"Als der Richter mich nach dem Urteil fragte, ob ich noch etwas sagen möchte, da wollte ich soviel erzählen. Aber es ging nicht. Das einzige, was ich herausbekam, war: Ich habe es nicht getan."Dienstag abend. Michael Mager sitzt in den Räumen der Berliner Zeitung. Der Reißverschluß seines grauen Sweatshirts ("Ich mag keine Hemden.") ist bis unters Kinn geschlossen. Der 35jährige steckt sich eine Zigarette an. Dann spricht er von einem Raubmord, den er nie begangen hat, den er aber gestand. Sechs Jahre saß er dafür ab. Unschuldig. Mager redet über seine Gefühle in dieser langen Zeit. Und über Thomas Rung, den wirklichen Täter, der vorgestern zu zweimal lebenslänglich verurteilt wurde.Michael Mager bezieht im Sommer 1983 eine kleine Wohnung in der Silbersteinstraße in Neukölln. Eine Treppe tiefer wohnt Melanie Scharnow, die 77jährige Vermieterin.Mitte Oktober desselben Jahres wird die Vermieterin vergewaltigt und ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden. Am Tatort entdeckt die Kripo Schuldscheine von Michael Mager. Der arbeitslose Mann hat sich mehrfach Geld von der vermögenden Melanie Scharnow geborgt und ist dann wegen Mietschulden aus der Wohnung geflogen.Rund zwei Wochen, nachdem die Tote entdeckt worden ist, nimmt die Kripo Michael Mager fest und läßt ihn nicht mehr gehen. Nach drei Tagen gesteht der damals 22jährige die Tat.Im Gegensatz zu seiner Aussage bei der Polizei gibt Mager heute an, am Tattag nicht in der Wohnung der Rentnerin gewesen zu sein. "Ich habe die Frage, ob ich es getan hätte, mit guten Gewissen verneint. Aber es waren sechs Polizisten, die mich sehr lange vernommen haben. Immer wurden sehr ähnliche Fragen gestellt. Ich war ziemlich durcheinander. Schließlich hatte ich die Schnauze voll. Habe ja und amen gesagt und geglaubt, daß sich alles noch aufklären wird. Ich war naiv." Mager schüttelt über sich selbst den Kopf. Er dreht nervös die brennende Zigarette und nippt von der Cola.Doch es klärte sich nichts auf. Michael Mager widerrief zwar Ende 1983 sein Geständnis. Es half ihm jedoch nichts. Er kam nach Moabit in Untersuchungshaft. "Es war eine schreckliche Zeit. Ich bin mehrmals verprügelt worden. Als angeblicher Vergewaltiger hast du im Knast keinen guten Stand", erzählt Mager. An der Tür zur Einzelzelle klebte zu jener Zeit ein roter Punkt: Selbstmordgefährdet. Jede Stunde wurde nach dem U-Häftling Mager geschaut. Jedes Mal ging das Licht an in der Zelle. "Mein Pflichtverteidiger meinte, ich sollte lieber bei meinem Geständnis bleiben. Das wäre besser für mich", sagt der heute 35jährige. Mager wurde ohne Geständnis verurteilt: acht Jahre wegen Raubmordes. "Im Gerichtssaal habe ich erst einmal gar nichts gefühlt. Erst in der Zelle fing es an. Ich habe geheult, war wie von Sinnen. Das schlimme damals war, es gab niemanden, mit dem ich hätte sprechen können", erzählt Michael Mager. Der rote Punkt an Magers Tür blieb. Dann kam die Verlegung nach Plötzensee. "Die Leute dort wissen schon vor deiner Ankunft, was du gemacht hast. Und jeder, der ankommt, beteuert seine Unschuld. Keiner hat mir geglaubt. Schlägereien blieben nicht aus, doch diesmal habe ich mich von Anfang an gewehrt."Nach vier Monaten im Aufnahmehaus kam Mager auf Station 8 im Haus 1. "Dort waren alles Mörder. Und, so unglaublich es klingt, ich fühlte mich das erste Mal wieder wohl. Ich hatte mich mit meinem Schicksal abgefunden. Du sitzt das ab und dann ist gut", sagt der junge Mann mit den braunen Augen. "Nie habe ich damals geglaubt, daß sich irgend etwas ändern wird." Ende 1989 wurde Michael Mager auf Bewährung entlassen.Der schlanke Mann steckt sich die nächste Zigarette an. Dann erzählt er von Journalisten, die plötzlich bei ihm aufkreuzten und sagten, es sei ein anderer gewesen. "Mein Herz hat richtig geklappert. Der Augenblick war schöner, als verliebt zu sein", gibt Michael Mager zu.Der Prozeß gegen den Serienmörder Rung hat ihn nicht sehr bewegt. "Ich bin nicht hingegangen, obwohl es viele von mir erwartet hatten", sagt Mager. "Bekannte glaubten, daß es für mich eine Genugtuung sei, Rung auf der Anklagebank zu sehen." Das Urteil hat er von Kollegen der Stadtreinigung gehört. Dort arbeitet der 35jährige derzeit und wird Anfang April einen festen Arbeitsvertrag unterschreiben. "Ich war über Rungs Verurteilung erleichtert. Ich hasse ihn nicht. Ich kann das einfach nicht. Schließlich habe ich mir das irgendwie selbst eingebrockt. Mit Rungs Freundin würde ich mich gern einmal unterhalten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie in all den Jahren nichts von den Verbrechen ihres Freundes mitbekommen hat."Im April zieht Michael Mager auch in die neue Wohnung in der Leinestraße in Neukölln. "Meine erste eigene Bude nach der Haft", freut sich Mager. Am Ziel ist er dann noch nicht. "Ich will, daß mein Prozeß wieder aufgerollt wird. Daß man mir glaubt, daß ich Frau Scharnow nicht ausgeraubt habe." Und er will zusammen mit seiner Freundin ein Kind. +++

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