Dieser Mann macht den besten Müll der Welt. Die jüngste Idee des Michael Braungart ist eine gefrorene Folie voller Pflanzensamen - zur Verpackung von Eiscreme: "Sie reißen die Folie auf, schmeißen sie ins nächste Gebüsch, und während Sie Ihr Eis lutschen, taut die Verpackungsfolie und übrig bleiben die Pflanzensamen." Um der Natur neues Leben zu spenden. Wie schön.Dieser Mann wirkt wie ein Elixier gegen den Weltschmerz. Sobald der Name Braungart fällt, beginnen kummergewohnte Manager multinationaler Konzerne hemmungslos zu schwärmen. "Braungart kann man nur lieben!", gesteht der Kommunikationschef der deutschen Unilever-Gruppe Rüdiger Ziegler, ein ansonsten eher unsentimentaler Endfünfziger, und ist "dem Schicksal so dankbar, dass ich ihm begegnet bin". Peter Donath, Ressortleiter Umwelt, Gesundheit und Sicherheit bei der Ciba Spezialitätenchemie in Basel, bekennt freimütig "ein sehr freundschaftliches Verhältnis mit Michael Braungart." Und Johannes Merck, Leiter der Umweltabteilung beim Hamburger Versandhaus Otto, nennt Braungarts Ideen "absolut faszinierend. Man muss sich einfach dafür begeistern."Sogar in der US-Regierung hat Braungart seine Fürsprecher sitzen. So zeigt sich der stellvertretende Umweltdirektor im White House Office of Science and Technology Policy, Paul T. Anastas, vertraut mit dessen Arbeit, und er schätzt dessen "Optimismus, dass jeder von uns fähig ist, sich selbst, die Gesellschaft und unser Verhältnis zur Biosphäre zu verändern". Anastas veranlasste obendrein seinen Präsidenten George W. Bush, der bis heute die Ratifizierung der internationalen Klimaschutzbeschlüsse im Kyoto-Protokoll verweigert, dem deutschen Ökologie-Visionär den Green Chemistry Award 2003 zu überreichen. Braungart dankte dem amerikanischen Regierungschef und erklärten Todesstrafenanhänger mit dem Ratschlag, er möge doch die elektrischen Stühle in Texas mit Windenergie antreiben. "Dann würde er mit der Todesstrafe einen Beitrag zum Umweltschutz leisten."Tatsächlich tut Michael Braungart alles Erdenkliche, um sich bei der Industrie und Regierungen unbeliebt zu machen. Der 46-jährige Professor für Chemische Verfahrenstechnik an der Fachhochschule Nordostniedersachsen in Suderburg und zwischenzeitliche Gastprofessor am Massachusetts Institute of Technology in Boston propagiert nämlich nichts Geringeres als die "nächste industrielle Revolution: Wir müssen alles, was wir sehen, noch mal neu erfinden." Braungart attackiert nicht bloß die traditionellen Umweltsünden der industriellen Infrastruktur; diese Öko-Debatte der siebziger und achtziger Jahre ist überholt. Er geht viel weiter und kritisiert die Umweltschutz-Strategien, wie sie längst in vielen großen Wirtschaftsunternehmen Einzug gehalten haben. Diese Strategien folgen dem Konzept der Öko-Effizienz, das spätestens seit dem Umweltgipfel von Rio de Janeiro 1992 ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt ist: Vermindern, (Wieder-) Verwenden, Verwerten. Was kann daran verkehrt sein? "Öko-Effizienz könnte durchaus ein nützliches Werkzeug sein", gibt Braungart zu. "Aber all das ist nur das Vorspiel für das, was als Nächstes kommen muss. Denn Öko-Effizienz verspricht keinen Erfolg auf lange Sicht. Sie reicht nicht tief genug. Sie setzt nicht innerhalb des Systems an, welches die Schwierigkeiten verursacht hat." Kein Problem, so zitiert Braungart den Querdenker Albert Einstein, kann mit der Denkweise gelöst werden, durch die es entstanden ist.