Wenn du Muslim bist, dann schließe dich dem Boykott an!", so lautet der Slogan einer Videokampagne, die in diesen Tagen in Ägypten auf vielen Facebook-Seiten gepostet und per Twitter herumgeschickt wird. Kunden des Mobilfunkunternehmers Mobilnil werden aufgefordert, schleunigst den Anbieter zu wechseln. Die liberale Zeitung Masry al Yaum und der unabhängige TV-Sender O-TV sowie der Baugigant Orascom stehen ebenso auf der Boykott-Liste wie die Hotelstadt Al Gouna und die neugegründete Freie-Ägypter-Partei. Ausgelöst wurde der große Sturm durch eine Twittermeldung. Naguib Sawiris schickte eine Karikatur herum: Micky Maus mit Salafisten-Bart und Minni Maus mit Gesichtsschleier. Darüber stand: "Minni und Micky, nachdem ...". Es liegt nahe, den Satz mit "... die Islamisten die Wahlen in Ägypten gewonnen haben" zu vervollständigen. Diese nahmen die Karikatur als Beleidigung und zum Anlass, die Boykott-Kampagne gegen Sawiris und sein Unternehmen zu starten. Der 58-Jährige ist einer der reichsten Männer Ägyptens und nach der Revolution in die Politik gegangen. Seiner liberalen Partei Die Freien Ägypter werden gute Chancen vor allem bei christlichen Wählern eingeräumt."Naguib Sawiris hat drei Fehler: Er ist reich, er ist Christ, und er hat eine Partei. Da darf man solche Witze nicht machen", bringt ein Twitterer namens Cairomix den Hintergrund der Kampagne auf den Punkt.Naguib Sawiris reagierte schnell auf die Vorwürfe: "Ich entschuldige mich bei allen, die dies nicht als Witz empfinden. Ich fand das Bild lustig, und es war nicht respektlos gemeint. Sorry", twitterte er. Doch das half nichts: "Wir machen auch nur Witze, Sawiris", heißt eine Facebook-Gruppe, auf der Sawiris mit Schmähungen überzogen wird. Eine Karikatur zeigt eine ans Kreuz genagelte Maus, die ruft: "Schon gut, ich verspreche, nicht mehr zu scherzen, lasst mich herunter!" Es geht bei der Kampagne aber nur vordergründig um Micky Maus und die verletzten Gefühle. Die Kampagne ist Ausdruck der Konfrontation zwischen Liberalen und Islamisten und gibt einen Vorgeschmack auf den anstehenden Wahlkampf."Wir müssen Naguib Sawiris zwingen, seine Pläne aufzugeben, zwei neue Satellitenkanäle zu gründen. Einen für Nachrichten und einen für unzensierte Filme. Mit dem will er der Flut an konservativen und islamischen TV-Programmen etwas entgegensetzen ... Es geht ihm darum, seine unmoralische, liberale Agenda durchzudrücken", steht in einem Infokasten ebenfalls auf der Facebookseite.Die Tageszeitung Al Masry al Yaum, die Sawiris gehört und auch auf der Boykottliste steht, hält dagegen: "Dies ist ein feiges Spiel (um Sawiris Geschäfte zu zerstören). Der Herr General hat offenbar vergessen, dass Sawiris' Geschäft Teil unserer nationalen Wirtschaft ist." Die Kampagne gegen Sawiris und Mobilnil kommt nur wenige Wochen nach einem Boykott gegen den Konkurrenten Vodafone. Liberale Gruppen hatten dazu aufgerufen, da Vodafone während der Revolution konterrevolutionäre SMS im Auftrag der Armee an alle Kunden verschickt hatte. Ob es wohl einen Zusammenhang gibt? Julia Gerlach