85. Internationale Grüne Woche Berlin, Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau.
Foto: Florian Boillot

BerlinDer Morgen beginnt im Schlaraffenland: In der Kroatienhalle auf der Grünen Woche stehen die Stände dicht an dicht, die Auslagen mit Wurst und Käse biegen sich, die Aussteller lächeln fröhlich, Folkloreklänge geben dem Ministerrundgang, der um 7.30 Uhr startet, Schwung. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, stehen zwischen Olivenöl und Prosciutto, dem landestypischen Schinken, und treffen auf den kroatischen Ministerpräsidenten Andrej Plenkovic. Händeschütteln, Freundlichkeiten, weiter geht es.

Der Rundgang ist eine Tradition, die es bei der Grünen Woche seit Jahrzehnten gibt. Hier treffen Politiker Amtskollegen, aber auch Verbandsvertreter, Unternehmer, Bauern und Verbraucher. In diesem Jahr gibt es erstmals mehr als 1 800 Aussteller aus 70 Ländern. Die 85. Grüne Woche hält an dem Rundgang fest, wenn es auch der kürzeste wird, den es je gab. Ministerin Klöckner möchte in den Bundestag und hat deshalb nur gut drei Stunden Zeit. Deshalb ist der Rundgang streng durchgetaktet: 15 Minuten Kroatien, sieben Minuten Ungarn, drei Minuten Bulgarien.

Größere Distanzen werden in Shuttle-Bussen zurückgelegt, die auch mit reichlich Polizei und Sicherheitsbeamten gefüllt sind. Auf Tuchfühlung zu gehen, ist in diesem Jahr schwer, denn wo immer die hohen Beamten entlanggehen, steht ein breitschultriger Bodyguard und verhindert die Annäherung.

Die Proteste der Bauern, die Demonstrationen von Umweltschützern und eine insgesamt angespanntere Sicherheitslage ist in den Messehallen zu spüren. Auch wenn auf jedem Foto breit gelächelt wird, ist die Welt alles andere als in Ordnung.

Das klingt auch im Statement von Ministerin Klöckner in der Blumenhalle durch: „Wir haben den Eindruck, dass gewisse Parallelwelten entstanden sind, weil unser Alltag so komplex ist“, sagt sie in Anspielung auf die Bauernproteste. Die Verbraucher machten sich nicht mehr genügend bewusst, woher die Lebensmittel kämen. „Wir brauchen ein neues Landwirtschaftsbewusstsein, aber von der Landwirtschaft auch ein neues Verbraucherbewusstsein“, fordert Klöckner deshalb. Die beiden Seiten müssten zusammenfinden, zumal die Zahl der Landwirte auf rund 277 000 geschrumpft sei.

Ihnen ständen Millionen von Konsumenten gegenüber. Gleichzeitig gebe es große Forderungen an Land- und Forstwirte sowie an Gartenbaubetriebe in Sachen Nachhaltigkeit, fügt sie hinzu. Sie nennt die Forschungen nach neuen Materialien für Umtöpfe von Blumen oder für Torf. In neuen Technologien könnten Lösungen für heutige Fragen und Probleme liegen, endet sie fast in einem Appell.

Demo mit 400 Traktoren

Der nächste Halt ist bei den deutschen Forstwirten in Halle 27. Dort pflanzt Klöckner eine kleine Buche in einen Bottich und tritt die Erde um das Bäumchen herum kurzerhand mit ihren hochhackigen Pumps aus glänzendem Lack fest. Das will sie sich nicht nehmen lassen.

Im Tross läuft auch der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied, mit. Während er am Stand des Bundeslandwirtschaftsministeriums zuguckt, wie die Ministerin Chili-Pesto aus Vogelmiere verköstigt, rollen die ersten Traktoren über die Straßen von Berlin. Mehrere Tausend Bauern demonstrieren anlässlich der Grünen Woche. Rund 400 Traktoren sind aus mehreren Himmelsrichtungen zur Straße des 17. Juni gekommen, um gegen härtere Umweltschutzgesetze zu protestieren. Die Trecker legen weite Teile der Innenstadt lahm. Rukwied sagt dazu: „Wir Bauern machen beides: Wir präsentieren die Landwirtschaft und bringen auch unseren Protest zum Ausdruck.“ Die Stimmung unter den Bauern sei angespannt, fügt er hinzu.

