Mit Michael Jackson haben wir es dann hinter uns. Nach Prince und Madonna feiert mit Jackson die dritte der großen und vielleicht letzten Original-Popikonen der Welt den diesjährigen 50. Geburtstag. Diese eigentlich banale Tatsache gab natürlich Anlass, über die Bedeutung der scheinbar jung Gebliebenen zu spekulieren und ihr scheinbar jugendliches Metier.Dabei ist nur eine Popkultur in die Jahre gekommen, die in den Achtzigern ihren Höhepunkt hatte - wie die drei Megastars. Gut gealtert ist auch nur, so scheint es jedenfalls, Prince. Der sich aber dazu bereits vor gut 15 Jahren aus dem Popgeschäft zurückgezogen hat und nach einer am Ende eleganten Verwandlung nunmehr Musiker ist. Er sieht aus wie ein gut erhaltener Fünfziger heute aussieht, der Wohlstand, Erfolg und Anerkennung mit einer nur leicht narzisstischen Sorge um sich vereinen kann.Madonna wiederum sieht für jeden, der sie in letzter Zeit einmal aus der Nähe sehen konnte, aus wie eine Wachspuppe, nicht wirklich jung, sondern nur extrem straff und daher auch genau so asketisch und bis ins körperliche Regime zwanghaft, wie ihr der Ruf vorausgeht. Bleibt der rätselhafte Michael Jackson. Vielleicht hat er sich besser gehalten als die anderen, dank des Sauerstofftanks, in dem er angeblich schlief, oder der Atemmasken und Handschuhe wegen, die ihn vor der Umwelt bewahren sollten. Man weiß es nicht, denn anders als für Madonna gibt es bei Jackson ganz offiziell seit vielen Jahren kein Originalgesicht mehr. Anders wiederum als Madonna, die sich im Anschluss an den je aktuellen Trend wesenhaft treu geblieben ist, war Jackson zeit seines Lebens ein Work in Progress. Lebensreife, Geschlecht, Hautfarbe - nichts, woran Jackson keine Zweifel geschürt hat. Nur seine Musik hat sich kaum verändert.Als Madonna 1983 ihr erstes Album veröffentlichte, war Michael Jackson auf der Höhe seines Ruhmes. Und mit offiziellen 20 Jahren im Geschäft bereits ein Veteran.Jackson gehörte auf gewisse Weise trotz seiner Jugend zur ersten Generation schwarzer Musiker, die ihre künstlerische Existenz abzusichern wussten. Seit er fünf war, hatte ihn sein Vater, ein Kontrollfreak, der seine Familie brutal beherrschte, mit seinen vier Brüdern über die Bühnen des so genannten Chitlin Circuit gejagt, der Spur von Clubs, in denen Schwarze relativ unbehelligt auftreten konnten. Jackson verbrachte seine Kindheit damit, den jeweiligen großen Namen im Hauptprogramm, Soullegenden wie James Brown oder Jackie Wilson, ihre Tricks abzuschauen. Und hinterher, im Hotelzimmer, konnte er die großen Brüder beim Tricksen mit den aufgeregten weiblichen Fans beobachten.1969 verpflichtete Labeleigner Berry Gordy die Jackson 5 für Motown. Dessen enormer Erfolg als schwarzes Label basierte auf der hocheleganten Verbindung von afroamerikanischer Rhythm & Blues-Emphase mit geschmeidigem, urbanem Pop. Motowns Genie war der Geist der Maschine: Eine arbeitsteilige Songfabrik mit Kompositionsteams wie Holland, Dozier Holland, den Instrumentalarbeitern Funk Brothers und slicken Repräsentanten wie der erfolgreichsten Girl Group Supremes um Diana Ross, die maskulinen Four Tops und Temptations oder das schicke, nur in der Musik verbundene Pärchen, Marvin Gaye und Tammi Terrell.Für die Jackson 5 mit dem 11-jährigen Frontmann Michael, den die Firmenbiografie zu Niedlichkeitszwecken