Da kommt die Kanzlerin, die Bürger dürfen fragen und die erste Frage ist: Warum waren Sie nicht beim Endspiel der Frauen-Fußball-Europameisterschaft? Die Frage kann man stellen. Aber wenn es keine anderen Probleme gibt, dann muss der Wahlkampf nicht mehr spannender werden. Sie habe Urlaub gehabt, antwortet Merkel. Aber sie habe Fernsehen geschaut und Daumen gedrückt. Außerdem gelobe sie Besserung.

Aber das ist glücklicherweise nur der Einstieg in die ARD-Wahlarena am Montagabend, in der der Sender Bürger die Kanzlerin befragen lässt und die Moderatoren nur als Beiwerk geschickt hat. Es ist ein Format, das funktioniert. Die Fragesteller sind kritisch und haken nach, sie verzichten auf Ergebenheitsadressen oder längliche Lobeshymnen – und bringen Angela Merkel dazu, etwas weniger gestanzt zu antworten als in Interviews oder im TV-Duell.

Da ist etwa der Betriebsrat aus Sachsen, der seit zehn Jahren als Leiharbeiter bei der selben Firma beschäftigt ist, gemeinsam mit 300 anderen. 30 Stammbeschäftigte habe der Betrieb noch, erzählt er. Merkel fragt erst einmal nach, als könne sie nicht glauben, was Gewerkschaften immer wieder berichtet haben. „Das ist ein sehr krasser Fall“, sagt sie dann, verspricht, sich die Sache genauer anzuschauen und schweift ab zum Thema Mindestlohn. Auf Nachfrage des Betriebsrats gesteht Merkel zu, die Verleihdauer gesetzlich konkreter zu regeln. Möglicherweise zumindest.

Merkel, die „Herzenseuropäerin“

Es folgt ein Mann, der Merkel bei der sozialen Marktwirtschaft packt. Leiharbeit und 450-Euro-Jobs seien damit nicht vereinbar, findet er. „Politik schafft auch keine Arbeitsplätze. Wir müssen die Balance finden“, gibt Merkel etwas knapp zurück.

Aber dann kommt Europa und es wird emotional. Merkels Herz spielt die tragende Rolle: Sie hat ein weites Herz für die, die gegen sie protestieren. Dem Deutsch-Italiener, der ihr vorwirft Europa gespalten zu haben, entgegnet sie: „Mein Herz schlägt enthusiastisch für alle in Europa.“ Dann fällt ihr noch das Wort „Herzenseuropäerin“ ein. Der Vorwurf von einst, Merkel gehe die Eurokrise zu technokratisch an, scheint gesessen zu haben.

Zur Erholung darf sich die Kanzlerin zwischendurch bei den Pflegekräften bedanken. Es geht um Schulpolitik und Menschenhandel. Eine Schülerin fragt nach der Privatsphäre im Internet nach dem NSA-Spähskandal, der bislang so gar nicht vorzukommen scheint im Wahlkampf. Merkel stolpert über die Aussprache des Worts Router („oder wie die heißen“), sagt aber, sie garantiere, dass in Deutschland deutsches Recht eingehalten werde.

Richtig ins Schwimmen gerät sie, als sie ein Schwuler nach dem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare fragt. Es ist die letzte Bastion für die Konservativen in der CDU. Sie werde da keinen Gesetzentwurf einbringen, antwortet also die Kanzlerin. Warum? Merkel findet das Stichwort Kindeswohl, sie sagt, sie wolle aber keinen diskriminieren. Die Sache ist ihr unangenehm. „Ich mag ja manch einem veraltet vorkommen. Das muss ich aushalten.“

Für die Lockerheit gab es bereits die Abteilung Auto: Selber zu fahren traue sie sich als Kanzlerin nur noch auf Waldwegen, sagt Merkel. Und ihre Sicherheitsbeamten seien ganz froh darüber.

Am Mittwoch ist Peer Steinbrück in der Wahlarena an der Reihe.