Die Landwirte fühlen sich von der Politik nicht mehr verstanden und werden deshalb auch am Sonnabend vors Brandenburger Tor ziehen, um auf ihre Themen aufmerksam zu machen. Außerdem wollen viele Tausend Umwelt- und Tierschützer unter dem Motto „Wir haben es satt“ auf die Straße gehen. Ihnen geht es um strengere Naturschutzgesetze für die Landwirtschaft und weniger Massentierhaltung und „Agrarfabriken“. Auch hier werden sich voraussichtlich einige Bauern mit ihren Traktoren beteiligen. Am Brandenburger Tor werden 15 000 Teilnehmer erwartet.

Am Freitagabend hat der Verein „Slow Food Deutschland“ gemeinsam mit Partnerorganisationen zu einer Schnippeldisko in die Cabuwazi-Zirkuszelte auf dem Tempelhofer Feld eingeladen. Er setzt sich für einen bewussten und wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln und ihren Erzeugern ein. Bei der Aktion wollten Aktivisten und Besucher optisch nicht marktfähiges, aber geschmacklich einwandfreies Gemüse wie zweibeinige Karotten und knubbelige Kartoffeln verarbeiten. Die Suppen, die sie daraus zubereiten, sollten auch an Teilnehmer der „Wir haben es satt“-Demonstration am Sonnabend verteilt werden. „Wir wollen damit auf die Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen“, sagt Sprecherin Sarah Niehaus. Diese beginne schon auf dem Acker und ziehe sich durch die gesamte Wertschöpfungskette bis zu den Haushalten, in denen zu viele Lebensmittel weggeworfen werden.

Russische Halle gesperrt

Wie eng Ernährung und Politik zusammenliegen, ist so präsent wie nie zuvor. Am Freitag wurde die Russlandhalle eineinhalb Stunden lang gesperrt, weil mutmaßlich Schweinefleisch aus dem Land entdeckt wurde. Für Fleischprodukte aus Nicht-EU-Ländern gelten Einfuhrverbote. An zwei Ständen wurde Fleisch beschlagnahmt, das Veterinäramt wurde eingeschaltet.

Die Grüne Woche sieht sich aber auch als Instrument für die wirtschaftliche Förderung von Entwicklungsländern, sagt Christian Göke, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Berlin. „Wir haben in diesem Jahr mehr afrikanische Länder als je zuvor dabei. Sie werden von einer terra inkognita zu Ausstellungsfläche“, sagt er.

Am Afrika-Gemeinschaftsstand überreichen tunesische Standmitarbeiter den Politikern, zu denen sich auch Entwicklungsminister Gert Müller gesellt hat, einen Präsentkorb. Die Aussteller sind Start-ups aus dem Maghreb-Land. Ahed Moussi stellt Kräutertee her, Abdelli Karuma Brotaufstriche und Folla Brahim Spirulina, also Cyanobakterien, die heute als Superfood mit einem hohen Anteil an Protein gelten. „Wir hoffen, auf der Grünen Woche Partner für Kooperationen zu finden“, sagen die Frauen. Ahed Moussi hat bereits zwei Packungen Kräutertee verkauft und freut sich über ihren Erfolg. Noch ist die Produktion auf niedrigem Niveau. „Mit Investoren könnte ich sie aber leicht steigern“, sagt sie.

Die Grüne Woche ist also auch ein Marktplatz der Hoffnungen. Wer hier ausstellt, sucht häufig Kunden oder Geschäftspartner. Der Neuköllner Unternehmer Jonathan O’Reilly ist im zweiten Jahr dabei. Vergangenes Jahr konnte er Galeria Kaufhof als Vertriebspartner und die Berliner Behindertenwerkstätten als Produktionspartner für seine „Crazy Bastard“-Saucen gewinnen. In diesem Jahr hat er bereits mit seinem Standnachbarn Naturopolis Meeresdachgarten Kontakt aufgenommen, um eventuell die Gemüse oder Kräuter der Pflanzenzüchter zu kaufen.

In der Halle mit Berliner Ausstellern ist der Regierende Bürgermeister Michael Müller allein unterwegs. Die Ministerin ist bereits Richtung Bundestag verschwunden. Zeit für eine Currywurst, einen Kaffee, einen halben Baumkuchen, einen Gin aus Spreewaldgurken und ein Stück Schokolade. Die Grüne Woche ist zum Schlemmen da. Die Hallen haben sich inzwischen gefüllt. Die Gäste laufen mit Bierbechern von Stand zu Stand und probieren sich durch die Länder.