kurzerhand um zwei Jahre verjüngte, überließ Gordy nichts dem Zufall. In seiner Autobiografie "To Be Loved" erzählt er mit Unternehmerstolz, wie er ein geheimes Kommandoteam für das perfekte Songmaterial zusammenstellte, wie seine Spezialisten Image, Kleidung und Präsentation aufs Sorgfältigste planten. Noch das Gerücht, Diana Ross, der strahlendste Stern der Hitfabrik, habe die Jungs entdeckt, war gezielt gestreut.In Wahrheit kam die Empfehlung von der weniger auffälligen - und schwärzeren - Gladys Knight, die ihnen auf einer Tour begegnet war. Das Ergebnis war ein Verkaufsrekord mit vier Nummer eins Hits in Folge."Sie leisteten bedingungslose harte Arbeit und waren bereit, für die Perfektion zu schwitzen. Sie waren respektvoll, und hatten so gute Manieren, dass sie von Müdigkeit noch nicht einmal sprachen. Es schien, als habe die Motown-Maschine nur auf die Jackson 5 gewartet."Allerdings begann sich zu dieser Zeit das Gesicht des Soul bereits zu verändern. Ein anderer ehemaliger Kinderstar, Stevie Wonder, brachte das Motown-Prinzip langsam zur Erosion. Denn Wonder - später auch Marvin Gaye - komponierte und spielte selbst, weshalb er auch, anders als die anderen Performer, Rechte an seinen Erfolgen besaß. Zugleich hatte sich mit der Bürgerrechtsbewegung auch der Soul politisiert. Die Künstler waren erwachsen, trugen Afros und Baretts und reckten die Fäuste aus Lederjacken. James Brown war "Black and Proud", schwarz und stolz, Aretha Franklin forderte "Respect", und auf dem ersten Konzeptalbum des Soul fragte Marvin Gaye verzweifelt und zornig nach dem Zustand des Landes, "What's Going On". Bei den Jackson 5 dagegen, erinnert sich die Autorin Margo Jefferson, Autorin des gerade auf Deutsch erschienen Buchessays "Über Michael Jackson", wird Michael mit seinen Soulseufzern und -kieksern, den Texten voll Liebe und Begehren, "zu einem richtigen Sexspielzeug".Das Irritierende an Michael Jackson war seine immer recht undeutliche, changierende Sexualität. Später kollabierte sie in den Klischees des Peter-Pan-Syndroms, in der Asexualität des Spätdreißigers, der sich wie zwölf benimmt - und am Ende vielleicht tatsächlich Nähe nur mit den so herbeiphantasierten Altersgenossen zulassen kann. War er als kleiner Junge, der von Sex sang, technisch zu früh, so wurde er in den Neunzigern zu einer Art symbolischem Eunuchen, der sich mit mütterlichen Freundinnen wie Diana Ross oder Liz Taylor oder den eher freundschaftlichen Müttern seiner Kinder - die Gehilfin seines Gesichtschirurgen Debbie Rowe, das Kindermädchen Grace Rwaramba oder die unbekannte Leihmutter von Prince Michael II. - umgab.Doch zu Zeiten seines Gipfelsturms mit "Thriller" war er, entsprechend den Körperbildern des Pop seit Bowie und den überdrehten Discotagen, auf eine poppige Art leicht androgyn, durchaus noch verschwommen heterosexuell in Begriffen wie Begehren und Lust zu fassen. Nicht mit der grinsenden Geste der Übertretung, die Prince in seinen Ledertangas und schwülen Dandy-Kostümen feierte, in den Oralsex-Songs und den Manipulationen des Gitarrenhalses; auch nicht wie etwas später Madonna mit ihren Inszenierungen zwischen Nymphchen und Nymphomanin, Cowgirl und Mutter. Sondern mit einer bis zur Collegejacke und der Röhrenhose aus dem "Thriller"-Video in die Sechziger verlegten Autokino-Teenager-Sexualität. "Thriller" ist