Zwölf Jahre nach einem folgenschweren Justizirrtum hat das Berliner Landgericht gestern Michael Mager freigesprochen, der 1984 wegen Mordes zu acht Jahren Jugendstrafe verurteilt worden war. Da auch die damaligen Richter "unvertretbare Fehler" begangen hatten, wurde dem 33jährigen eine Entschädigung zugesprochen.Die braunen Augen leuchteten auf. "Ich fühle mich toll. Absolut gut", freute sich Mager. Seine Unschuld an dem Mord an der Rentnerin Melanie Scharnow ist nun gerichtlich festgestellt. Das Gericht hob das erste Urteil auf. "Jetzt kann ich endlich ein sauberes Führungszeugnis vorlegen", sagte Mager, der jetzt bei der Stadtreinigung arbeitet. "Der Freispruch war klar", hatte zuvor der Vorsitzende Richter Achim Sachs betont. Darüber bestanden auch während des zweitägigen Wiederaufnahmeverfahrens keine Differenzen, auch nicht zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Zu klar war die Beweislage, die den Serienmörder Thomas Rung als den wahren Täter entlarvte. Ohne Not gestanden Die entscheidende Frage in diesem Prozeß aber war, ob Michael Mager seine damalige Verurteilung selbst verschuldet hat. Schließlich hatte der damals 20jährige nach seiner Festnahme den Polizeibeamten die Tat eingestanden - ohne Not. Aus den Akten jedenfalls ist nicht erkennbar, daß die Polizei Druck oder Repressalien angewandt hat. Ein Geständnis, das nach dem gestrigen Urteil des Berliner Landgerichts eine "hohe Überzeugungskraft" enthalten hatte. Seine Verhaftung und die Zeit seiner Untersuchungshaft habe Mager deshalb selbst verursacht. Nicht aber seine Verurteilung. In dem Prozeß vom März 1984 seien Fehler gemacht worden, die "wohl unvertretbar waren". Zu diesem eindeutigen Ergebnis gelangte gestern die 13. Große Strafkammer. In ihrer knappen Urteilsbegründung listete sie die Versäumnisse der damals Beteiligten auf.So hatte Mager in seinem Geständnis angegeben, der Rentnerin sechs Mal ein Brett auf den Kopf geschlagen zu haben. Diese Aussage stand im Widerspruch zu dem Obduktionsbericht, der keine Kopfverletzungen vermerkt hatte. "Das fällt eigentlich ins Auge, wenn man den Bericht liest", betonte Sachs. Ebenso hätte seiner Meinung nach auffallen müssen, daß die bei der Toten festgestellten Knochenbrüche nicht mit den Angaben Magers übereinstimmten, der nur von Schütteln gesprochen hatte. Widersprüche, "die sich aufdrängen müssen", so Richter Sachs. Ebenso das Alibi, das Mager für die Tatzeit besaß. Er war beim Sozialamt gewesen. In den damaligen Akten tauchte es auf. Aber Richter, Staatsanwalt und Verteidiger bemerkten dies vor zwölf Jahren nicht. Appell an die Justiz Nach Meinung des Gerichts hatte der damals Verurteilte auch entlastende Momente nicht verschwiegen, zumal er noch in der Hauptverhandlung seine Unschuld beteuert hatte. Von dem Zeitpunkt seiner Verurteilung bis zu seiner Haftentlassung, vom 14. März 1984 bis zum 12. Dezember 1989, soll Mager deshalb entschädigt werden. Rund 30 000 Mark stehen ihm zu. Ob er sie bekommt, ist offen. Denn die Staatsanwaltschaft prüft, ob sie Beschwerde einlegt. Deren Vertreterin Sigrid Nielson war der Ansicht, daß Mager seine Verurteilung selbst verschuldet hat. "Er hat das getan, was auf eine Verurteilung hinführte", argumentierte sie. Eine Entschädigung für die Haft stehe ihm nicht zu.Verteidiger Rainer Elffering hatte in seinem Plädoyer an die Justiz appelliert, aus dem Fall "zu lernen", vorsichtig mit Geständnissen umzugehen und zu überprüfen, ob diese mit den Ermittlungen übereinstimmen. "Die Justiz neigt dazu, ihre eigene Macht zu unterschätzen", betonte er. Sie übersehe ihre Wirkung auf Menschen und was sie "für Verrenkungen und Verbiegungen" auslösen könne. +++