Die deutsche Nation ist in Krisenzeiten regelmäßig in Intoleranz gegen Katholiken, in Judenhass und Fremdenfeindlichkeit ausgebrochen. Das gilt für 1807/1813, für 1870/1880 und für 1918/1923 (im letzten Fall ohne den Katholikenhass). Auch an der Massenvernichtung der Juden haben "wesentliche Teile des akademisch gebildeten deutschen Bürgertums" mitgewirkt. Das schreibt der Pädagogik-Professor Micha Brumlik und fragt: Welche Wurzeln hat die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in der deutschen Geschichte? Das klingt, als wolle Brumlik die Goldhagen-Debatte noch einmal eröffnen. Aber er spricht nicht pauschal vom deutschen "Volk". Brumlik spricht von deutschen Philosophen. Er untersucht die Texte von sechs führenden deutschen Philosophen zwischen 1790 und 1844 zur Judenfrage. Er sucht judenfeindliche Äußerungen bei Kant, Fichte, Schleiermacher, Hegel, Schelling und Marx (wobei es natürlich nicht selbstverständlich ist, dass die Philosophie Kants und sogar Marx als "Idealismus" charakterisiert werden). Brumlik ermittelt die Unterschiede zwischen diesen Denkern in der "Judenfrage". Dabei treibt er löblicherweise keine reine "Geistesgeschichte", sondern berücksichtigt Politik und Kultur der Zeit. Und er berücksichtigt auch Autoren mittleren Formats, zum Beispiel Mendelssohn, Wilhelm von Dohm, Bruno Bauer, Moses Heß.Keiner der untersuchten Denker erhält von Brumlik die Absolution. Selbst bei Kant findet er "judenfeindliche Texte". Fichte sei ein "leidenschaftlicher Judenfeind" gewesen, er lehre deutlichen "Antisemitismus", sogar "Eliminationsantisemitismus"; manche seiner Ansichten komme "Hitler sehr nahe". Schleiermacher, der eine jüdische Freundin hatte, aber auf deren Taufe drängte, schwankte zwischen Zuneigung und Abwehr; aber sein "theologischer Antijudaismus", schreibt Brumlik, werde zunehmend mehr "sozialer Antisemitismus". Er betone nach dem preußischen Zusammenbruch von 1806 mehr und mehr den kompakten Charakter von Staat und Nation und werde mehr und mehr antisemitisch. Er blieb allerdings insofern liberal, als er für die Unabhängigkeit staatsbürgerlicher Rechte gegenüber jeder Religion eintrat.Hegel kommt in Brumliks Gerichtsverhandlung fast ungeschoren weg. Nach anfänglicher schroffer Entgegensetzung von griechischer Volksreligion und Judentum/Christentum wird er zunehmend ein "vorbildlicher Liberaler". Freilich bleibt es bei ihm wie bei fast allen Philosophen dieser Zeit bei der Annahme, das Judentum (als Religion) stelle eine überwundene Stufe der Menschheitsentwicklung dar. Als Rechtsphilosoph wurde er zum Kritiker des "völkischen Antisemitismus". Schelling verzichtet nicht auf antijüdische Redensarten, aber er anerkennt den wertvollen Beitrag der Juden zum Fortschritt der Menschheit, und er begründet im Jahr des preußischen Judenedikts die Menschenrechte der Juden. Marx sei in einer Haltung zur Judenfrage von Hegels Sicht des Judentums geprägt. Er verteidigte den jüdischen Anspruch auf staatsbürgerliche Gleichberechtigung, war aber persönlich, wie Brumlik sagt, "ein glühender Antisemit". Nur der "rationale Kern" seiner Position sei nicht antisemitisch. Insgesamt habe Marx sich "geradezu obsessiv antisemitischer Klischees" bedient. Wenn die Philosophen von Marx gegen "Judentum" polemisierten, dann bezog sich das auf Ritualismus und Buchstabenglaube. Sie sagten "Judentum" und meinten die traditionellen Reste im Protestantismus, den sie als Religion der Geistesfreiheit stilisierten. Bei Marx bedeutet "Judentum" Geldgier, Wucher, Schacher. Dann lautet das Ziel: Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum. Natürlich ist gemeint, dass die Juden sich als Menschen zu verstehen hätten, dass der Krämergeist überwunden werden soll. Aber Brumlik findet bei Marx Fantasiebilder vom Verschwinden der Juden; in Briefen spreche Marx vom Schmutz und der Klebrigkeit der Juden; er drücke sich so verächtlich aus, dass man heute diese Passagen nicht mehr lesen könne, ohne an den "Stürmer" erinnert zu werden.Brumliks Buch ist notwendig und instruktiv. Aber es ist nicht gut geschrieben; er quält den Leser mit seinen Bandwurmsätzen. Und es ist nicht immer klar, worauf seine Bewertungen hinauslaufen. Er gebraucht die