nicht nur bis heute das erfolgreichste Album aller Zeiten (wenn nicht gerade die Eagles mit "Their Greatest Hits" für eine Saison vorne liegen). Einige seiner Hits gehören zu den fünfen, die, wie der DJ und Schriftsteller Hans Nieswandt gerade in der "Zeit" schrieb, "in Marmor gemeißelte Klassiker" sind, die jeder mag und die sogar Geschmacksgrenzen versöhnen können. Das liegt sicher auch an den sexuellen Konnotationen, den lasziven, federnden Beats, der erregten Stimme, die alle Register schwarzer Popgeschichte ziehen kann. Die mit der 14-minütigen Video-Story zu "Thriller" einmal mehr dem Popmarkt entscheidende Impulse gibt.Interessanterweise benutzt Jacksons Ikonographie öfter eines der dauerhaftesten und folgenreichsten rassistischen Klischees. Als Verführer in "Thriller" verwandelt sich der nette, gegelte Jackson in einen Werwolf, einige Jahre später morpht er ausgerechnet für "Black and White" zu einem schwarzen Panther. Und zwischendurch spielt er immer wieder mit deutlich sexuell besetzter, bedrohlicher Physis und dem Gangmythos. So filmisch eloquent diese Videos sind - und Jackson inszenierte Sexualität, seit er fünf war - darf man dabei kein Versehen vermuten. Die bedrohliche animalische Sexualität ist dank D.W. Griffiths "Birth of a Nation" von 1916 einer der rassistischen US-Gründungsmythen im Film. Auch darauf beziehen sich die Wut und die Verratsvorwürfe, die Jackson seit Mitte der Achtziger begleiten - obwohl bereits in den Siebzigern das Blaxploitationgenre, eine Serie von Actionfilmen mit afroamerikanischen Themen, Klischees von überlegener Coolness, Sexualität und urbaner Cleverness gegen eine unfunky, dickliche, weiße Kultur setzte, und in den Achtzigern die HipHop-Kultur, der sich Jackson durch Rapeinlagen und prachtvolle Breakdancebewegungen annäherte, diese Klischees umwertete.1979 hatte sich Jackson zum ersten Mal die Nase operieren lassen. Kurz zuvor hatte er sich vom autoritären Vater, dem Manager seit der Kindheit, nach dem großen Erfolg seines fünften Solo-Albums "Off the Wall" getrennt. Sensationelle acht Millionen Mal hatte sich das Album verkauft, das maßgeblich mitgetragen war von seinem neuen väterlichen Produzenten Quincy Jones. Jones, Jahrgang 1933, ist einer der wichtigsten Musiker und Drahtzieher der afroamerikanischen Popkultur, verantwortlich für Alben von Ray Charles ebenso wie für Frank Sinatra, der Hollywoodfilmmusik ebenso erfolgreich produzierte wie die Hungerhilfe "We are the World". Von Beginn an ignorierte er die ethnischen Grenzen der USA, er crossoverte sowohl künstlerisch als auch privat, wo er unter anderem mit den Schauspielerinnen Peggy Lipton und Nastassja Kinski liiert war.Als Jackson auf Quincy Jones traf - bei der Musicalverfilmung "The Wiz", einer afroamerikanischen Version des "Zauberer von Oz" - war Jackson bereits als Solokünstler etabliert. Allerdings waren sowohl die Alben der Jackson 5 wie Michaels Solos, die sich Mitte der Siebziger zu schmeichelnden Disco- und Phillysounds geöffnet hatten, weniger erfolgreich als zuvor - schließlich waren die Jackson 5, wohl auch dank des Black-Baby-Appeals Michaels, der erfolgreichste Crossover-Acts der Soul-Ära. Im Streit trennte man sich schließlich von Motown, dessen Zeit ohnehin abgelaufen war. Berry Gordy schreibt, er habe schon in den frühen