Öko-Effizienz ist das Konzept des "doing more with less". Es macht das bisherige zerstörerische System bloß in Teilbereichen weniger zerstörerisch. "Es gilt schon als Umweltschutz, wenn ein Bauer das Grundwasser etwas weniger verseucht. Dafür wird er mit ,Naturschutzgeld' entschädigt." Ganz so, "als würden Eltern dafür entschädigt, dass sie ihre Kinder statt zehn Mal nur noch fünf Mal am Tag schlagen. Dieser Schutzbegriff ist einfach pervers. Ein bisschen weniger kaputt zu machen als Schutz zu bezeichnen!"Doch obwohl Michael Braungart das herkömmliche industrielle Denken so radikal in Frage stellt, schätzen ihn die Wirtschaftsbosse ungemein. Der Ciba-Mann Peter Donath hat Braungart 1986 kennen gelernt, als dieser als Greenpeace-Aktivist die so genannte Rhein-Kampagne leitete und auf dem Baseler Ciba-Gelände einen Schornstein besetzte. Weil der Werksleiter Anton Schaerli damals ("Dort oben ist ja eine Dame dabei, da muss ich Blumen schicken!") anstelle des Räumkommandos zu den Demonstranten eine Frühstückseinladung schickte, kamen die Umweltschützer um Braungart mit den Chemie-Managern ins Gespräch. "Braungart hatte eine unnachahmliche Art, uns die Meinung zu sagen", erinnert sich Donath. "Sehr pointiert, fast ein bisschen zynisch - das hat uns imponiert. Das kann uns eigentlich nicht schaden, sagten wir uns. Wir machen ja einen Haufen dummes Zeug. Und wenn wir unsere ganze Kultur ändern wollen, dann müssen wir jemanden haben, der uns immer mal wieder den Spiegel vorhält."Genau dies hatte Braungart, Sohn eines schwäbischen Schulrektors, im Sinn, als er sich in den siebziger Jahren anschickte, Chemie zu studieren. Die Eltern und Geschwister fragten: Wieso Chemie? Warum nicht Geschichte oder Philosophie? Braungart hatte den Bericht des Club of Rome gelesen, "Die Grenzen des Wachstums". "Die Geschichte und die Kultur wird bald gar nicht mehr existieren, wenn ihr so weiter macht!", sagte er ihnen.Also studierte er sich durch die Universitäten von München, Konstanz, Darmstadt und Zürich, "um alles Mögliche über Umwelt zu lernen". 1978 gründete er mit dem Bestsellerautor Herbert Gruhl ("Ein Planet wird geplündert") die "Grüne Aktion Zukunft", den Vorläufer der Grünen Partei. 1982 stieß er zu Greenpeace, baute dort den Bereich Chemie mit auf, wurde nach seiner Promotion 1985 hauptberuflicher Leiter der Abteilung, ließ sich auf Aktionen verprügeln und heiratete 1986 die "Königin von Greenpeace", Monika Griefahn. Mit der späteren Umweltministerin Niedersachsens und heutigen SPD-Bundestagsabgeordneten hat er drei Kinder. Die Ciba-Manager ermunterten Braungart, eine Beratungsfirma aufzumachen. Mit Hilfe von Projektaufträgen von Ciba und Greenpeace startete er 1987 seine Firma EPEA (Environment Protection Encouragement Agency) in Hamburg. Zwei Jahre später gründeten Braungart und seine Ehefrau zudem das Hamburger Umweltinstitut, das sich, gespeist durch Spenden und EPEA-Überschüsse, gemeinnützigen Forschungsprojekten widmen kann.Sein Hauptförderer, der Ciba-Boss Alex Krauer, schickte seinen Berater Braungart auf Weltreise, um von "unterschiedlichsten Kulturen zu lernen, was Nachhaltigkeit