Köln - Er hat es nie akzeptiert. Das Kunststudium? In seinen Augen reine Zeitverschwendung. Warum nur hat der Sohn nicht die gut laufende Arztpraxis übernommen? Auch als er Erfolg hat, die erste große Ausstellung eröffnet, bleibt der Vater unbeeindruckt. Auf die Einladung zur Vernissage reagiert er erst gar nicht. Die Eröffnung ist gut besucht, aber die Augen des Sohnes suchen nur nach ihm: dem Vater. Vergeblich.

Erwachsene Kinder können ein Leben lang unter der Beziehung zur ihren Eltern leiden. Etwa weil die den Lebensweg ihrer Kinder nicht akzeptieren und viele Gespräche in Vorwürfen enden: Der Vater meckert, weil der Sohn keine Anstalten macht, doch noch Internist zu werden, und die Mutter stichelt, weil die Tochter um die Welt reist und nicht vorhat, sesshaft zu werden.

Kinder brauchen bedingungslose Anerkennung – auch wenn sie schon erwachsen sind

„Solche Konflikte zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern sind recht häufig“, weiß Dr. Björn Enno Hermans. Der systemische Kinder-, Jugendlichen- und Familientherapeut berät in seiner Praxis in Essen regelmäßig Erwachsene mit solchen Erfahrungen. „Wer in seiner Kindheit von seinen Eltern wenig Bestätigung erfahren hat, wird als Erwachsener öfter mit einem geringen Selbstbewusstsein und großer Unsicherheit zu kämpfen haben“, sagt der Vorsitzende der „Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie“ (DGSF).

„Was Kinder, egal ob sie schon erwachsen sind oder nicht, von ihren Eltern brauchen ist bedingungslose Anerkennung und Liebe – unabhängig von ihren Lebensentscheidungen.“

Ganz egal, ob sich die Kinder für ein Leben als Künstler oder Weltenbummlerin entscheiden und ihre Eltern sich für sie etwas anderes vorgestellt haben.

Wer das Problem grundlegend angehen wolle, müsse eventuell auch eine Familienberatung in Betracht ziehen, sagt Hermans. Doch werden die Eltern, die den Weg ihrer Kinder nicht akzeptieren, hierzu überhaupt bereit sein? Hermans kennt Beispiele, bei denen es funktioniert hat, aber das ist nicht immer der Fall.

„Unsere kindliche Hoffnung ist, dass das Märchen doch noch gut ausgeht“

Auch der in Freiburg niedergelassene Psychotherapeut Wanja Kunstleben ist in seiner Praxis mit solchen innerfamiliären Auseinandersetzungen konfrontiert: „Wir versuchen oft lange, von unseren Eltern das zu bekommen, was uns vielleicht in der Kindheit gefehlt hat“, analysiert der Diplom-Psychologe. Etwa die Anerkennung vom Vater oder die Akzeptanz des eigenen Lebenswegs durch die Mutter.

„Unsere kindliche Hoffnung ist, dass das Märchen doch noch gut ausgeht. Aber in der Realität lassen sich manche Familienkonflikte leider nie ganz auflösen“, erklärt Kunstleben, zu dessen Schwerpunkten die Traumatherapie gehört. Kinder müssten dann lernen, diese Erkenntnis zu akzeptieren und ihren Frieden damit zu machen.

Wie kann man sich von den Eltern abgrenzen, ohne sie aus dem Leben zu verbannen?

Doch wie kann man sich von den Eltern abgrenzen, ohne sie ganz aus seinem Leben zu verbannen?

Bevor man sich als Kind von den Eltern zurückziehe, sei es oft wichtig, noch einmal eine grundlegende Aussprache zu suchen und die Eltern mit den eigenen Wünschen direkt zu konfrontieren, so der Psychotherapeut aus Freiburg. „Manchmal muss man nochmal an einer Tür rütteln, um sicher zu sein, dass sie nicht aufgeht.“ Wenn man dann wieder nicht die gewünschte Reaktion erhalte, sollten Kinder sich genau überlegen, unter welchen Rahmenbedingungen sie sich einen weiteren Kontakt vorstellen können.

„Vielleicht gibt es Themen, die man ausklammern möchte, um sich abzugrenzen“, so der Diplom-Psychologe. „Andere Bereiche, in denen die Beziehung besser funktioniert, kann man hingegen bewusst vertiefen.“ Oft helfe es auch, wenn man den Kontakt schlicht auf ein passendes Maß reduziere, oder zum Beispiel einen Besuch auf eine gewisse Zeit begrenze, bevor alle Beteiligten über ihre Grenze kommen.

„Häufig sind Schuldgefühle im Spiel“

Doch warum fällt es vielen Kindern so schwer, den Kontakt zu den Eltern einzuschränken, auch wenn er ihnen selbst nicht gut tut? „Häufig sind Schuldgefühle im Spiel“, sagt Kunstleben. „Wir fühlen uns für unsere Eltern verantwortlich, besonders wenn es ihnen vielleicht selbst nicht so gut geht.“ Kinder sollten sich klar machen, welche Verantwortung sie konkret wirklich übernehmen möchten, und wo es angemessen ist, sie zu begrenzen.

„Die Beziehung zu den Eltern ist zwar sehr wichtig und es ist gut, sich um einen guten Kontakt zu bemühen, aber nicht zu dem Preis, dass man selbst dadurch dauerhaft stark beeinträchtigt wird“, warnt Kunstleben. „Wenn der Umgang mit den Eltern erwachsene Kinder schwer belastet und eventuell sogar zu Depressionen führt, sollten sie sich damit auseinandersetzen und lernen, sich besser abzugrenzen. In besonders schweren Fällen kann es auch nötig sein, den Kontakt ganz abzubrechen.“ Das gelte zum Beispiel im Falle von schweren Traumatisierungen innerhalb der Familie, wie Missbrauchs- oder Gewalterfahrungen.

Eine längere Funkstille kann heilsam sein

Aber auch wenn man sich aus einer unguten Verstrickung lösen möchte, sei manchmal eine längere Funkstille heilsam, weiß Kunstleben aus Erfahrung in seiner Freiburger Praxis, und könne sogar wichtig sein, damit später doch noch der Weg zu einem Aussöhnungsprozess frei wird.

Manche Betroffene machten sich aufgrund des belasteten Familienverhältnisses Sorgen, ob sie überhaupt Kinder bekommen sollten. Sie fürchteten, selbst in die Muster ihrer Eltern zu verfallen. Doch wer sich diese bewusst mache, steuere bereits gegen. Und: „Wer seine Kinder stärkt und ihnen Positives mitgibt, hilft ihnen auch mit den möglichen Macken der Eltern umzugehen“, so Kunstleben. „Perfekt ist schließlich niemand.“

Die übernächste Generation kann sogar dafür sorgen, dass sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern wieder bessert, zumindest aber Veränderung eintritt: „Wenn sich Enkel ankündigen, entspannt sich häufig die Beziehung oder klärt sich noch einmal neu“, weiß der Essener Familien-Therapeut Hermans aus Erfahrung. „Kürzlich hat eine siebzigjährige Frau angerufen, sie wollte über Konflikte mit ihren erwachsenen Kindern sprechen und bat um eine Familientherapie.“