Siebzigern ein wenig die Lust verloren. Die Jackson 5 "waren die letzten großen Stars, die von meinem Fließband rollten"."Off the Wall" war Michael Jacksons erstes Album für den Major Epic, wofür er eine immerhin doppelt so hohe Beteiligung wie unter Gordy verhandelt hatte. Mit Quincy Jones veränderte sich auch der Sound. Funk, Disco und Soul wurden verstärkt mit sachten Rock- und Popelementen angereichert. Jones erinnert sich, dass Jackson, immerhin schon 21, ihm seine Songideen, den Rücken zugewandt und hinter ein Sofa gekauert, vortrug. Wie Berry Gordy ist auch Jones - selbst bekennender, pathologischer Workaholic - jedoch beeindruckt von der Disziplin und dem Fleiß seines Schützlings: "Unter seinem schüchternen Benehmen verbarg er einen Künstler, der ein brennendes Verlangen und den grenzenlosen Ehrgeiz hatte, der größte Entertainer der Welt zu werden. Er studierte besessen James Brown, Sammy Davis jr., Fred Astaire, Gene Kelly - die Leute, die er wirklich bewunderte. Er sah sich Filme über Gazellen, Leoparden und Panther an, um deren natürliche Anmut zu imitieren." Denn Michael Jackson weiß genau, dass Natürlichkeit in der Kunst ein Effekt harter Arbeit ist. Margo Jefferson zitiert ihn so: "Einige Musiker - Springsteen und U2 zum Beispiel - meinen vielleicht, sie hätten alles auf der Straße gelernt. Aber ich bin im Herzen Künstler, ich habe wirklich alles auf der Bühne gelernt." Nicht anders als die Stimme ist für Jackson auch der Körper künstlerischer Zweck und Mittel zugleich. Deshalb muss er - und sei's unter Messerqualen - perfektioniert werden.Mit "Thriller" gelang Michael Jackson die drängendste und zugleich schwereloseste Popkunst der letzten 30 Jahre. Aber seine Lust und Körperlichkeit waren schon seit der Kindheit Ergebnis von Strenge, Fleiß und Disziplin. Die Leichtigkeit, mit der er seinen Körper durch die unwahrscheinlichsten Bewegungsfolgen führen konnte, entsprach den Beats, den gleichzeitig geschmeidig funky und von Jones mit jahrzehntelanger Erfahrung dynamisierten Basslinien, dem stoischen, dennoch enorm sinnlichen Drive. In jedem Moment des Albums steckt bei allem Popappeal afroamerikanische Musiktradition. Es ist zugleich der ultimative Crossoverpop, tief in der afroamerikanischen Tanzmusik verwurzelt und doch völlig ohne Berührungsangst gegenüber den entschärften Oberflächen des 80er Pop. Auch wenn er sich nach "Bad" von Quincy Jones trennt, bleibt er, anders als die sich wandelnden Prince oder Madonna, der Erfolgsformel bis heute treu. Aber nur zu Beginn klingt sie für einen Moment nach der später in "Black and White" formulierten Utopie, dass es keine Rolle spiele, ob man weiß oder schwarz sei. Vielleicht wurde er auch gerade wegen dieses afroamerikanisch dominanten Crossover-Erfolges zum Helden der Back Communities, die sich freilich schon mit den bösen Homeboys von "Bad" von ihm abwandten.Jackson vermied Politik. Doch naiv war er nicht. Schon mit dreizehn, schreibt J. Randy Taborelli, einer seiner Biografen, habe Jackson begriffen, dass er in Zeiten allgemeinen Engagements nicht ganz ohne Bewusstsein dastehen könnte. Zwar beschied Motown angeblich Fragen nach den Afros der Boygroup mit den Worten: Lassen wir doch die Politik, das sind Kinder, keine Erwachsenen. Aber Michael, so Taborelli, verabschiedete sich bei der Gelegenheit mit einem