bedeutet". Braungarts Lektion: "Das Hauptkriterium bei der Beurteilung von Chemie und Nachhaltigkeit ist in anderen Kulturen, ob das Zeug in der Muttermilch auftaucht oder nicht." Von Urwald-Bewohnern lernte er Nährstoffmanagement: "Die rühren sich die Asche ihrer Verstorbenen in den Bananenbrei, um sich mit Mineralien zu versorgen."1991 kehrte er zurück und "wusste, was los ist". Abfall ist Nährstoff, so lautet Braungarts Formel seither. Seine Mission konnte beginnen. Seine Hamburger EPEA-Zentrale vernetzte er mit eigenen Büros oder Kooperationen in London, Moskau, Sao Paulo und New York. Dort lernte er seinen amerikanischen Mitstreiter kennen, den ökologisch engagierten Architekten William McDonough (48), mit dem er sich 1995 zur Firma McDonough Braungart Design Chemistry in Charlottesville, Virginia, zusammentat. Bei EPEA beschäftigt Braungart dreißig Mitarbeiter, in den USA sind es weitere hundert.Gemeinsam mit McDonough nahm Braungarts intelligentes Produktdesign seine heutige Gestalt an: "Cradle to cradle" (Von der Wiege zur Wiege) heißt das Konzept, mit dem Braungart die kommende industrielle Revolution herbeiführen will. Während die Industrie heutzutage die Umwelt durch Schadstoffverminderung und sparsamen Rohstoffverbrauch schonen will, propagiert Braungart genau das Gegenteil: Verschwendung, Konsum, Überfluss - aber eben mit den richtigen, weil unschädlichen Materialien. Denn egal, wie sehr die Hersteller mittlerweile umweltschädliche Substanzen reduzieren - am Ende landen nicht abbaubare Chemikalien auf den Sondermülldeponien. Cradle to grave, von der Wiege zum Grab, sozusagen. Das mag effizient sein, vervielfacht aber die Vergiftung unserer Lebenswelt.Braungart plädiert stattdessen für Öko-Effektivität und nimmt die Natur als Vorbild: "Die Natur produziert seit Jahrmillionen völlig uneffizient, aber effektiv. Ein Kirschbaum bringt Tausende von Blüten und Früchten hervor, ohne die Umwelt zu belasten. Im Gegenteil: sobald sie zu Boden fallen, werden sie zu Nährstoffen für Tiere, Pflanzen und Boden in der Umgebung.""Öko-Effizienz bedeutet, giftige Substanzen sparsam zu verwenden und am Ende zu deponieren. Öko-Effektivität bedeutet, mit ungiftigen Substanzen verschwenderisch umzugehen und sie in Kreisläufen zirkulieren zu lassen. Eben so, wie es die Natur uns vormacht."Praktisch schlägt Braungart zwei getrennte Kreislaufsysteme vor: den biologischen Kreislauf und den technischen Kreislauf. Im biologischen Kreislauf zirkulieren die natürlich abbaubaren Substanzen - Materialien, die im weitesten Sinne essbar sind. Dazu zählt Braungart neben den primären Lebensmitteln die Verpackungen, die wir dann bedenkenlos in die Landschaft werfen könnten, weil sie verrotten und der Natur als Nahrung dienen. Hierzu zählen aber auch Textilien oder Möbelbezüge, deren Abrieb wir in Form von Mikropartikeln permanent einatmen, also letztlich verzehren. Als Richtschnur für biologische Kreisläufe definiert Braungart, ob sich eine Substanz in der Muttermilch anreichert oder ob sie abgebaut wird. Davon sind wir heutzutage weit entfernt: "Es gibt in allen OSZE-Ländern seit siebzehn Jahren keine einzige Muttermilchprobe, die als Trinkmilch vermarktet werden dürfte."In den technischen Kreislauf gehören jene Stoffe, "die so konstruiert sind, dass sie in den industriellen