PEKING. Es erweist sich als schwierig in diesen Tagen, in Chinas Hauptstadt mit den Organisatoren der Olympischen Spiele zu sprechen. "Wir versuchen, da etwas zu arrangieren", verspricht Jeff, der smarte Amerikaner, den das Organisationskomitee als Kontaktmann zu ausländischen Medien eingekauft hat. Bis Mittwoch übermittelt er dann aber nur die Nachricht, dass man jetzt auf seiner Benachrichtigungsliste stehe. Eigentlich lädt Jeff jeden Dienstag zur Pressekonferenz unter dem Motto "Get to know". Doch in dieser Woche fällt das Kennenlernen aus, ausgerechnet in der Woche, in der die Olympische Fackel über die ersten von 137 000 Kilometern auf ihrer "Reise der Harmonie" getragen wird.Li Hai gehört zu denen, die Grund haben, die Ankunft der Flamme zu fürchten. Wir treffen den 54-Jährigen Dissidenten in einem Pekinger Café. Menschen wie er gelten den Machthabern in China als Störfaktoren für die verordnete Harmonie, die mit Olympia der Welt vorgeführt werden soll. "Schamlos" findet Li das Vorgehen seiner Regierung, die sich 2004 Religions- und Meinungsfreiheit in die Verfassung geschrieben hat: "Sie verletzt Menschenrechte unter den Augen der internationalen Öffentlichkeit, es ist ihr egal. Nicht nur in Tibet."Aber erst der Aufstand der Tibeter hat das Bild von zu erwartenden heiteren Spielen nachhaltig zerschreddert. Deshalb vielleicht ist einer wie der Amerikaner Jeff zur Zeit sprachlos. Deshalb klingelt Lis Handy andauernd während unseres Gesprächs im Café, zu dem auch Liu Di gekommen ist, die Frau, die unter ihrem Blogger-Namen "Stainless steel rat" (Edelstahlratte) in China Kultstatuts hat. Deshalb geht es im Gespräch erst einmal nicht um Olympia und das Für und Wider eines Boykotts, sondern um die Lage in Tibet.Ein Offener Brief wird noch telefonisch abgestimmt. "Wir unterstützen den Aufruf des Dalai Lama zum Frieden", steht darin, und dass die Regierung die gewaltsame Unterdrückung der Tibeter stoppen soll. 29 chinesische Intellektuelle, auch Li Hai, verlangen eine unabhängige Untersuchung, freie Berichterstattung und, das ist dem Autor Li wichtig, "eine zivile Sprache der Regierenden". Der Dalai Lama, von der Propaganda als "Bestie in Menschengestalt" bezeichnet, sei ein friedfertiger Führer. "Sie sollten sich fragen, was nach ihm kommt", sagt Li.Der Brief kursiert inzwischen im Internet. Welchen Mut es für die Unterschrift braucht, lässt sich daran messen, dass in China allein der Besitz eines Dalai-Lama-Bildes geahndet wird.Bestimmt aber lässt es sich messen an den Ereignissen, die Li Hais Leben geprägt haben. Tibet schmerzt, denn der Bürgerrechtler weiß, was Informationssperre bedeutet und mit welchen Mitteln sie durchgesetzt werden kann.Li war 1989 Doktorand der Philosophie an der Beijda, Pekings Elite-Universität, als die Militärkommission der Kommunistischen Partei unter Deng Xiaoping entschied, die Studentenproteste niederzuschlagen. Weil er ein Jahr später eine Gedenkfeier für die Toten organisieren wollte, wurde Li wie rund 700 weitere Pekinger in Haft genommen."Nur sieben Monate", sagt er lakonisch. Aber mit Dauerverhören und mehr als 20 Mitgefangenen in einer 15-Quadratmeter-Zelle. Als er rauskam, war er arbeitslos.Li wurde so etwas wie ein Archäologe der Erinnerung. Er recherchierte Informationen zum Tiananmen-Massaker, zur Zahl der Erschossenen, der Hingerichteten und Inhaftierten, zu ihrer Herkunft und zum Schicksal ihrer Familien. 