solidarischen Soul Handshake und einem Augenzwinkern.Allein "Thriller" verkaufte sich um die 100 Millionen Mal. Der Nachfolger "Bad", der schließlich bei etwa 20 Millionen stehen wird, gilt beinahe als Flop. 1987 sahen rund viereinhalb Millionen Menschen seine Tour zum Album, die nach 127 Terminen und anderthalb Jahren etwa 125 Millionen Dollar umgesetzt hatte. Als er sich danach von seiner Managementfirma Dileo trennt, hatte er - nach fünf Jahren gemeinsamer Arbeit - geschätzte 150 Millionen eingenommen. 1991 unterschreibt er einen Vertrag mit Sony (die Epic/ CBS gekauft hatte), der ihm 60 Millionen bringt - wobei Verkäufe gar nicht darin enthalten waren, die ihm 25 Prozent pro Einheit, mehr als das Doppelte des üblichen Anteils bescheren. "Dangerous", 1991 veröffentlicht, verkauft sich etwa 30 Millionen Mal, Nachfolger HIStory, ein Doppelalbum mit neuen Songs und Greatest Hits, wird mit etwa 20 Millionen die meistverkaufte Doppel-CD überhaupt. Dazu kommen Anerkennungserfolge in olympischen Dimensionen - wie etwa die 27 Länder mit 500 Millionen Zuschauern, in denen sein Video "Black & White" 1991 gleichzeitig ausgestrahlt wird, Unmengen von Preisen und Popularitätsrekorde, die er bis Mitte der Neunziger einfährt. "Er war praktisch eine Ein-Mann-Kulturindustrie", urteilt der Soziologe Ellis Cashmore in einer Untersuchung afroamerikanischen Unternehmertums. Ruiniert scheint er heute weniger wegen schlechter Absätze. Zwar waren die Kosten seiner Alben und Touren stets angemessen überdimensioniert. Doch selbst das mehr als lauwarme "Invincible" von 2001 liegt bei knapp 10 Millionen Verkäufen. Vielmehr liegt es am grotesk aufblähten Alltagsapparat seiner Neverlandfarm, mit ihrem Zoo und dem Vergnügungspark, deren Aufrechterhaltung allein ihn bis zur Stilllegung 2007 jährlich fünf Millionen Dollar kostete. Dazu kamen anfallsartige Kaufräusche, verzweifelt teure Geschenke aus Schmuck und Luxuswagen an Vertraute wie Liz Taylor und Zuarbeiter wie seinen Anwalt. Nicht zu vergessen mehrstellige Millionenbeträge, die ihn Vergleiche in seinen Kindesmissbrauchprozessen kosteten. Insgesamt um die 270 Millionen Dollar Schulden hatte er angeblich 2005 angehäuft, vor kurzem konnte er gerade noch die Zwangsversteigerung abwenden.Seinen Geburtstag wird er, glaubt man den gleichermaßen schadenfrohen wie entgeisterten Kommentaren dieser Tage, über den Verträgen verbringen, die den wohl unumgänglichen Verkauf seines größten Statussymbols regeln werden: Inspiriert von Paul McCartney, mit dem er auf "The Girl is Mine" und "Say Say Say" zusammenarbeitete, kaufte Jackson 1985 im Paket der Firma ATV die Rechte für fast alle Beatlessongs für 47 Millionen Dollar dem Ex-Beatle buchstäblich vor der Nase weg, der also ab sofort mit jeder Performance an Michael Jackson zahlen musste und ihm die Freundschaft kündigte. "Thriller" brach gerade alle Rekorde, neben den gargantuesken Verkaufszahlen hagelte es acht Grammys und bald die Selbstnominierung zum King of Pop. Wähnten sich die Beatles einst populärer als Jesus, so war Jackson nun größer als die Beatles. Mit dem Rechtecoup erwies er sich natürlich auch als cleverer Geschäftsmann, denn zehn Jahre später zahlte die Sony fast das Doppelte für die halbe Beteiligung. Jackson unterstrich mit dem Kauf zudem auf beinahe überhebliche Art seinen Rang in der