Kreislauf zurückkehren können, dem sie entstammen". In einem gewöhnlichen TV-Gerät hat Braungart beispielsweise 4 360 Chemikalien entdeckt. "Manche davon sind giftig, andere jedoch wertvolle Nährstoffe für die Industrie, die verschwendet werden, wenn der Fernseher auf einer Mülldeponie landet." Dabei könnten sie intelligenterweise "in ihrer hohen Qualität innerhalb eines geschlossenen industriellen Kreislaufs weiterzirkulieren". So kann "ein robustes Computergehäuse fortwährend als robustes Computergehäuse zirkulieren - oder als ein anderes hochwertiges Produkt, wie zum Beispiel als Autoteil oder medizinisches Gerät", anstatt zur Schallschutzwand oder zum Blumentopf downgecycelt zu werden.Vollends praktikabel wird der technische Kreislauf mit Braungarts Idee des "Dienstleistungsprodukts": Danach werden die Verbraucher ihre Produkte nicht mehr kaufen, besitzen und beseitigen, sondern all jene Erzeugnisse, die wertvolle technische Nährstoffe enthalten (beispielsweise technische Geräte und Auslegeware), als Service in Anspruch nehmen. Die Kunden zahlen künftig für eine bestimmte Nutzerzeit, etwa zehntausend Stunden TV, anschließend geben sie das Produkt an den Hersteller zurück. Der zerlegt es dann und verwendet die Materialien für neue Produkte.Alles nur Zukunftsmusik? Bloße Wachträume eines fantasiebegabten Öko-Visionärs? Keineswegs. Auf Braungarts Kundenliste sind namhafte Adressen versammelt, darunter Nike, BASF, Degussa, Volkswagen, Wella und Unicef.Für den Chemiehersteller Dow Chemical hat Braungart eine Idee ersonnen unter dem Motto: "Mieten Sie ein Lösungsmittel". Damit werden beispielsweise Schmierfette von Maschinenteilen entfernt. Üblicherweise kaufen Unternehmen das billigste Lösungsmittel, selbst wenn sie es um den halben Erdball transportieren müssen. Nach Gebrauch lassen sie den Lösungsmittelabfall entweder verdunsten oder leiten ihn ins Abwasser. Die Braungart-Methode sieht einen Entfetter-Service mit hochwertigen Lösungsmitteln vor, ohne die Chemikalie selbst zu verkaufen. Der Serviceanbieter fängt die Emissionen auf und trennt das Lösungsmittel vom Schmierfett, um es weiterhin zu verwenden. Dies veranlasst einerseits den Anbieter, Lösungsmittel von hoher Qualität zu benutzen, andererseits werden somit giftige Substanzen vom Abwasser fern gehalten. Mittlerweile interessiert sich auch der Chemieriese DuPont für dieses Konzept.Die Vorteile liegen auf der Hand: Sollte dieses System eines Tages konsequent eingesetzt werden, würde kein unbrauchbarer, womöglich giftiger Abfall anfallen, die Hersteller könnten Materialkosten in Millionenhöhe einsparen, und die Förderung von Rohstoffen könnte zunehmend aus dem Produktionsprozess verschwinden, da die Nährstoffe für neue Produkte ständig zirkulieren. Dies bedeutet für die Hersteller noch mehr Einsparungen. Der Umwelt käme es allemal zugute.Als William Clay Ford jr., Chef der Ford Motor Company und Urenkel des Gründers Henry Ford, im Mai 1999 bekanntgab, für zwei Milliarden Dollar die riesige Produktionsanlage River Rouge in Dearborn, Michigan, umzubauen, erhielt Braungarts Partner McDonough den Auftrag, diesen "Totalumbau zu einer Ikone der nächsten industriellen Revolution" zu leiten. "The Rouge" galt einst als ein Wunder der Arbeitsplanung und Wahrzeichen der modernen Industrie. Als