1995 wurde er wegen Spionage angeklagt, und schließlich, da es dafür keine Beweise gab, wegen "Verrats von Staatsgeheimnissen" zu neun Jahren Gefängnis verurteilt.Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch forderten vergeblich seine Freilassung. Nichts davon bekam Li im Pekinger Liangxiang-Gefängnis mit. 18 Stunden täglich schnitt er Fäden von Schuluniformen, die nach Japan exportiert wurden. Er hauste mit kriminellen Gewalttätern, die ihn überwachten, auf winzigem Raum. Er wurde gefoltert. Das ist Normalität in chinesischen Gefängnissen. 2005 wurde er entlassen.Wie hält man so etwas durch?"Ich wusste, ich hatte etwas Richtiges getan", sagt Li nur.Die Zahl der Tiananmen-Opfer gilt bis heute als Staatsgeheimnis. Ausschließlich private Trauer ist erlaubt; Familien dürfen die Gräber ihrer ermordeten Angehörigen pflegen. Li Hai erzählt eine Geschichte, die sich am 4. Juni 2007 zugetragen hat, dem 18. Jahrestag des Massakers. In Chengdu in der Provinz Sichuan druckte eine Abendzeitung eine winzige Anzeige: "Salut für die Standhaftigkeit der Mütter der Tiananmen-Opfer." Eine junge Mitarbeiterin hatte den Text ins Blatt gesetzt. "Sie war 1989 noch ein Kleinkind, sie dachte, mit Tiananmen sei eines der vielen Bergwerksunglücke gemeint."Die Menschen vergessen vielleicht, aber die KP vergisst nie. Li ist bis heute kein freier Mann. In seinem Kalender hat er die Tage angekreuzt, die er seit der Entlassung aus dem Gefängnis unter Hausarrest stand. 96 Tage 2005, 174 Tage 2006 und seit September 2007 rund zweieinhalb Monate. "Einmal hat mir ein Polizist gesagt, er wisse, dass er Unrecht tue, aber das sei sein Job." Kein Gesetz erlaubt es, Chinesen in der eigenen Wohnung zu inhaftieren - aber so werden Kritiker zum Schweigen gebracht.Allein in Peking trifft die alltägliche Belagerung geschätzte 150 Menschen, Anwälte, Bürgerrechtler, Schriftsteller. Manchmal ohne erkennbaren Anlass, manchmal vorhersagbar, wenn ein Staatsbesuch ansteht, wenn die Partei einen Kongress abhält. Der Übergang zur Inhaftierung ist unwägbar. Li nennt den Aids-Aktivisten Hu Jia, im Dezember nach monatelangem Hausarrest verhaftet, nachdem er einer Anhörung des Europaparlaments telefonisch zugeschaltet war und die Olympischen Spiele als Menschenrechtskatastrophe bezeichnet hatte. Seine Frau und die erst wenige Monate alte Tochter stehen seither unter scharfer Bewachung.Noch zählt Li darauf, dass Sportfunktionäre und Politiker sich einsetzen. Seine nächste Formulierung wägt er, als ob sie zu groß wäre: "Für die Menschlichkeit." Was wäre es, die Freilassung derer zu fordern, die wegen Kritik an den Spielen in Gefängnissen oder unter Hausarrest leiden? Darauf aufmerksam zu machen, dass diese Spiele in einem Land stattfinden, in dem Millionen ohne Anklage in Lagern sitzen? "Wäre das nicht Politik?", fragt Li Hai.Im Grunde fragt er danach, ob es nicht eher die gängige Politik sei, zu schweigen und die Spiele als "Macht zum Guten" zu preisen wie IOC-Präsident Jacques Rogge. Oder als Veranstaltung, die Brücken baue, wie sein Vize Thomas Bach, der Berater von Unternehmen, die in China viel Geld verdienen. Der Sport tauge nicht als "Knüppel der Politik", sagt der deutsche Sportpräsident. Li Hai sagt, der auf Boykott oder Nicht-Boykott verkürzte Streit mache diese Abwehr leicht.Ein Gericht hat am Montag den Dissidenten Yang Chunlin, der für eine Petition "Menschenrechte statt Olympische Spiele" warb, zu fünf