Ausdrücke "Antijudaismus" und "Antisemitismus", ohne den Unterschied zu erklären. Er spricht von Kritik am Judentum und vermeidet es nicht immer, sie als Judenfeindschaft auszulegen. Dies ist deswegen merkwürdig, weil Brumlik mit Recht betont, die Philosophen, die er behandelt, hätten von "Judentum" eine eigene, eine religionsphilosophische Definition gegeben. Philosophen sind terminologisch zu lesen; man muss ihnen bis zum Beweis des Gegenteils unterstellen, sie hätten sich an ihre Definition gehalten. Wenn Kant das Judentum als Ritualismus, als "statutarische Religion" kritisiert, wenn der junge Marx sagt, er verstehe unter "Judentum" die Geldgier, dann ist das keine Feindschaft gegen konkrete Menschen, sondern gegen ein überwundenes Religionsstadium oder eine kapitalistische Eigenschaft.Brumliks Buch ist methodisch schwach. Es fehlt der Sinn für die historische Differenz. Brumlik nimmt Wörter der Philosophensprache von 1800, als stünden sie in einer Rede von Goebbels. Er studiert keine Verschiebungen der Begriffe. So entdeckt er selbst beim bisher unbescholtenen Kant "judenfeindliche Texte". Jüdische Kantianer wie Hermann Cohen und Ernst Cassirer fanden an Kant nichts auszusetzen, Brumlik findet doch etwas; nicht in den großen Werken Kants, wohl aber an zwei Stellen in spätesten Schriften Kants. So spricht Kant im Streit der Fakultäten von 1798 von der jüdischen Religion und schreibt: "Die Euthanasie des Judentums ist die reine moralische Religion." Es ist klar: Der Zusammenhang ist die Religionsphilosophie. Ganz eindeutig ist von Judentum die Rede, nicht von Juden. Kant faßt den Begriff "Judentum" so: Ritualismus, statutarische Religion. Jeder Mensch ist verpflichtet, den Übergang zur natürlichen Religion, also zur Vernunftreligion zu suchen. Vernunftreligion, das heißt: Seine moralischen Pflichten als Gebote Gottes ansehen. Brumlik sieht diesen Zusammenhang, äußert sich dann aber unsicher und spricht moralisierend vom "intellektuellen Hochmut" Kants. Vor allem erschreckt ihn das Wort "Euthanasie". Er studiert aber nicht die genaue Bedeutung, die das Wort in der Sprache Kants hatte, sondern unterstellt, Kant habe so ungefähr geredet wie die Nazi-Ärzte auch. Bei Kant bedeutete "Euthanasie" die sanfte Selbstverwandlung der jüdischen, statutarischen Religion in Vernunftreligion. Es geht um die Menschenpflicht, aus dem Naturzustand herauszutreten und in ein ethisches Gemeinwesen einzutreten. Dieses ist die wahre Kirche. Die Polemik gegen das Judentum wendet sich gegen den statutarischen Charakter, gegen das Festhalten an Ritualen und äußeren Vorschriften wie das Fischessen der Katholiken am Freitag.Brumliks Buch ist keine verlässliche philosophiehistorische Untersuchung. Über Voltaire oder Abaelard schreibt er geradezu abenteuerlich. Aber auch seinen sechs Angeklagten tritt er in der Manier eines Staatsanwaltes gegenüber, der aus Nebentönen und abgelegenen Äußerungen eine Komplizenschaft beweisen will. Besonders unfreundlich geht er mit Marx um. Man muss kein Marxist sein, um falsch zu finden, dass Brumlik Marx als Wurmfortsatz des Idealismus behandelt. Er führt als einziges Hauptzeugnis einen Text an, den Marx 40 Jahre vor seinem Tod geschrieben hat.Brumlik legt zu Recht den Akzent auf die Religionsphilosophie. Doch dieser Vorzug wird aufgewogen durch die Neigung, alles und jedes auf Religion zurückzudatieren, auch die Aufklärung und Marx. Originell, aber philologisch unhaltbar ist die Interpretation von Hegels Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft als Theorie des Judentums. Es geht dort um Arbeit, Bearbeitung der Dinge, der Gegenstände. Bei Schelling sieht Brumlik den schwer beweisbaren Einfluss der Kabbala und sieht nicht den nachweisbaren Einfluss von Giordano Bruno. Brumliks Werk ist ein wichtiges, aber unausgeglichenes und handwerklich schlechtes Buch. Wirklichen Nutzen bringt es nur dem, der die Texte der inkriminierten Philosophen zuvor gelesen hat.Micha Brumlik: Deutscher Geist und Judenhaß. Das Verhältnis des philosophischen Idealismus zum Judentum. Luchterhand, München 2000. 351 S., 48 Mark.Klingt wie Goebbels, ist aber nicht Goebbels. Kant ahnte nicht, dass alle Aussagen gegen ihn verwendet werden können.