William Ford Konzernchef wurde, fand er das Gelände zu einem Schrotthaufen verkommen vor. Erklärtes Ziel war, ein Firmenareal zu schaffen, auf dem die Kinder der Arbeiter gefahrlos spielen konnten. Am Beispiel des Regenwassermanagements wird deutlich, wie dies dem McDonough-Team gelingt. Die gesetzlichen Bestimmungen zur Wasserreinhaltung verlangten neue Betonröhren und Aufarbeitungsanlagen, die das Unternehmen bis zu 48 Millionen Dollar gekostet hätten. McDonough entschied sich stattdessen für eine öko-effektive Lösung. Die neue Anlage wird Gründächer haben, die bis zu 50 Millimeter Regenwasser speichern, auf den Parkplätzen wimmelt es von Lochsteinen, die ebenfalls Wasser aufnehmen. Von dort sickert das Regenwasser in einen Sumpf, wo es durch Pflanzen, Mikroben, Pilze und andere Organismen gereinigt wird. Danach wird es durch Gräben voller heimischer Pflanzen in den Fluss geleitet. Drei Tage benötigt das Regenwasser für diesen Weg. Auf diese Weise wird Wasser wie Luft gereinigt, Lebensraum geschaffen und die Landschaft verschönert. Das Unternehmen spart obendrein eine Menge Geld - schätzungsweise bis zu 35 Millionen Dollar.Für die Schweizer Firma Lantal, den weltweit größten Ausrüster hunderter Fluggesellschaften mit Sitzbezügen, entwickelte Braungart ein Patent für "essbare Möbelbezugsstoffe: Wenn ich darauf sitze, esse ich den Bezug praktisch. Ich rutsche hin und her, den Abrieb atme ich ein und nehme ihn durch Millionen von Molekülen in mich auf." Dementsprechend ist Braungarts High-Tech-Kunstfaser Climatex kompostierbar, biologisch kreislauffähig und flammhemmend - ausgezeichnet mit dem Schweizer Designpreis und Ausstellungsstück im New Yorker Solomon Guggenheim Museum.Für den Kosmetik- und Reinigungsmittelkonzern Unilever renovierte er das Duschgel CD, indem er die bisherigen 22 Inhaltsstoffe, zum Teil billigste Zutaten, auf neun umso hochwertigere Inhaltsstoffe reduzierte. "Wir fragten uns: Was für ein Waschmittel will der Fluss?" Zwar waren die neuen Chemikalien teurer als die alten, trotzdem wurde der gesamte Produktionsprozess durch einfachere Zubereitung sowie geringere Lageranforderungen um fast 15 Prozent billiger. Für den weltgrößten Teppichbodenhersteller Shaw-Industries entwickelte Braungart einen Zwei-Komponenten-Teppichboden, bestehend aus einer Verschleißschicht und einer Verbleibschicht. "Die Verschleißschicht nehme ich raus und kann sie kompostieren, die Verbleibschicht bleibt drin und kann mit einer neuen Verschleißschicht bedeckt werden." Für diese Idee erhielt Braungart den US-Green Chemistry Award 2003. In London hat das Science Museum seinem Cradle-to-cradle-Konzept sogar eine komplette Ausstellung gewidmet: "Smart designs look to the future", heißt es auf der entsprechenden Internetseite. "Unsere Zukunft wird nicht bloß im Abfall der Vergangenheit versinken."Gleichwohl setzen Braungarts Visionen ein grundlegendes Umdenken voraus, das bislang nur mühsam vorankommt. Aber Braungart weiß, zu welchen psychischen Verwerfungen die jahrhundertelange Naturzerstörung im Menschen geführt hat. "Unsere gesamte Umweltsprache ist eine Schuldsprache. Mir ist schon als Zivildienstleistender in Altersheimen aufgefallen, wie sehr in unserer Gesellschaft mit schlechtem Gewissen, mit Schuldzuweisungen die Leute kontrolliert und