Aus vielen Erzählungen kennt man sie, die möblierten Herren. Und ihr Pendant, die gluckigen älteren Damen, die sich die Witwenpension mit dem Vermieten von Zimmern aufbessern. Manchmal muss es großartig gewesen sein, eine Art Wohngemeinschaft, wie im Musical Cabaret.

Aber oft hieß es auch: Die Politur der Tische, Betten, Stühle sei zu schonen. Hausschuhe, damit der Teppich nicht abgelaufen wird. Das Bad zwischen sieben und halb acht, die Dusche sparsam nutzen. Selbst elektrische Wasserzubereiter sind verboten, Damen- oder Herrenbesuch nur im gemeinsamen Wohnzimmer zu empfangen.

Möbliert wohnen, das war und ist für Millionen Studenten, Auszubildende, Monteure und andere Zeit-Arbeiter nicht nur eine Möglichkeit der Unabhängigkeit von den Eltern, des Ablegens von Wohn-Ballast, sondern auch unentrinnbare soziale Kontrolle. Verzweifelt sind oft die Versuche, mit Büchern, Bettwäsche, Farbdrucken den Zimmern eine eigene Note einzubringen.

Nichts hat solch möbliertes Wohnen zu tun mit jenen nonchalanten, sehr wohlhabenden Leuten in Romanen etwa von Somerset Maugham oder Sinclair Lewis, die im Paris oder Berlin der Zwischenkriegszeit statt eines Hotelzimmers gleich eine Wohnung auf Zeit mieten. Mit Tee servierendem Personal.

Genau an dieses Image schließen aber die derzeitigen Versuche der Immobilienwirtschaft an, das möblierte Wohnen sozial zu rehabilitieren. Es sei, wird behauptet, die Entsprechung zum Car-Sharing, zur Ökonomie des Teilens überhaupt: Ich nehme nur das in Anspruch, was ich in diesem Moment brauche, und lasse los, wenn sich die Umstände geändert haben. Fotos auf den einschlägigen Internetportalen zeigen aufgeräumte, luftige Räume, oft große Fenster, schimmernde Dielen oder Parkett.

Einrichtung meist gehobene Ikea-Moderne: Freundlich, hellholzig, schlank und rank in den Formen, aber nicht zu avantgardistisch. Eine bunte Tischdecke und ein pflegleichter Ficus Benjamini dürfen nicht fehlen, Bücherregale sieht man selten, Zeitungsständer nie. Der moderne Mensch liest, so die These, flüchtig und auf dem Tablet. Allergikerfreundlich sind Hunde, Katzen, Vögel oder Terrarien verboten. Über Fische kann verhandelt werden. W-Lan und Fernseher sind selbstverständlich. Rundumservice werde angeboten.

Ganz wichtig aber ist: Die Wohnung befinde sich im Zentrum des gesellschaftlichen Trubels, sei dennoch ganz leise. Dafür muss gezahlt werden. 10 Euro kalt und ohne Service werden selbst in krassen Nebenlagen aufgerufen. Im Stadtzentrum kann die Monatsmiete ohne Weiteres 5000, auch 8000 oder 12000 Euro bringen. Für große Firmen, die ihre Mitarbeiter nur auf einige Zeit verlagern, lohnt sich das dennoch: Sie sparen den Umzug, die Kollegen können durchstarten und auch mal Gäste empfangen.

Auch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab es in allen Städten Wohn-Etablissements, die mit Bett, Schrank und Tisch vermietet wurden. Im Allgemeinen nicht in den besseren Vierteln und nicht in den besseren Häusern, oft unter dem Dach. Im Hinterhof Erdgeschoss. Im Keller.

Viele Menschen konnten sich schlichtweg keine eigenen Möbel leisten, allenfalls die Matratzen und das Bettzeug, einige Töpfe und Schalen, die Wiege. Und jene Truhe, in der Frauen die Laken, Stoffe, Kleidung und sonstige Wertgegenstände aus ihrer Mitgift aufbewahrten. Die ganz Armen teilten sich das Bett nach Tageszeit.

