In diesen Sommertagen zieht es vor allem Touristen in den Spreewald: In weißen Wohnwagen kurven Schweden, Dänen und Holländer durch Dörfchen mit Storchennestern und Bootsverleih, eine Idylle, nur rund 60 Kilometer südöstlich von Berlin, doch ganze Welten entfernt von der Hauptstadt.Bei ihrer Fahrt wird kaum ein Besucher das Heim Haasenburg entdecken. Wenn der Spreewald abgeschieden ist, so ist die Jugendhilfeeinrichtung kaum zu finden. Sie liegt im Biosphärenreservat Unterspreewald, hinter Neuenburg am See, hinter Schäferei und Campingplatz. Ein ehemaliges Ferienheim des DDR-Gewerkschaftsbunds FDGB beherbergt seit zehn Jahren Kinder und Jugendliche, denen der Absturz droht.Schulschwänzer und SchlägerEs sind Mädchen, die sich prostituieren, Jugendliche, die Drogen nehmen, Schulschwänzer und Schläger, die in den Spreewald geschickt werden, um ihr Leben irgendwie wieder in den Griff zu kriegen. Sie sind zwischen elf und 18 Jahren alt, insgesamt 45 Jungen und Mädchen, beide Geschlechter etwa gleichmäßig vertreten. Jugendämter aus Berlin, Dresden und Brandenburg schicken sie in die Einrichtung. Haasenburg ist eines von vielen Angeboten für Kinder, bei denen weder Eltern noch Jugendgericht eine andere Lösung wissen, als: raus aus der elterlichen Wohnung, dem Kiez, der Stadt.Die Jugendlichen in Haasenburg werden unterschiedlich behandelt - je nachdem, wie das Jugendamt ihren jeweiligen Fall einschätzt. Sie haben alle ein Einzelzimmer. Wer intensiv betreut wird, hat ständig einen Erzieher in der Nähe. Die leichteren Fälle wohnen zu viert im Bungalow. Auf dem weitläufigen Gelände gibt es einen Fußball- und einen Volleyballplatz, Paddelboote, einen Kletterturm, Fahrräder und ein Feuerwehrauto, das vor sich hinrostet."Zwischen einem und drei Jahren bleiben die Jugendlichen im Durchschnitt bei uns", sagt Mario Bavar, der 43-Jährige Geschäftsführer der Jugendhilfe-Einrichtung. Er will sie "in die Mitte der Gesellschaft" zurückführen, sagt Bavar. Seine Strategie ist die der kleinen Schritte und die von Regeln und Gesetzen: früh aufstehen, Schule, Freizeitaktivitäten - alles nach einem Plan, der Regelmäßigkeit schafft - nicht nur im Sinne von Wiederholung, sondern auch von dem Jugendschutz entsprechendem Verhalten: Rauchen verboten, Alkohol verboten, andere Drogen sowieso.Das sei nicht selbstverständlich, sagt Bavar. In Häusern anderer Betreiber ließen Erzieher bei Gesprächen mit Jugendlichen auch mal einen Joint kreisen, um Gemeinschaft herzustellen und so die Gesprächsbereitschaft zu fördern. Bavar lehnt das ab, seine Einrichtung gilt in der Szene als streng. Kommt ein 14-Jähriger in Haasenburg an, soll er zunächst lernen, dass es für Jugendliche nicht angemessen ist zu rauchen oder zu trinken. Die Erzieher leben vor, dass "man am Abendbrottisch kein Bier trinken muss, um Spaß zu haben", wie der gelernte Diplom-Sozialpädagoge sagt. Schritt für Schritt soll den Jugendlichen ihre Entscheidungsgewalt zurückgegeben werden. Wo früher Sucht oder Zwang standen, soll die Freiheit treten, Nein zu sagen.Haasenburg trainiert für den Alltag oder wie Bavar sagt: "Wir sind das wahre Leben in einem geschützten Rahmen." Ein Unterfangen mit Erfolgschancen, wie Bavar denkt. "Die Jugendlichen leben ja nicht seit Jahren in diesen Mustern, sondern häufig erst seit Monaten." Da sei es noch möglich umzulernen.Er schildert den Fall eines 15-Jährigen, der in der Schule abgerutscht ist, von seinen Eltern deshalb abgelehnt wurde und begann, sich seine Bestätigung durch Prügeleien zu holen. Als er mehrere Anzeigen wegen Körperverletzung hatte, kam er in den Unterspreewald. Hier erhielt er Einzelunterricht, bei dem der Lehrer seine Stärken förderte und ihm so Erfolgserlebnisse verschaffte. Später kam er in eine Kleingruppe, dann in die reguläre Klasse. Doch es ging auch um Alltagsregeln.Es gibt auch Misserfolge"Er hat gelernt, dass er am Tisch um die Butter bitten kann, ohne jemandem zu drohen", sagt Bavar. Irgendwann habe der Junge die Einrichtung verlassen. "Er wird vielleicht nicht Professor werden. Doch ein Hauptschulabschluss wäre schon ein Erfolg." Mit einem Jugendlichen will er die Besucher aber nicht reden lassen. "Aus Datenschutzgründen." Der Heimmanager räumt ein, dass es auch Misserfolge gebe. Ein 17-Jähriger etwa habe jede Korrektur seines Verhaltens abgelehnt. "Ich lasse mich da nicht drauf ein", habe er gesagt, sich der Therapie verweigert und sei schließlich entlassen worden. Doch sieben von zehn Bewohnern gingen "positiv" weg.Mehr als das: Rund 75 Prozent der Jungen und Mädchen bäten um Verlängerung, nachdem die vom Jugendamt verordnete Zeit abgelaufen ist, sagt Bavar: "So wollen sie die Verführung durch ihr soziales Umfeld daheim vermeiden." Das Jugendamt stimmt dem häufig zu, um die Chancen auf eine echte Verhaltensänderung zu erhöhen. "Wenn Politiker denken, dass diese in wenigen Wochen zu erreichen sei, täuschen sie sich", sagt Bavar. Mit Geduld kann es klappen.------------------------------Foto: Letzte Rettung Haasenburg. Das Feuerwehrauto dient allerdings dem Spiel.Foto: Kein Streichelzoo, sondern ein Heim für Kinder, denen der Absturz droht. Geschäftsführer Mario Bavar setzt auf feste Regeln für die 45 jungen Bewohner.