Zwölf Jahre lang hatte die DDR eine Beatgruppe namens Klosterbrüder, dann begann das Land diesen Namen zu fürchten. Er passe nicht ins atheistische Weltbild des Landes, er klinge so kirchlich, hießen die Einwände. 1975 waren die Musiker weich gekocht und ließen sich umbenennen. Die Profiband hatte Ambitionen - sie wollte Erfolg, wollte Platten aufnehmen, im Fernsehen auftreten, auf Auslandstournee gehen. In einer Fernsehsendung aus dem Dresdener Kulturpalast wurde der neue Bandname - Magdeburg - bekannt gegeben. Viele nahmen das übel, Fans waren in politischen Fragen immer hoch empfindlich. Magdeburg galt manchen jetzt als rote Band, und die Klosterbrüder selbst haben sich ihr Einknicken wohl nicht verziehen.Es war der Anfang vom tragischen Ende dieser Band. Um im Rundfunk gespielt werden zu können, mussten die Texte ein strenges Lektorat passieren. Der Bandchef Dieter Kessler erinnert sich an nervende Diskussionen mit der Lektorin Gisela Steineckert, die heute gern ihr damaliges aufopferndes Engagement für Künstler preist. Ein Titel nahm folgende Wandlung: "Untreue Freunde", "Schweigt, ihr Propheten", bis er schließlich "Gottlose Lieder" hieß. Weil sich der Sänger für die Jugendsendung "rund" nicht die Haare schneiden lassen wollte, durfte die Band nicht mehr im Fernsehen auftreten, das war 1980. Magdeburg wurde immer missmutiger und stellte ein Jahr später geschlossen einen Ausreiseantrag. Eine Gemeinschaftsaktion dieser Art war noch nie vorgekommen. Damit es auch das letzte Mal sein würde, reagierte der Staat anders als gewöhnlich. Fürchtete er sonst bei populären Künstlern Medienöffentlichkeit aus dem Westen, reagierte er hier eisenhart. Zuerst entzog er der Band die Lizenz, was einem Berufsverbot gleichkam; gleichzeitig führte die Stasi einen Nervenkrieg gegen die sechs Musiker. Drei von ihnen hielten dem nicht stand und zogen ihre Anträge zurück, zwei wurden 1983 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und kurz vor Ablauf der Zeit vom Westen freigekauft. Angelastet werden konnte ihnen kein anderes "Vergehen" als das, die DDR auf legalem Weg verlassen zu wollen. Im Urteil gegen den Bandchef Dietrich Kessler las sich das so: landesverräterische Agententätigkeit (Kontakt zum Bruder im Westen!), hohe Gesellschaftsgefährlichkeit, sogar der Atomkrieg wurde wahrscheinlicher durch die Tatsache, dass ein Musiker mit Familie weg wollte.Dietrich Kessler, der in West-Berlin ein erfolgreicher Musik-Verleger wurde, hat das Drama seiner Band und seiner Familie in einem autobiografischen Buch festgehalten ("Stasi-Knast"). Der Hergang und das perfide Urteil gegen den Musiker lassen sich auch in dem soeben erschienenen Kompendium von Michael Rauhut nachlesen: "Rock in der DDR. 1964 bis 1989". Auf 150 Seiten beschreibt der Musikwissenschaftler die Umstände, unter denen populäre Musik gemacht wurde, und er erklärt an diesem Gegenstand nicht weniger als: So hat die DDR funktioniert. Es geht hier also nicht zuerst um den künstlerischen Werdegang der Bands, sondern um deren politische Umklammerung.Rauhut muss viel Lebenszeit in den Archiven des Bundes, von Städten, Parteien und der Stasi verbracht haben, so präzise begleitet er die Ereignisse aus einem Vierteljahrhundert populärer Musik mit Dokumenten, die die offizielle oder geheime Linie von Partei, Staat, Sicherheitsdienst und ihren Dienern, den Medien, bildete. Man lernt viel daraus, vor allem deswegen, weil es bekanntlich eine der größeren Ungeheuerlichkeiten der DDR war, ihre Bürger unwissend zu halten. Was im Land vor sich ging und nicht von ARD und ZDF aufgegriffen wurde, war wie nicht passiert oder nur durch Weitererzählen in geschlossenen Räumen zu erfahren. Manche Geschichten erschienen so ungeheuerlich, dass sie nicht geglaubt wurden. Das Verbot von Renft war immer heiß diskutiert, die Biermann-Ausbürgerung 1976 hatte die gewaltigste Ausreisewelle von Künstlern seit dem Mauerbau zur Folge, aber das Schicksal von Magdeburg, die nicht zu den