Meterhohe Papierstapel in jedem Raum, kaum ein Zentimeter Boden, der nicht von Zeitungen, Zeitschriften und Katalogen bedeckt ist -die Wohnung eines Messies. Kein schöner Anblick, auch für Jürgen Bernsen vom Verein Freiraum-Berlin-Brandenburg nicht. Bernsen ist der Anblick jedoch vertraut. Denn er kommt in vermüllte Wohnungen, um zu helfen. Gemeinsam mit den Betroffenen räumt er Stück für Stück, Zimmer für Zimmer die Wohnung auf. "Das kann bis zu einem halben Jahr dauern, ehe wir durch sind", sagt Bernsen. Mehr als drei bis vier Stunden Aufräumen und Sortieren pro Tag sei für die Messies oft psychisch nicht zu verkraften. Ziel ist es, dass die Betroffenen die Ordnung hinterher auch halten können.Seit zwei Jahren bietet "Freiraum" Berlinern, die vom Messie-Syndrom betroffen sind, Hilfe dabei an, wieder Struktur und Ordnung in ihr Leben zu bekommen. Messie leitet sich vom englischen "mess" ab, was in etwa Unordnung, Chaos bedeutet. "Da, wo es ernst wird, verbergen sich unter dem Messie-Syndrom zahlreiche Krankheitsbilder", sagt Werner Gross, Psychotherapeut am Psychologischen Forum Offenbach. Die Ursachen sind sehr individuell: Oft trete das Syndrom bei Menschen auf, die an Altersdemenz, einer Sucht, Psychosen und Ängsten litten. "Im Kern geht es um fehlende innere Struktur und Ordnung." Laut Gross versuchen Betroffene, innere Löcher in ihrem Seelenleben mit äußeren Dingen zu stopfen, etwa durch das Sammeln von Joggingschuhen oder Joghurtbechern. Doch nicht jeder Briefmarkensammler sei gleich ein Messie.Wie viele Messies es in Deutschland gibt, ist nicht bekannt. Selbsthilfegruppen und Vereine sprechen zwar von mehreren Millionen Betroffenen bundesweit, quer durch alle sozialen Schichten. Doch lassen sich diese Zahlen nicht belegen. Auch für Berlin gibt es keine Statistik. Da es sich nicht um eine Krankheit handelt, wird die Zahl der Betroffenen behördlich nicht erfasst. Hinzu kommt, dass die Grauzone zwischen einfacher Unordentlichkeit und Sammelleidenschaft zum "Messietum" groß ist.Betroffene müssen die Hilfe wollenDoch mit wachsender Sensibilisierung steigt die Zahl der bekannten Fälle: Auch Christiane Hebes, Fachärztin beim Sozialpsychiatrischen Dienst im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sieht sich zunehmend mit dem Messietum konfrontiert. Meist sind es Polizisten, Vermieter oder Immobilienverwalter, die den Dienst einschalten, wenn sie auf eine vermüllte Wohnung gestoßen sind, sagt Hebes. "Die Betroffenen selbst melden sich fast nie, da das Schamgefühl zu groß ist", so die Ärztin. Zunächst wird die betreffende Person zum Gespräch gebeten. Wen sie nicht erscheint, gehen die Mitarbeiter des Dienstes auch bei ihr vorbei. Denn in jedem Einzelfall müssen zunächst die Ursachen geklärt werden, die zur Verwahrlosung geführt haben. Doch ohne Mithilfe des Messies kann auch der Dienst nichts ausrichten: "Gegen den Willen der Betroffenen dürfen wir nichts unternehmen", sagt die Ärztin. Im Extremfall kann das dazu führen, dass der Vermieter zunächst das Mietverhältnis beenden und eine Räumungsklage erfolgreich durchsetzen muss, ehe die Wohnung aufgeräumt wird. Wenn der Betroffene jedoch die Hilfe des Sozialpsychiatrischen Dienstes annimmt, kommt regelmäßig jemand vorbei, der mit aufräumt und aufpasst, dass er nicht wieder in alte Gewohnheiten zurückfällt. "Erfolge sind schwer und nur schrittweise zu erzielen -oft scheitert man", resümiert Hebes. Dann gehen unter den Stapeln unnützen Gerümpels irgendwann nicht nur die Möbel, sondern auch der Bewohner verloren.------------------------------Hilfe für MessiesDie Sozialpsychiatrischen Dienste der Bezirksgesundheitsämtergeben Informationen zu den verschiedenen Selbsthilfegruppen.www.anonyme-messies-berlin.deVerein Freiraum- Berlin-BrandenburgProfessionelle Hilfe bietet auch der Verein Freiraum-Berlin- Brandenburg. Zu erreichen unter Tel. 030/ 221 62 71 30 und 0157/ 73 85 51 62.Hilfe für AngehörigeSelbsthilfegruppen für Freunde und Familie der Betroffenen gibt es etwa in Moabit.www.angehoerigengruppe. berlin-shg.deInfos zum Messie-SyndromAdressen und wissenschaftliche Publikationen bietet:www.messie-selbsthilfe.deFörderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms unter www.femmessies.de------------------------------Foto: Wenn kreatives Chaos in Chaos umschlägt: Messies stopfen mit Unrat die Löcher in ihrem Seelenleben.