gebrochen werden. So läuft auch die ganze Umwelt- und Mülldiskussion völlig moralisierend ab. Der ökologische Fußabdruck, den der Mensch hinterlässt, solle möglichst klein sein - das ist eine ganz und gar protestantische Lebenshaltung. Ich will das Gegenteil: Mein Fußabdruck soll möglichst groß sein, denn ich möchte wichtig genommen werden. Nur soll dieser Fußabdruck bitteschön in einem Feuchtgebiet sein." Das gelingt jedoch nur in einem partnerschaftlichen Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt. Also mit "ökologisch intelligenten Produkten", die, anstatt die Welt ein bisschen weniger zu zerstören, der Umwelt wohl tun. Geht das überhaupt? Schadstoffe vermeiden anstatt sie bloß zu vermindern? Chemische Erzeugnisse, die biologisch so unbedenklich sind, dass wir sie essen können? Verpackungen, die wir bedenkenlos in die Landschaft werfen können, weil sie komplett zerfallen? "Selbstverständlich gibt es das alles", sagt Peter Donath von Ciba. "Heute gibt es so viele biologisch abbaubare Polymere - es wäre überhaupt kein Problem, Verpackungen herzustellen, die in der Erde verrotten. Es ist nur kein Anreiz da, so etwas zu tun."Ein T-Shirt beispielsweise, berichtet Donath, kostet heute in der mittleren Preisklasse 15 Euro. "Wenn Sie sich anschauen, was darin an Chemie enthalten ist, dann können Sie das mit schlechter Chemie machen für 5 Cent oder mit guter Chemie für 10 Cent. Aber keiner nimmt die gute Chemie - lieber spart man 5 Cent. Es ist völlig irrational."So irrational findet Braungart diese Mentalität der Industrie-Manager gar nicht. "Die Leute, die sich in den Betrieben um so etwas kümmern, haben eine große Schwierigkeit: Sie haben jahrzehntelang etwas gemacht, was zwar legal war, aber eben die Umwelt belastet und die menschliche Gesundheit kaputt macht. Jetzt sollen sie auf einmal alles in Frage stellen, was sie getan haben. Dass dies nicht reibungslos gelingt, mag vielleicht nicht rational sein, aber aus der Psyche des Menschen ist es gut zu verstehen."Dabei müssten diese Leute in ihren Köpfen gar nicht so viel umbauen, meint Braungart. "Sie müssten eigentlich nur etwas zulassen. Nämlich, dass das, was sie zwanzig Jahre lang an Effizienz betrieben haben, eine gute Übung war für Effektivität. Eine gute Übung, um zum Beispiel die Stoffströme einfach mal kennen zu lernen." Schmutz ist Materie am falschen Platz, sagte der deutsche Physik-Nobelpreisträger Phillip E. A. Lenard. Und zuweilen ist ein Perspektivwechsel eben überaus nützlich. Braungart führt es vor, wenn er derzeit an einem Shampoo tüftelt - nicht gegen, sondern für fettiges Haar. "Ein Shampoo, das die Fettproduktion der Kopfhaut anregt. Sie können dadurch jeden Tag drei Gramm abnehmen."------------------------------Internet: www.epea.com, www.mbdc.comBuch: Michael Braungart/William McDonough: "Einfach intelligent produzieren", Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2003------------------------------Foto (2): Michael Braungart. Er plädiert für intelligentes Produktdesign. FürVerschwendung, Konsum, Überfluss, aber mit den richtigen, weil unschädlichen Materialien.Braungart nimmt die Natur als Vorbild: Der Kirschbaum produziert, ohne die Umwelt zu belasten. Sobald Blüten und Früchte zu Boden fallen, werden sie zu Nährstoffen. Abfall muss Nährstoff sein.