Milkersdorf freut sich über sein hübsch saniertes Herrenhaus - auch wenn es jetzt ein Swingerclub ist: Das Lustschloss

MILKERSDORF. Ein klassischer Fall von "toter Hose" scheint Milkersdorf auf den ersten Blick zu sein: Selten kommt ein Auto durch das Dorf, das ein paar Kilometer östlich von Vetschau liegt, einem Städtchen auf halbem Weg zwischen Berlin und Dresden. Von den 234 Einwohnern, die in den Häusern entlang der Hauptstraße leben sollen, ist keiner zu sehen. Noch nicht einmal ein Hahn kräht vom Misthaufen am Ortseingang. Die Dorfgaststätte hat allem Anschein nach schon seit Jahren geschlossen - dem Schriftzug an der angegrauten Fassade sind Buchstaben abhanden gekommen: "um Lindenkru" steht noch dort. Es gibt weder Einkaufsladen noch Kirche. Immer sonnabends: ErotikpartysIn der Dorfmitte - zwischen Kriegerdenkmal und Feuerwehrhaus - aber fällt ein Gebäude auf: das Herrenhaus, im Ort "Schloss" genannt. Der denkmalgeschützte Bau ist aufwändig saniert, die neue Zufahrt führt zu einem großen Parkplatz. Es ist ein Lustschloss im wahrsten Wortsinn: Immer sonnabends wird es zum Swingerclub, feiern hier - laut Annonce - "Königspaare erotische Schlosspartys".Ein paar Häuser neben dem hochherrschaftlichen Anwesen kommt eine Rentnerin in Pantoffeln und Kittelschürze über den Hof, um sich die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen. Fragt man sie nach dem Schloss, huscht ein verlegenes Lächeln über ihr Gesicht. "Es ist gut, dass es wieder so schön hergerichtet ist", sagt sie. Das leer stehende Haus sei ja jahrelang verfallen. Zur Nutzung mag sie nicht viel, aber auch nichts Negatives sagen: "Das müssen Sie sich mal im Internet ansehen, dann wissen Sie Bescheid", sagt die 67 Jahre alte Frau. Jedenfalls stünden jetzt sonnabends immer viele "bessere Autos von weit her" hinter dem Schloss.Auch der Pfarrer, der Ortsvorsteher und der Bürgermeister bekennen, dass sie die Internet-Seite schon betrachtet haben, um sich kundig zu machen, was da läuft in ihrem Schloss. Besucht haben will es noch keiner - auch nicht am "Tag der offenen Tür" zur Eröffnung im November. Den hatten die Betreiber René Geisler und Dirk Rabe bewusst veranstaltet: "Wir hatten natürlich Sorge, wie der Ort unsere Geschäftsidee aufnimmt", sagt Dirk Rabe - der 41-Jährige, der eine moderne Brille, lange Kotletten und Cowboystiefel trägt, war zuvor Gastronom in Dresden. Doch die Bedenken scheinen unbegründet."Es hat sich bei mir noch niemand beschwert", sagt Fritz Handrow, der Bürgermeister der Gemeinde Kolkwitz, zu der Milkersdorf gehört. "Warum auch? Das Schloss ist toll restauriert, die Inhaber haben viel Geld reingesteckt." Und die Betreiber hätten das Gewerbe - vom Bundesverwaltungsgericht kürzlich generell als "nicht unsittlich" eingeschätzt - korrekt angemeldet. "Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Fenster in Milkersdorf jetzt gründlicher geputzt werden", frotzelt er. Auch Ortsvorsteher Detlev Ehrenberg sind noch keine Klagen zu Ohren gekommen: "Die Bevölkerung ist sehr zufrieden. Wir sind froh, dass das Denkmal gerettet ist." Und Landeskonservator Detlev Karg muss schmunzeln, als er von dem Lustschloss erfährt. "Das ist natürlich nicht die Art von Nutzung, die wir favorisieren", sagt Brandenburgs oberster Denkmalpfleger. Lieber wäre ihm, wenn die hochherrschaftlichen Anwesen als Museum, Hotel oder Begegnungsstätte dienten. "Aber es ist schwer, Schlösser zu vermarkten." 300 der 500 bedeutenden Schlösser Brandenburgs bereiteten ihm Sorgen, weil sich für sie kein potenter Käufer findet oder es dem Besitzer am nötigen Kleingeld fehlt. "Sämtliche Nutzung ist besser als Lehrstand."Nur einem bereitet die Aufgeschlossenheit Bauchschmerzen: dem Pfarrer des Örtchens, das sich mit einer barackenähnlichen Behelfskapelle bescheiden muss, die zu allem Unglück direkt neben dem Schloss steht. Bei den Gemeinde- nachmittagen dort werde mit "Schmunzeln und viel sagenden Blicken" darüber getuschelt, was wohl sonnabends nebenan passiert. Für Christian Hering gibt es da keine Diskussion: "Ehebruch, Unzucht, Sünde." Der evangelische Pfarrer will nun eine Anfrage an den Bürgermeister richten. "Unsere einzige Informationsquelle ist das Internet", klagt er. "Und bei den dort veröffentlichten Erfahrungsberichten bin ich schon rot geworden."Kein einziger sich lustvoll räkelnder Nackedei ist auf den vielen Bildern abgebildet, die die Wände im Schloss zieren. Ernste Gestalten blicken aus den oft goldenen Rahmen. Zu der "Ahnengalerie" passen die Möbel im Kolonialstil. Die Dielen sind abgezogen, die Fachwerkbalken freigelegt. Im Kaminzimmer stehen tiefe, bordeauxfarbene Ledersessel, an den Tischen im Speisezimmer hochlehnige Stühle.Über jedem Bett ein SpiegelVerräterisch sind nur die riesige Badewanne des Wellnessbereichs im Keller und die Spiegel, von denen mindestens einer über jedem Bett hängt. Wobei die Betten im ersten Stock mitunter auch deutlich größer sind als in normalen Gästezimmern. Doch die Lokalitäten im Erdgeschoss könnten ebenso zu einem kleinen Landhotel der gehobenen Kategorie gehören. Gepflegte Abendgarderobe ist denn auch Pflicht für die Paare, die sonnabends hier für 95 Euro Einlass begehren, sagt Rabe. Schließlich will Schloss Milkersdorf ein Club der edlen Sorte sein. Zutritt hätten auch nur Paare. 25 bis 30 reisten hier am Wochenende an, sagen die Betreiber, die sich mit ihren Frauen um die Gäste kümmern. Die erotischen Vergnügen sollen erst der Anfang sein: "Wir wollen ein Event-Schloss werden", sagt Rabe. Geplant sind auch normale Partys, ebenso könnten Familienfeste hier gefeiert werden. Das erste ist auch schon gebucht: Im Mai feiert ein Milkersdorfer Paar hier goldene Hochzeit.Schummrige Begegnungsstätten // Definition: Der Duden übersetzt Swingen mit "Gruppen-Sex-Betreiben". Swinger-Clubs bieten die Gelegenheit zum Sex mit Menschen, die man dort kennen lernt.Anzahl: Es gibt keine verlässliche Quelle. Die Angaben über die Zahl der Swinger-Clubs in Deutschland schwanken - zwischen 250 und mehr als 1 000.Region: Einschlägige Internet-Seiten listen 160 derartige Etablissements - darunter fünf in Brandenburg: neben Milkersdorf in Guben, Teltow, Wolzig und Dallgow.BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Wo früher Kartoffeln und Kohlen im Schloss Milkersdorf lagerten, ist jetzt ein Wellnessbereich mit einer Badewanne für mehrere Gäste.