sich um eine Problem- oder Schrottimmobilie handelt“, sagt Gesundheits- und Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler (Die Linke). „Es ist ein unsanierter Plattenbau.“ Nach seinen Worten gibt es auch keine große Fluktuation bei den Bewohnern; die Familien seien sesshaft geworden. Die Menschen hätten in Südosteuropa in wesentlich prekäreren Verhältnissen gelebt. „Unsere Sorge ist deshalb, dass die Wohnungen zu voll sind“, sagt Mildner-Spindler. Unstrittig sei, dass es dort Unterstützungsbedarf gebe. „Das wird über aufsuchende Sozialarbeit und die Jugendhilfe gewährleistet“, sagt der Stadtrat. „Wir streben außerdem die Ansprache des Eigentümers an, damit dieser das Haus saniert.“