BERLIN, 30. August. Frank Steffel hatte keine Chance und er nutzte sie auch nicht. Vielleicht war das sein Glück. Michel Friedman nahm am Mittwochabend in der ARD seinen Parteifreund, den CDU-Kandidaten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters in Berlin, in die Zange. "Kanaken" und "Mongos" gehörten, sagte Steffel wieder einmal, zwar nicht zu seinem Sprachschatz, aber er konnte nicht ausschließen, sich solcher Beschimpfungen bei der einen oder anderen Gelegenheit mal bedient zu haben. Er sei schließlich ein ganz normaler Mensch, und da dürfe man nicht alles auf die Goldwaage legen. Aber natürlich seien diese Begriffe nicht akzeptabel.Er trug das mit Unschuldsmiene vor, seine Stimme ging betroffen eine Oktave in die Tiefe - aber niemand konnte ihm glauben. Denn dann mit einem Mal war es da, das Ressentiment, die mühsam zurückgestaute Wut: "Ich habe mit dreißig keine Polizisten geprügelt und ich will nicht Außenminister werden." Friedman wischte das weg. "Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Türkenwitz?" Der Bürgermeisterkandidat erklärte umständlich, dass es gute und schlechte Witze gäbe, solche, über die man lache, und solche, bei denen man es bleiben lasse. Er hat noch immer nicht verstanden, worum es geht. Frank Steffel setzt sich, sagt er, sehr couragiert für Minderheiten ein. Wo und gegen wen hat er diesen Mut beweisen müssen? Warum haben wir bisher nichts davon gehört? Noch nicht einmal von Frank Steffels Pressebüro. Er wird "engagiert" gemeint haben. Frank Steffel ist - an dieser Erkenntnis kam diesen Mittwochabend kein Fernsehzuschauer vorbei - ohne jede Einsicht. Aber er ist kein Rassist. Doch ist unterhalb dieser Ebene inzwischen alles bürgermeisterabel? Michel Friedman ist für den Einblick in die geistige Verfassung des Kandidaten der Berliner Christdemokraten zu danken. Auch seine Parteifreunde sollten das tun, statt Friedmans Rausschmiss aus der CDU zu fordern. Friedman versucht nur, sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Aber Michel Friedman ist noch etwas gelungen: Er hat Frank Steffel Sympathie verschafft. Selbst die eingefleischtesten Steffel-Gegner hatten nach zehn Minuten genug. Da war klar, wer dieser Frank Steffel ist. Friedman hatte ihn mit immer neuen, immer härteren Fragen vor sich her getrieben. Steffel stotterte, versuchte mit erhobenen Augenbrauen Arroganz zu signalisieren, stotterte wieder, wurde ausfallend, dann wieder politisch überkorrekt, redete sich um Kopf und Kragen. Da hätte es zu Ende sein müssen. Aber es ging weiter. Steffel wirkte immer hilfloser. Der Zuschauer kippte. Wer ist schon gerne Beobachter einer Folterszene? Dass er keine Chance gegen Friedman hatte, das war Frank Steffels Glück. Er ließ sich nach anfänglichem Strampeln zerlegen von seinem erbarmungslos immer wieder nachstoßenden Folterer, und so hat er womöglich doch noch gesiegt. Nicht im Kampf gegen Friedman, aber in dem wichtigeren, in dem um die Herzen der Zuschauer.Wer nach "Friedman" noch ein wenig zappte, konnte Sandra Maischberger sehen, wie sie mit Martin Walser sprach. Der erklärte ihr, dass es für einen Autoren einfacher wäre, eine Frau "Leiden" erleben zu lassen als einen Mann. "Wussten Sie, dass mehr Männer Selbstmord aus Liebe begehen als Frauen? Erheblich mehr!" fragte sie daraufhin Martin Walser. Pause. Noch eine Pause. Martin Walser schüttelt den Kopf, will etwas entgegnen, dann resigniert er und sagt. "Nein, ich wusste das nicht." Es mag sein, dass der eine oder der andere Delinquent unter Folter die Wahrheit gesteht, aber an diesem Abend erkannte man sie in den zwei kurzen Pausen Martin Walsers, die die leise Schlangenklugheit der Sandra Maischberger kunstfertig herauspräpariert hatte deutlicher als bei Michel Friedman, der glaubte, mit Spießen und Stangen auf die Wahrheit losgehen zu können.