ROM, 4. Februar. Kaum ist der erste Schock über den Absturz einer Gondel in den Dolomiten abgeklungen, zeichnet sich schon die offizielle Verteidigungsstrategie ab. Die unter massiven Beschuß geratenen US-Militärs stellen als Erklärung für den Unfall zwei Thesen zur Debatte: Entweder war ein "Pilotenfehler" schuld daran, daß die amerikanische Kampfmaschine das Tragseil durchtrennen konnte oder aber es muß ein "Maschinenschaden" gewesen sein. Augenzeugen erzählen es anderes. Die US-amerikanische Militärmaschine vom Typ EA-6B Prowler muß mit einer Geschwindigkeit von über 500 km/h durch das idyllische Tal zwischen Trient und Cortina gerast sein. Die gesetzliche Mindestflughöhe von 150 Metern hatte der Jet dabei weit unterschritten. Knapp vor den Seilen der Gondelbahn, die von Cavalese zum Monte Cermis führt, senkte der Pilot die Maschine noch einmal ab, um deren Tragseile zu unterfliegen. Doch das Kalkül ging nicht auf. Die Heckflosse schlug auf das zehn Zentimeter dicke, geflochtene Drahtseil und durchtrennte es mit einem glatten Schnitt. Die Gondel mit 20 Passagieren stürzte 80 Meter in die Tiefe.Dem Piloten gelang das Kunststück, die beschädigte Maschine bis zum Heimatflughafen am nahen US-Stützpunkt Aviano zu manövrieren. Dort wurde das kostbare Gerät beschlagnahmt. Fotos vom Jet und die Namen der Piloten wurden nicht publiziert. Die Opfer des Seilbahnabsturzes wurden noch in der Nacht des Absturzes identifiziert. Die Angehörigen mußten versuchen, die nahezu unkenntlichen Körper der acht deutschen Urlauber (unter ihnen sieben Frauen und Männer aus dem Chemnitzer Land in Sachsen), der Ungarn, Polen, Holländer, Österreicher und Italiener aus der zerquetschten Gondel im örtlichen Krankenhaus wiederzuerkennen. Kriegsspiel auf eigene FaustDie empörten Ortsbewohner verschärfen unterdessen ihre Angriffe auf das Heer. Glaubt man den Augenzeugen, so war es nicht das erste Mal, daß ein Militärpilot das Husarenstück versucht hat, während der Betriebszeit unter den Seilen durchzutauchen. Dann wäre die Unfallursache also kein Pilotenfehler und auch kein Maschinenschaden, sondern eine Art Mutprobe, ein makaberes "Kriegsspiel" auf eigene Faust. "Ich haben schon tausendmal gedacht, daß ein Flugzeug unser Kabel trifft", erklärte am Mittwoch Franco Ochner von der Bedienungsmannschaft der Bahn. Allein seit Weihnachten habe er 15 bis 20 Tiefflüge beobachtet. Informationen des Verteidigungsministerium scheinen den Verdacht der Talbewohner zu bestätigen: Die erlaubte Höhe war für diesen Flug eigentlich mit 1 100 Meter festgesetzt worden. "Die Tragödie wären nicht passiert, wenn sich der Pilot an die vorgeschriebene Flughöhe für Sichtflüge gehalten hätte", erklärte Minister Beniamino Andreatta.Der Vorfall rief den Italienern eine lange Reihe ähnlich "unglaublicher" Unfälle ins Gedächtnis zurück. Im Sommer 1987 hatte schon einmal eine italienische Maschine das Kabel einer Seilbahn in Cortina durchtrennt. Die Piloten konnten sich damals mit dem Fallschirm in Sicherheit bringen, Urlauber kamen nicht zu Schaden. Am Mont Blanc hingegen starben 1961 sechs Sportler, als ein französischer Jäger im Aostatal das Seilbahnkabel kappte.Die plötzliche Empörung der Politiker über die kühnen Übungsflüge in der Touristenregion verärgert daher die Betroffenen. Seit zehn Jahren versuchen sie, die zuständigen Stellen von der Gefährlichkeit der waghalsigen Manöver über dicht besiedeltem Gebiet zu überzeugen. "Die Übungen im Stile von Top Gun· werden immer häufiger in unserem Territorium" schrieb etwa der Gemeinderat Sergio Vanzo an die zuständigen Stellen. Das war vor sieben Jahren. Die Antwort auf die vielfältigen Eingaben blieb stets aus. Mit der Friedensmission in Bosnien wurde alles noch schlimmer. Da die Soldaten von Aviano aus Luftunterstützung erhalten, vervielfachten sich auch die Übungsflüge in der Umgebung. Besserung ist nicht in Sicht: In den kommenden sieben Jahren wollen die USA in Aviano 800 Millionen Mark investieren und die Zahl der Beschäftigten und ihrer Familienangehörigen auf 8 500 verdoppeln. Furcht vor VertuschungNach dem Schock fehlt es nun nicht an guten Ratschlägen. Staatspräsident Scalfaro verlangte, das Reglement für Tiefflüge zu verschärfen. Die kommunistische Partei nutzte die Gelegenheit, wieder einmal die Schließung ausländischer Militärbasen zu fordern. Schließlich gebe es den "Vorwand" einer Bedrohung durch die Sowjetunion nicht mehr. Die Regierung wies "ideologischen Mißbrauch" des Unfalls zurück, das Parlament setzte eine Untersuchungskommission ein, ebenso das US-Militär. Politiker und Bürger eint allerdings die Sorge, das heikle Thema könnte in bewährter Art archiviert werden. Vertuschungsversuche sind in der Geschichte der italienischen Luftfahrt die Regel. Erst im Vorjahr haben Freisprüche für Unmut gesorgt. 1990 war ein Militärjet auf ein Schulgebäude gestürzt, zwölf Kinder starben. Nach sieben Jahre intensiver Untersuchungen und Prozesse gingen sämtliche Angeklagten straffrei nach Hause.