Jahren Haft verurteilt. Vor Li Hais Wohnung bezogen die Polizisten zuletzt Posten während des Volkskongresses bis Mitte vergangene Woche. Nun fürchtet er die Ankunft der Olympischen Flamme, denn er ahnt, dass auch die Spiele ihm erneuten Hausarrest bringen.Liu Di, die Bloggerin, teilt seine Meinung: "Die Olympiabauten", sagt sie knapp, "haben schöne Fassaden." Solcher Sarkasmus ist das Markenzeichen der "Edelstahlratte". Vor fünf Jahren rief Liu Di dazu auf, das Kommunistische Manifest auf dem Tiananmen zu verteilen. Ihre Verhaftung machte sie zu einer der ersten Cyberdissidentinnen, zum Symbol für unterdrückte Meinungsfreiheit. Westliche Beobachter fragten verwundert, wie eine so harmlose Psychologiestudentin den Zorn des Polizeistaates auf sich ziehen könne.Auch Liu Di hat später eine Antwort darauf gesucht. "Wir waren zu viert, als wir verhaftet wurden", erzählt sie. Einer der vier verschwand spurlos. "Er war der Radikale, er wollte einen Anschlag ausführen oder eine Partei gründen." In dem Haus, in dem er vorgegeben hatte, zu wohnen, kannte ihn niemand. Das Bürogebäude, in dem er vorgab, zu arbeiten, erwies sich als leere Ruine. Nach einigen Monaten gab sie die Suche auf: "Wie soll man einen Spitzel finden?"Liu glaubt, die Staatssicherheit habe ihren Plan erfüllen wollen - mit dem öffentlich gefeierten "Unschädlichmachen" einer konterrevolutionären Gruppe vor dem 16. Parteitag der KP. Nach einem Jahr im Gefängnis fragten Wärter das Mädchen, ob sie Verwandte in Deutschland habe. Ihre Freilassung, hieß es, war "ein Geschenk" vor einem Staatsbesuch von Bundeskanzler Schröder. Mehr Erklärungen bekam Liu Di nicht.Der Ursache ihrer Verhaftung ist Liu, die heute von Übersetzungsarbeiten für Nichtregierungs-Organisationen lebt, auf anderer Ebene näher gekommen: "Ironie", sagt sie, "zeigt eben die Mehrdeutigkeit von allem." Auch das stört in einem System, dem die Illusion von Eindeutigkeit zum Machterhalt dient.Li Hai und Liu Di berichten von rebellischen Bauern im armen Landesinneren, von Protesten gegen Umweltverschmutzung und Korruption, vom Zulauf zu Religionsgemeinschaften - von einem Land, in dem vieles außer Kontrolle gerät und die Anfänge einer Zivilgesellschaft unübersehbar sind. Wenn sich die Raupe des liberalisierten Marktes irgendwann doch als Schmetterling Demokratie entpuppen sollte, dann, weil immer mehr Chinesen Entwicklung nicht am höheren Bruttosozialprodukt messen, sagt Liu Di. "Es geht darum, welche Freiheiten sie uns ermöglicht."Liu Di verhält sich so, als ob sie in einem freien Land leben würde. Allerdings kann ihr äußerer Freiraum jederzeit gestrichen werden. Seit der Haftzeit steht auch sie immer wieder unter Hausarrest. Einmal fühlte sie sich so in die Ecke gedrängt, dass sie die Polizisten vor ihrer Wohnung angriff. "Das sollte nicht mein Leben sein, aber ich werde das nicht los", sagt sie. Deshalb interessiert sie an den Spielen ausschließlich, "wie lange sie dauern". Liu Di ist erst 27 Jahre alt.------------------------------Die Zahl der Tiananmen-Opfer ist bis heute ein Staatsgeheimnis. Ausschließlich private Trauer ist erlaubt.------------------------------Li Hai fürchtet die Ankunft der Olympischen Flamme, denn er ahnt, dass die Spiele ihm erneuten Hausarrest bringen.------------------------------Foto: Am Platz des Himmlischen Friedens in Peking: Ein chinesischer Polizist bewacht die Uhr mit dem Countdown für die Olympischen Spiele.