Pophierarchie.Doch zugleich kann man es als symbolischen Kraftakt sehen, mit dem Jackson, der mit dem Paket auch ein paar Songs Elvis Presleys erworben hatte, das wichtigste und erfolgreichste weiße Popliedgut in schwarzen Besitz überführt - fast eine Art historischer Palimpsest, angesichts der Generationen enteigneter afroamerikanischer Popmusiker.Bloß wurde zunehmend unklarer, ob Jackson überhaupt noch schwarz war. Als Kinderstar mit den Jackson 5 war er das süße Kind mit den eindeutig afrikanischen Zügen - ein "kleiner brauner Engel", findet die Schriftstellerin Martha Southgate. Die ersten Operationen, ungewöhnlich öffentlich für die Zeit, konnte man noch als schlichten Dienst am Kunden sehen, normale Nachbesserungen, wie man sie seit der Stummfilmzeit kannte, als bekanntlich Marlene Dietrich die Backenzähne verlor, um die Pausbacken gegen das hohlwangige Divengesicht einzutauschen.Mit dem irrsinnigen Erfolg von "Thriller" beschleunigte sich eine Verwandlung, die schließlich in einer völlig kaputt operierten Nase mündet, in verschmälerten Lippen und einer glatten Rockermähne. Und einer weißlich entfärbten Haut. Margo Jefferson erinnert an medizinische Spekulationen im 18. Jahrhundert, nach denen man dunkle Haut für ansteckend hielt oder Veränderungen wie Albinismus mit günstigen sozialen Einflüssen wie Universitätsbildung in Verbindung brachten. Doch auch die schwarze Community, gibt sie zu bedenken, die enttäuscht bis zornig auf Jacksons Wandlung reagierte, wird von Farbhierarchien und ethnischen Differenzen geprägt. Hellere Haut und "äthiopische", scharf geschnittene Züge finden auch heute noch - viele Raptexte verzeichnen es - den Vorzug vor dunkleren, "afrikanischeren" Gesichtern. Mochte Michael Jackson auch davon singen, schwarz und weiß spielten keine Rolle, so entsprach die Wirklichkeit wohl doch der Meinung des notorischen Boxpromoters Don King: "Michael muss einsehen, dass er ein Nigger ist. Egal, wie gut er tanzen und singen kann. Er ist einer der Megastars auf der Welt, aber er ist ein Nigger-Megastar. Das muss er nicht nur verstehen, sondern er muss es akzeptieren und klar machen, dass er ein Nigger sein will. Warum? Um zu zeigen, dass es ein Nigger schaffen kann."Wäre es nicht ein schöner Gedanke, dass Michael Jackson diese Art Repräsentationszwang einfach auf die Nerven gegangen wäre? Und er mit der ganzen Hybris des wirklichkeitsverlorenen Megastars einfach die Hautfarbe abgelegt hätte, so wie er die Männlichkeitsrituale abgeschüttelt hatte und nach und nach die Erwachsenenwelt für Affen und Lamas, Riesenräder und ein ewiges Nimmerland eintauschte? Aber sein heutiges Gesicht sieht eher nach Verzweiflung aus. Als habe sich der rassistische Schrecken buchstäblich ins Gesicht geätzt. Es zeugt auch von den Grenzen des utopischen Potenzials der Popkultur, dass noch der erfolgreichste Popkünstler der Welt vor allem nicht mehr schwarz sein will. Vielleicht hat er sein Geld einfach weggeworfen, als er einsehen musste, dass er die höchstgehandelte Ware doch nicht kaufen kann. Denn wenn Michael Jackson auch nicht mehr "schwarz" aussieht, wirkt er doch auch nicht weiß. Andererseits kann man durchaus spekulieren, ob die insgesamt zehn Jahre sich hinziehenden Missbrauchprozesse genauso ausgefallen wären, hätte ein weißer Star seine Peter-Pan-Fantasien ausgelebt. Oder