Ist drei mehr oder weniger als zwei plus zwei? Für Schimpansen ist eine solche Rechenaufgabe kein Problem. Zeigt ihnen ein Mensch zunächst ein Töpfchen mit drei Rosinen und anschließend eines mit zwei Rosinen, in das zwei hinzugegeben werden, so wird der Affe mit großer Wahrscheinlichkeit die vier Rosinen wählen - selbst wenn er den Inhalt nicht miteinander vergleichen darf. Menschenkinder im Alter von zweieinhalb Jahren dagegen sind nicht ganz so treffsicher.Ganz anders sieht die Sache aus, wenn es darum geht, Intentionen zu verstehen, sich also in andere hineinzuversetzen. Versteckt ein Versuchsleiter ein Spielzeug in einem von mehreren Bechern und ein anderer Erwachsener probiert anschließend erfolglos, einen bestimmten Becher zu öffnen, so wird sich ein Kind mit großer Wahrscheinlichkeit auch an diesem Becher versuchen. Denn es denkt: Da muss es drin sein, das Spielzeug! Wozu sollte sich ein Erwachsener mit einem leeren Becher abmühen? Schimpansen oder Orang Utans dagegen lassen sich nicht so sehr von dem Vorbild des anderen leiten und greifen wahllos zu.Beide Situationen gehören zu einer umfangreichen Testreihe, die Esther Herrmann und ihre Kollegen vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig entworfen haben, um die Unterschiede in den intellektuellen Fähigkeiten von Menschenaffen und Menschenkindern genauer zu ermitteln. Bisherige Studien zu diesem Thema waren oft nicht vergleichbar, da für Mensch und Tier unterschiedliche Methoden angewendet oder nur Teilaspekte untersucht wurden.Die Ergebnisse der Leipziger Studie sind nun im Wissenschaftsmagazin Science erschienen. Die Forscher bescheinigen darin den Kleinkindern eine besonders ausgeprägte soziale Lernfähigkeit, die spezifisch menschlich sei. Sie lösten 74 Prozent der Aufgaben richtig, bei denen es unter anderem darauf ankam, nonverbale Signale wie Zeigegesten zu verstehen, Handlungen nachzuahmen oder die Ziele ihrer Mitmenschen zu erkennen.Waren keine Menschen im Spiel, holten die Schimpansen und Orang-Utans auf. Bei Aufgaben wie dem eingangs geschilderten Rosinen-Problem, bei denen es darum ging, die unbelebte Welt zu begreifen, lagen sowohl die zweijährigen Kinder als auch die Schimpansen in 68 Prozent der Fälle richtig - Orang Utans in nur 59 Prozent. Getestet wurden 106 ausgewachsene Schimpansen und 32 Orang-Utans, die als Waisen in afrikanischen Schutzgebieten aufgezogen wurden und 105 Leipziger Kleinkinder.Die Forscher werten die Ergebnisse als ersten empirischen Beleg für die Hypothese, dass Menschen nicht grundsätzlich in allen Bereichen intelligenter sind als ihre nächsten Verwandten, wie es das dreifach größere Gehirn vermuten lässt. Vielmehr unterscheiden sie sich vor allem durch ihre sozialen Fähigkeiten vom Affen. Die ermöglichen es ihnen, sich in einer sozialen Gruppe oder Kultur besonders gut zurecht zu finden, deren Wissen zu verinnerlichen und es zu erweitern - die Forscher sprechen von einer kulturellen Intelligenz. "Menschen haben von Geburt an ein ausgesprochen gutes soziales Rüstzeug", sagt Esther Herrmann. "Damit können sie ihre kognitiven Fähigkeiten im Laufe ihres Lebens immer weiter auszubauen, also große Fortschritte machen - angefangen im Kindergarten über das Studium bis in das Berufsleben hinein."Zwar lernen Affen auch in sozialen Situationen, sie imitieren aber nicht. "Wenn man einem Kind zeigt, wie es mit einem Stein eine Nuss öffnen kann, so wird es die Handlung nachahmen", sagt Herrmann. "Ein Affe merkt: Aha, man kann Nüsse knacken und dabei könnte ein Stein hilfreich sein. Er spielt dann auch mit dem Stein herum. Aber wie er an das Innere der Nuss kommt, hat er sich nicht gemerkt." Während Menschen Wissen übernähmen und das eigene draufsetzten, erfinde jeder Affe für sich das Rad neu.Dass zweieinhalbjährige Kinder in den sozialen Tests besser abschnitten, hatten die Forscher erwartet. Aber dass die Kinder, die immerhin schon ein Jahr lang laufen und sprechen konnten, noch auf dem gleichen Niveau waren wie erwachsene Menschenaffen, wenn es um die unbelebte Welt ging, erstaunte Herrmann doch ein wenig.Bei räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen, Kausalketten und dem Einschätzen von Mengen - Fähigkeiten, die man benötigt, um Futter zu finden, auszuwählen und auch in schwierigen Situationen zu erhaschen - haben Menschenkinder den Menschenaffen zunächst nichts voraus. Und manchmal sind die Affen sogar besser: Legt man Futter für sie außer Reichweite und gibt ihnen einen Stock, so fangen sie sofort an, danach zu angeln. Ein Kind, dessen Spielzeug nicht erreichbar ist, kann mit einem Stock wenig anfangen. Es wartet lieber, bis die Erwachsenen helfen.Dass Schimpansen und Kinder in solchen Situationen ähnlich leistungsfähig sind, lege die Vermutung nahe, dass auch die letzten gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen vor sechs Millionen Jahren schon diese kognitiven Fähigkeiten nutzen konnte, sagt Herrmann. "Man könnte auch annehmen, dass der Schimpanse früher über ähnliche soziale Fähigkeiten verfügte und diese verloren hat. Aber das können wir weitgehend ausschließen, da wir als zweite Menschenaffenart Orang Utans getestet haben."Die besondere Begabung fürs Soziale habe sich also vermutlich erst ergeben, nachdem sich die Vorfahren von Menschen und Schimpansen unterschiedlich entwickelt hatten. Wahrscheinlich sogar erst vor ein bis zwei Millionen Jahren, sagen Herrmann und ihre Kollegen. Zu diesem Zeitpunkt seien differenzierte menschliche Kulturen nachzuweisen."Wir wollen in Zukunft Kinder aus unterschiedlichen Kulturen mit dieser Testreihe konfrontieren", sagt Josep Call, der maßgeblich an der Studie mitgearbeitet hat. So könne man beispielsweise feststellen, wie sich die verschiedenen Erziehungskonzepte auf die Entwicklung von Kindern auswirkten.Science, Bd. 317, S. 1360------------------------------Foto (2): Wenn es um soziale Lernfähigkeit geht, sind Kleinkinder Menschenaffen klar überlegen. Von Geburt an sind Kinder darauf geeicht, Verhalten nachzuahmen, Gesten zu deuten und die Ziele anderer zu verstehen. Wenn es um Dinge geht, etwa um das Einschätzen von Mengen, sind Affen im Vorteil.Foto: Spielen im Dienst der Wissenschaft: Esther Herrmann testete Schimpansen, Orang-Utans und Kleinkinder.