Früher, als Elektrogeräte noch groß wie Raumschiffe waren, brauchte man nicht an Platz und Buchstaben zu sparen. Radioregler wurden großzügig mit Wörtern wie "Rauschunterdrückung" beschriftet, spätere Stereoanlagen bekamen immerhin noch Tasten wie "Rumpel" und "Rausch". Erst in den 1970er-Jahren schrumpften die Geräte, der Funktionsumfang wuchs und das Piktogramm setzte sich durch.Piktogramme sind in günstigen Fällen länderübergreifend einigermaßen verständlich, sodass Hersteller mit ihrer Hilfe nicht nur Platz, sondern auch Zeit und Geld sparen können. Inzwischen hat sich die Ansicht halbwegs durchgesetzt, dass Icon-Designer ein, zwei Sekunden über Internationalisierungsprobleme nachdenken und nicht unbedingt einen Tisch auf dem Button abbilden sollen, mit dem man eine Tabelle ("table") erzeugt. Relativ unbeachtet bleibt aber das Problem der mangelnden Haltbarkeit vieler Metaphern.Schon kann man als Nicht-Nerd unter 35 eigentlich kaum mehr wissen, was das "Speichern"-Icon eigentlich darstellt. Unter 20 hat man eventuell noch nie den merkwürdig geformten Gegenstand gesehen, der auf vielen Handy-"Abheben"- und "Auflegen"-Tasten dargestellt ist. Das "Aufnahme"-Icon mit den Bandspulen ist schon länger ein Problem. Und bald wird in Quizshows danach gefragt werden, auf welche historischen Sachverhalte der Briefumschlag als Zeichen für "Mail" oder das "Schreibender Stift"-Icon für "Bearbeiten" zurückgehen.Das Problem dieser Piktogramme ist, dass sie eine neu entstandene Tätigkeit mit Hilfe einer alten zu erklären versuchen. Sobald die alte Praktik verschwindet, wirft die einst hilfreiche Metapher mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Ein Beispiel aus dem unelektronischen Bereich: In älteren Berliner Häusern gibt es Türklingeln in Form von Türklopfern - vermutlich, damit die Menschen in der Frühzeit der elektrischen Türklingel die Klingel erkennen und bedienen konnten. Ein Besucher aus dem 21. Jahrhundert denkt nur ratlos: "Da ist ein dekorativer Klopfer neben der Tür, aber wo ist die Klingel?" Genau das, was ursprünglich als Erklärdienstleistung gedacht war, macht den Gegenstand heute unverständlich. Mit zunehmender Beschleunigung der Produktentwicklung tritt das Problem aber nicht mehr nur beim Bedienen von Häusern auf. Der Fortschritt ist zu schnell für Metaphorik.Stellenweise zeichnet sich im Web daher eine Hinwendung zum guten alten Wort ab: Die meisten Google-Tools etwa setzen auf beschriftete Buttons oder solche, die ohne große Umwege das abbilden, was sie tun: "unterstrichener Buchstabe" oder "nummerierte Liste". Im Online-Texteditor Google Docs wurde das von Microsoft übernommene Icon zum Setzen von Links, das traditionell zwei Kettenglieder zeigte, kleinlaut wieder durch das Wort "Link" ersetzt.Auch Textförmiges ist nicht immer eine Hilfe, wie der 13-jährige Scott Campbell feststellen musste, als er im Juni dieses Jahres für das BBC Magazine eine Woche lang seinen iPod gegen einen Walkman eintauschte: "Ich hielt den ,metal/normal'-Schalter am Walkman für einen genrespezifischen Equalizer. Später fand ich heraus, dass man damit zwischen zwei verschiedenen Kassettenarten umschaltet."Wer hoffnungsvoll auf das seit einiger Zeit angekündigte Natural User Interface wartet, bei dem die Nutzer mit Hilfe "natürlicher, intuitiver Gesten" mit ihren Geräten interagieren, entgeht der Zwickmühle nicht. Schon jetzt beziehen sich Gesten wie "hast du mal die Uhrzeit?" oder "bitte mal das Fenster runterkurbeln" auf aussterbende Gegenstände und Praktiken.Vorsichtshalber sollte der Klingelknopf jedenfalls in Zukunft keine Glocke mehr zeigen ("Hä, komisch geformtes Ding?"), und der Lichtschalter im Treppenhaus keine Glühbirne ("Hä, komisch geformtes Ding?"). Wenn Baumarkt und Vermieter metaphorisch nicht mitziehen wollen, kann man sich immer noch damit behelfen, Glocke und Glühbirne künftig als abstrakte Symbole zu betrachten. Beim "Power on/off"-Symbol weiß schließlich auch kaum jemand mehr, dass es irgendwann aus einer 1 für "an" und einer 0 für "aus" entstanden ist. Allerdings scheint das Klingeln an der Tür sowieso auszusterben zugunsten der Textnachricht oder des Anrufs "Mach mal die Tür auf" - zumindest, bis die Zeugen Jehovas und die GEZ dahinterkommen.