Kurz: Die sozial noch nicht oder nicht mehr Etablierten: Soldaten, Matrosen, Gesellen, Studenten, Frauen, die sich allein durchs Leben schlugen. Priester- und Pfarramts-Anwärter, Lehrer, Intellektuelle oder Künstler überbrückten in möblierten Wohnungen die Zeit bis zur festen Anstellung an den Universitäten, Akademien oder bei Hofe. Aber sobald es eine Möglichkeit gab, dieser Situation zu entkommen, wurde sie angenommen. Und umgezogen in eine sei es noch so kleine Wohnung, in der man den eigenen Tisch, den eigenen Sessel, das eigene Bett aufstellte.

Die Reformer um 1900 haben sogar vehement gegen das möblierte Wohnen gekämpft. Es galt als unhygienisch und sozial destabilisierend. Allerdings gab es, vor allem in den USA mit ihrer geografisch und sozial hochmobilen Bevölkerung, auch Versuche, das möblierte Wohnen durch Gestaltung und Systematisierung aufzuwerten.

Das Boarding-House mit Portier und oft hotelgleichem Service für die kleinen Suiten war solch ein Versuch. Eineinhalb bis zwei Zimmer, gutes Bett, Sitzgruppe, Schreibtisch, Schrank, ein Bad oder wenigstens ein Waschbecken, WC. Kaum zählbar sind die Architekturwettbewerbe und Projekte, die sich seit den 1890ern mit diesem Thema beschäftigten. Aber auch hier galt und gilt: Boarding Houses waren Notlösungen.

Kürzlich in Prenzlauer Berg entdeckten wir jedoch eine Kellerwohnung. Etwas, wogegen die gesamte Wohnungsreform des 20. Jahrhunderts angekämpft hat. Leben mit Blick auf andererleuts Unterschenkel – schlichtweg indiskutabel. Aber die Wohnungsnot grassiert wieder, nach dem Ende des sozialen Wohnungsbaus Mitte der 1990er-Jahre, der Liberalisierung des Wohnungsmarkts, der Aufhebung steuerlicher Privilegien für selbstorganisierte Wohnungsbaugenossenschaften und dem hemmungslosen Verkauf von kommunalen Grundstücken. Nach Jahrzehnten beständig steigenden Platzverbrauchs – inzwischen liegt er in Deutschland bei 48 Quadratmeter pro Person! – ziehen die Menschen wieder zusammen.

Ortlosigkeit der Bewohner

Mancher Makler behauptet, möbliertes Wohnen sei ein Beitrag zur Lösung der Wohnungsnot. Es könne jene Zwischenbedürfnisse befriedigen, die sonst kostbaren Familienwohnungsraum verbrauchten. Ob aber jemand nur einige Tage in einer Ferienwohnung, Monate oder auch sein ganzes Leben lang möbliert wohnt, macht für den Vermieter keinen Unterschied aus. Ihm bleibt die Verfügung über die Wohnung und damit die Möglichkeit, Mieten kurzfristig und je nach Nachfrage zu erhöhen. Und es bleibt die Ortlosigkeit der Bewohner, die sich schon im Wortungetüm „Wohnen auf Zeit“ zeigt.

Wohnen ist nämlich eigentlich zeitlos, seitdem in der Jungsteinzeit viele Menschen sesshaft wurden, Landwirtschaft, Handwerk, Industrie, Kunst und Architektur entwickelten. Und damit auch die Möglichkeit, Geschichte, kulturelle Traditionen, soziale Bindung, politische Verantwortung für einen Ort.

Eine möblierte Wohnung hingegen, die die Persönlichkeit oder die Interessen des Bewohnenden ausdrückt, ist ein Widerspruch in sich. Auch jenes Apartment mit einer düster-schwarzen Einrichtung inklusive Boxsack, kantigen Möbeln und der Arbeitsanweisung „Ficken“ über dem Bett ist nicht individuell. Es ist zielgruppenorientiertes Marketing. Für 6500 Euro monatlich darf man sich groovig fühlen. Und gibt dafür alle Mieterrechte auf.