Unter den Brecht-Schülern, die, wenn sie das neue Jahrhundert erreicht haben, allesamt Senioren sind, konnte er als der Patriarch gelten. Kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs in Schlesien als Sohn eines Kaufmanns geboren, sollte Peter Palitzsch nicht Gymansium und Fachhochschule in Dresden, sondern der Zweite Weltkrieg zur "Schule des Lebens" werden. Sechs Jahre Soldat in Frankreich und Russland, Gefangenschaft, Rückkehr in das zerstörte Dresden, ließen ihn wie Millionen anderer junger Deutscher nach einer Zukunft ohne Faschismus und Krieg fragen. Es war nicht Glück, sondern Suche, dass er schließlich an Bertolt Brecht geriet, der im Oktober 1948 nach Berlin zurückgekehrt war. Im zerbombten "Adlon", in dem Brecht, Weigel und Ruth Berlau untergebracht waren, wurde er von Brecht nicht nur verpflegt, sondern auch ausgefragt, damit Brecht sein Deutschland-Bild, besonders das der deutschen Jugend, komplettieren konnte. Palitzsch erinnerte sich 1998 anlässlich des 100. Geburtstags von Brecht: "Ich begriff, dass es galt, die richtigen Fragen zu stellen und die gefundenen Antworten so schnell wie möglich wieder in Fragen zu verwandeln, damit sie nicht zur Ruhe kämen." Als Werbegrafiker und Dramaturg am Berliner Ensemble bekam er zusammen mit Benno Besson, Egon Monk, Isot Kilian, seit 1950 auch Manfred Wekwerth "eingebläut": "Ohne Dialektik werdet ihr meine Stücke nicht kapieren." Als Grafiker entwarf Palitzsch das Signet des Ensembles, das sich bis heute über dem Theater dreht: Ein roter Kreis, darinnen die beiden Bezeichnungen. In der von ihm gestalteten "Theaterarbeit" von 1953 ist auch nachzulesen, wie Palitzsch die Stücke historisch-dialektisch, produktiv-widersprüchlich zu befragen verstand. 1955 konnte er sich erstmalig bei "Der Tag des großen Gelehrten Wu" als Regisseur bewähren. Höhepunkte seiner Regiearbeit (zusammen mit Wekwerth) in den fünfziger Jahren wurde die Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" mit Ekkehard Schall 1958, das fünfzehn Jahre im Spielplan blieb und 532 Aufführungen erlebte. Zugleich half er auch, Brecht in Westdeutschland durchzusetzen, so mit der Inszenierung des "Ui" in Stuttgart. 1961 dann die überraschende Wende: Eben noch war Palitzsch, der "Sezuan" und "Der Prozeß der Jeanne d´Arc" (nach Seghers) im Theater Ulm inszeniert hatte, von "Bild" wegen des "Mauerbaus" in Berlin angefeindet worden. Da erklärte er nach einer Inszenierung von "Courage" in Oslo, nicht mehr in die DDR und ans BE zurückkehren zu wollen, da er diese Zementierung der Spaltung Deutschlands nicht hinnehmen könne. Natürlich wurde das im BE als Zeichen von "Sozialdemokratismus" bewertet, für den das "sanftlebige Fleisch aus Dresden" schon immer anfällig gewesen sei, ein Vorwurf, der ihm von den "Linken" in den siebziger Jahren wieder gemacht werden sollte. Als Intendant der Württembergischen Staatstheater in Stuttgart seit 1966 erweiterte Palitzsch seine Regieerfahrungen mit Brecht um solche mit den "Königsdramen" von Shakespeare wie mit Gegenwartsdramatik. Er brachte Tankred Dorsts "Toller", dann auch neueste Stücke von Martin Walser, Peter Weiss, Peter Turrini zur Uraufführung. Seinen nicht abgestorbenen sozialistischen Vorstellungen entsprechend versuchte er schließlich ab 1972, als Primus im Dreier-Direktorium der Frankfurter Bühnen, das schon 1970 beschlossene Mitbestimmungsmodell im Theater zu praktizieren. Angefeindet von links wie von rechts benützt Palitzsch neue Stücke der englischen Realisten wie klassische Dramen von O´Casey über Wedekind und Gorki, um gegen die Restauration anzuspielen. 1977 weigerte er sich, im Hinblick auf die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer von der Inszenierung von Brechts "Tagen der Commune" zu lassen. Als er 1980 ausschied, sah er nicht nur das Mitbestimmungsmodell, sondern die weitergehende Demokratisierung der BRD gescheitert. 1991 erreichte ihn durch den Berliner Senat das Angebot, in die neue Leitung des in eine GmbH umgewandelten Berliner Ensembles einzutreten. Er nahm an, war es doch eine Rückkehr an das Haus, dessen Ruf immer noch von Brecht geprägt war, auch wenn die "Fünferbande" (neben ihm Matthias Langhoff, Heiner Müller, Peter Zadek, Fritz Marquardt) mit Brecht "nichts mehr am Hut" haben wollte. Seine eigenen Inszenierungen ("Pericles", "Baal") wurden keine Erfolge. Hilflos verfolgte er den Diadochenkampf zwischen Müller und Zadek um die Macht. 1995 schied er aus, noch mehr resiginiert als 1980 in Frankfurt, wurde wieder freier Regisseur im einigen Deutschland und einer uneinigen Welt. Bis in die jüngste Zeit blieb er ein scharfsinniger, bei aller scheinbaren Friedfertigkeit immer auch polemisch, sarkastisch agierender Beobachter der Zeitläufte. Noch im März 2002 verurteilte er mit anderen deutschen und französischen Intellektuellen den bevorstehenden amerikanischen Angriffskrieg gegen den Irak. 1991 hatte er in seiner Dankesrede zur Entgegennahme des Berliner Theaterpreises erklärt, wenn sich schon Brechts Vorstellung einer Änderung der Welt "von Grund auf" auch mit dem Mittel des Theaters nicht habe durchsetzen lassen, so wenigstens "millimeterweise". In dieser Überzeugung bleibt er Vorbild für alle, die im Theater mehr sehen wollen als Selbstverwirklichungs- und Ablenkungsspektakel. Peter Palitzsch verstarb 86-jährig am Sonnabend in Havelberg.------------------------------Foto: Peter Palitzsch, 11. September 1918 - 18. Dezember 2004