ob die Banken, die ihm zwischendurch selbst sechsstellige Beträge nur zögernd geben wollten, ebenso stur reagiert hätten. Kulturkritiker wie Cashmore jedenfalls erinnerten die öffentlichen Demütigungen an ein Lynchen.Man kann Michael Jacksons Verwandlung auch aus Perspektive einer afroamerikanischen Künstlertradition sehen, deren Vertreter sich zu Aliens, zu Außerirdischen stilisieren. Vom Jazzgenie Sun Ra zur P-Funk-Legende George Clinton zu den HipHoppern von Outkast reicht das sogenannte afrofuturistische Spiel mit der Identifikation, einer Vision, in der Schwarz nicht einfach das unterdrückte Gegenstück zu weißer Herrschaft ist. Die Künstler behaupten stattdessen ein Drittes, das mit den üblichen Gegensatzpaaren nichts zu tun hat. Fern des heimatlichen Mutterschiffs lebt man im Zeichen des Grooves und wartet darauf, wieder abgeholt zu werden. Nicht nur Michael Jacksons kaum zuzuordnendes Gesicht und die seltsam pseudoanorektische Körperlosigkeit sprechen zumindest von der Sehnsucht. Sondern auch die ästhetischen Ideen der Musik und Videos, die schwer zu fassende androgyne Kindmannstimme, die sich verwandelnden Körper in den Clips und die überirdische Geschmeidigkeit der von ihm perfektionierten Tanzschritte, wie dem Moonwalk, seinem Markenzeichen, dessen Vorwärtsbewegung rückwärts simuliert.Mittlerweile ist das wohl egal. In seinen derzeitigen öffentlichen Auftritten wirkt er zerschmettert und erratisch. Gerade sah man ihn auf Boulevardfotos im Internet noch völlig entkräftet und mit Atemschutz im Rollstuhl. Statt eines größenphantastischen Eskapismus findet sich offenbar nur noch bodenschwere Zermürbung. Auf der Höhe seines Ruhmes wollte er einst beharrlich die Knochen des "Elefantenmenschen" Joseph Merrick kaufen.Hatte er sich schon damals mit den Freaks, den Außenseitern, identifiziert, so ist er wohl nun endgültig auch einer geworden. Selbst die Ehen und die Kinder - deren eines er nach Ende der Missbrauchprozesse triumphierend aus dem Adlon baumeln ließ - wirken wie Jungfernzeugung und Brutmanöver, nicht motiviert durch die Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit. Die beinahe rührende Schamhaftigkeit seiner Jugend wurde zu einem polternden Stolpern über fast jede Anforderung der Wirklichkeit, von der Sexualität zum Geschäft, von der Selbstbestimmung zur Familiengründung.So ist es interessant, dass ausgerechnet solcherart Popikonen nun die ewige Jugendlichkeit einer ganzen Generation über die gewohnten Haltbarkeitsdaten hinaus beweisen sollen. Ein eleganter, älterer Musikunternehmer, eine verbissene, maskenartige Trendmutti und ein verschnittener, tragischer Eremit. Eigentlich beweisen sie anlässlich der Geburtstage nur das Scheitern ihrer eigenen Strategien und Hoffnungen. Statt die Zwangsherrschaft von Rasse, Klasse und Geschlecht wenigstens symbolisch zu lockern, haben sie gerade mal die Mittel radikalisiert, daran teilzuhaben. Und im Gegensatz zu Göttern alter Schule, einer Greta Garbo oder Marlene Dietrich, haben sie noch nicht einmal die Güte, sich in stiller Einkehr zu verflüchtigen.------------------------------Foto (2) :Schon als Kind mit Jackson 5 ein Star. Michael 1973 in Los Angeles beim Basketball auf dem Grundstück seiner Familie.Nicht schwarz, nicht weiß. Michael Jackson nach jahrelanger Arbeit am Antlitz im Januar 2004.