Der Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz.
Foto: imago images/ Sabine Gudath

Berlin Der Alexanderplatz im Dezember. Es riecht nach Alkohol, Pilzpfannenpilzen, Pilzpfannenzwiebeln, Pilzpfannenknoblauch, Schmalzkuchen, Schmalzwurst und altem Fett. Wenn man aus dem auch nicht gerade duftigen U2 Schacht steigt, verätzt der schlimme Geruch einem sofort die Nase. 

Und das in Kombi mit deutscher Schlagermusik! Wie soll man denn da nicht panisch reagieren? Oder gehe ich zu weit, wenn ich sage, dass sich auf dem Alexanderplatz, Berlins scheußlichster Weihnachtsmarkt befindet? Der Alex ist auch ohne Weihnachtsmarkt schlimm: Hier ballen sich Konsumtempel, Körperwelten, Kriminelle. Hier kreuzen sich die berüchtigte U8, die marode S-Bahn, die überfüllte U2.

Ein Platz, der wirklich besseres verdient hat. Wenn einen das ungnädige Schicksal hierher treibt, umklammert man seine Handtasche und beeilt sich. Nix wie weg hier! Aber im Dezember geht das leider nicht, da stehen schon wieder überall diese Buden im Weg. „Weihnachtsmarkt“! Als ich mal wieder angewidert hindurch hetzte, entschied ich, mich meinen Ängsten zu stellen. Ich konnte meine Schwester überzeugen, sich mit mir auf die Reise ins Herz der Finsternis zu begeben.

Glühwein muss sein

Und so haben wir uns neulich Abend dort verabredet. Den ersten Glühwein mit Schuss tranken wir am Fuße der wunderhübschen erzgebirgischen Pyramide. Zuerst hielten wir uns noch beklommen an unserer fettigen Ecke des dichtumringten Stehtisches aus Holzimitat fest. „Ist doch gar nicht so schlimm hier, oder?“ flüsterten wir einander immer wieder zu, um uns Mut zu machen. Mit dem zweiten Glühwein in der Hand, stießen wir uns vom Stehtisch ab, wie Schwimmer vom Beckenrand und tauchten in den Budenzauber ein.

Immer souveräner schritten wir von Stand zu Stand, bewunderten Bon-Jovi-Kalender, Fußballschals, Edelstahl-Aschenbecher mit Brandenburger Tor- Prägung und Iron Maiden- T- Shirts. Wir fühlten uns mittlerweile richtig gut. Über den Weihnachtsmarkt zu gehen, ist eigentlich wie bei einer Vernissage zu sein, da schreitet man ja auch mit einem Glas in der Hand von Objekt zu Objekt.

Spezielle Kleinigkeiten auf dem Weihnachtsmarkt

Aber hier war die Kunst interessanter. Und billiger! Ich kaufte einen Flachmann mit Deutschland- Adler-Aufdruck. Meine Schwester erwarb eine Schapka in Neonfarbe. Dann war der Glühwein schon wieder alle. Kein Problem. Wir kauften noch einen, bei der zweiten Pyramide hinter der zweiten Eisbahn.

Ich wollte wieder zu der Bude mit den Fußballschals, aber alles sah jetzt so anders aus. Irgendwie war der Fernsehturm Richtung Norden gewandert und außerdem hatten der Elektrofachmarkt und das Park- Inn- Hotel die Plätze getauscht. Lieber Weihnachtsmarkt auf dem Alex: Ich habe dir Unrecht getan. Du bist schön. Sollte ich je den Heimweg finden, dann komme ich bestimmt mal wieder zu dir zurück.