Spitzenbands im Land zählten, blieb weitgehend unbekannt und hatte nur in Musikerkreisen die Runde gemacht. Rauhut erzählt Geschichte aus verschiedenen Perspektiven - aus der der Musiker und Bands, die in ihren Biografien oft zum Verklären ihres Rebellentums neigen, und aus der ihrer Aufpasser. Keine Branche wurde mit mehr Aufwand kontrolliert als diese, auf ihr lastete schließlich ein tonnenschwerer politischer Auftrag: die Erziehung junger Kommunisten mit Hilfe von Musik. Es hat nicht geklappt.Rauhut: "Die Geschichte des Rock in der DDR ist eine Geschichte der Kapitulation vor der Übermacht des Westens, gezeichnet von Opportunismus und Schizophrenie. Noch die am heftigsten bekämpften Trends wurden früher oder später sanktioniert und . vereinnahmt." 1952 hielten DDR-Ideologen Boogie-Woogie aus dem Westradio für so "gefährlich wie Giftgas". Ulbricht forderte später, nicht nur die ekstatischen Gesänge eines Presley zu verurteilen, sondern "selbst etwas Besseres" zu bieten. Muss man mehr wissen über das Kunstverständnis alter Funktionäre? Bis in die siebziger Jahre stand Musik aus dem Westen unter dem Verdacht der ideologischen Unterwanderung, bevor dann offiziell progressive und reaktionäre Trends unterschieden und schließlich zum Ende der Achtziger alle politischen Grundsätze in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Nachdem David Bowie und Genesis 1987 vor dem West-Berliner Reichstag spielten und damit 6 000 Ost-Berliner ans Brandenburger Tor zum Aufsaugen von Soundfetzen lockten, reagierte der Osten zuerst panisch (158 Festnahmen) und dann mit Größenwahn: Die FDJ veranstaltete fortan selbst gewaltige Open-Air-Konzerte; Springsteen, Cocker, Dylan sangen nun für Zehntausende DDR-Bürger. Rauhut verurteilt insbesondere, dass die Funktionäre die eigenen Bands - jahrelang gefördert - bereitwillig vor der internationalen Prominenz verheizten. Aber zu dieser Zeit hatte das Land seine Ideologie und Moral längst aufgegeben. Der Autor beschreibt, wie die FDJ "voller Eifer" auf das Angebot einer US-Agentur einging, im August 1989 gleichzeitig (!) in Ost- und West-Berlin "20 Jahre Woodstock" zu feiern, am liebsten mit den Rolling Stones. Das Buch druckt einen Brief des FDJ-Chefs Aurich an Honecker, in dem die Finanzierung erläutert wird: Coca-Cola und Levi s sollten als Sponsoren auftreten. Honecker war einverstanden. Das Vorhaben platzte, das Volk der DDR hatte 1989 anderes vor.Erzählt dieses fabelhafte Kompendium noch von anderem als von Verrat, Überwachung, Verbot und Niedertracht? Ja, vom Leben und Musikmachen in der DDR, auch von Geradheit. Wolfram Bodag (Engerlinge) wurde von der Stasi massiv bedrängt, als IM zu arbeiten. Vor dem entscheidenden Treffen klebte er einen Zettel an seine Wohnungstür: "Ich hab s mir gründlich überlegt - aus der Sache wird nichts. Wiederkommen zwecklos."Politik mit Musik // Rock in der DDR 1964 bis 1989 wurde 2002 in der Reihe ZeitBilder von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben, ist nicht über den Buchhandel zu beziehen, sondern nur über Versand. Bestellung: BpB-Vertrieb, DVG, Postfach 1149, 53333 Meckenheim. Kosten: zwei Euro plus Versand.Der Autor Michael Rauhut, Jahrgang 1963, arbeitet als Wissenschaftler am Forschungszentrum populäre Musik der Humboldt-Universität und promovierte zum Thema "DDR-Rock 1964 bis 1972". Außerdem gab er das Buch "Schalmei und Lederjacke. Udo Lindenberg, BAP, Underground - die achtziger Jahre" heraus.Stasi-Knast heißt das Buch von Dietrich Kessler, Chef der Gruppe Magdeburg, der die dramatische Geschichte seiner Band und seiner Familie in einem autobiografischen Buch beschreibt (3D-Verlag Berlin, 2001).Foto: TITELFOTO DES BESPROCHENEN BUCHES/JÖRG KNÖFEL Ost-Berlin: in der U-Bahn, 1986.Foto: HERBERT SCHULZE Wolfram Bodag (3. v. l. ) und die Engerlinge in ihrer Stammkneipe. Er wehrte die Stasi-Werbung mit einem Zettel an der Wohnungstür ab: "Ich habe mir s gründlich überlegt. Aus der Sache wird nichts. Wiederkommen zwecklos. "