OBER-HAMBACH/BERLIN. Der St.-Marien-Friedhof in Berlin-Mitte ist keine Ruhestätte. Vier- und sechsspurige Straßen umrahmen das halb verwilderte Areal in der Nähe des Alexanderplatzes, bemooste Grabsteine stehen unter kranken Bäumen. Das ewige Hupen und Quietschen und Dröhnen erinnert die Toten daran, dass es die Lebenden oft eilig haben.Am Freitag der vergangenen Woche schweigen knapp 30 Menschen in der kleinen Kapelle von St. Marien vor einem Kiefernsarg. Neben dem Sarg steht ein Foto. Es zeigt einen jungen Mann mit Kinnbart und Cowboyhut, der aus dunklen Augen keck in die Kamera blickt. Der Mann hieß Gregor Langer*. Er wurde 39 Jahre alt. Sein Tod ist auch 600 Kilometer weiter südwestlich, in einem Dorf im Odenwald, mit Erschütterung registriert worden. Er erinnert die dort Lebenden einmal mehr daran, dass einen die Vergangenheit jederzeit einholen kann.Gregor Langer war in den Achtziger- und Neunzigerjahren Schüler der Odenwaldschule (OSO). Er war ein schwieriger Schüler. Aber er hatte in Gerold Becker einen scheinbar wohltätigen Gönner. Becker, lange Jahre Leiter der hessischen Schule, sorgte für Gregor. Er gab ihm Geld, er nahm ihn mit in die Ferien, er nahm ihn später mit nach Berlin - und er missbrauchte den hübschen Jungen vielfach. So wie er es mit vielen Dutzend anderen Kindern auch tat. Gregor Langer, der früh begann, Drogen zu nehmen, kam in seinem Leben nie auf die Beine. Zuletzt soll er akribisch Artikel über die Odenwaldschule gesammelt und Berichte über sie im Fernsehen betrachtet haben. "Bei mir geht die Sonne unter", sagte er im Dezember einem Freund. Wenige Wochen später starb er - einen Tag, bevor er mit einer Entziehungskur beginnen sollte.132 Betroffene hat man im Odenwald im Laufe eines albtraumhaften Jahres gezählt. Gregor Langer war einer von ihnen. Ihm ist nicht mehr zu helfen. Die Frage aber, ob und wie und wann den anderen Hilfe angeboten wird, steht seit seinem Tod noch drängender im Raum. Auf eine Antwort warten nicht nur sie seit fast genau einem Jahr.Am 6. März 2010 war es mit der angeblichen Idylle in Ober-Hambach bei Heppenheim endgültig vorbei. Damals enthüllte die Frankfurter Rundschau gewissermaßen zum zweiten Mal den viele Jahrzehnte währenden Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule. Und diesmal konnte keiner mehr wegschauen. Vieles ist seither passiert an dem einstigen Vorzeige-Internat der Reformpädagogik. Vieles aber eben auch nicht. Bis heute ist die Zukunft der Schule daher ungewiss.Das Vertrauen fehltAm vergangenen Sonnabend öffnet die Odenwaldschule erstmals seit längerer Zeit wieder ihre Pforten. Es ist Tag der offenen Tür für interessierte Eltern und Schüler. Zwanzig Minuten dauert die kurvenreiche Fahrt von Heppenheim hinauf nach Ober-Hambach, einen Weiler im Wald, der von oben wie ein Pappe-Dorf in einer Modelleisenbahn-Landschaft wirkt. Seit genau 100 Jahren müht man sich hier in der Abgeschiedenheit, in der sogar Mobiltelefone keinen Kontakt zur Außenwelt finden, "einmalige Menschen" nach dem Vorbild des Gründervaters Paul Geheeb zu erschaffen. Nie aber war es schwerer, die Eltern und Schüler für die Odenwaldschule zu begeistern. An diesem Sonnabend tröpfeln die Besucher eher in den nüchternen Empfangsraum, als dass sie dorthin strömten. Es gibt Kaffee und Kuchen und Lichtbildvorträge. Es gibt bunte Mappen, in denen die OSO "Geborgenheit, Rückhalt und Tipps zur Bewältigung alltäglicher Herausforderungen" anpreist.Dabei könnte die Schule selbst Ratschläge gebrauchen. 217 Schüler sind zurzeit noch da, rund 20 weniger als vor einem Jahr. Bei Schulgebühren von 27000 Euro jährlich bedeutet das ein tiefes Loch in der Kasse. Es fehlt aber nicht nur das Geld. Manchen Eltern fehlt offenbar auch das Vertrauen, dass die OSO wieder ein ganz normales Internat werden könnte. Dafür hat die Schule selbst in den vergangenen Monaten zu großes Chaos angerichtet.Im vergangenen Frühjahr schien es zunächst so, als könne die Schule mit einem gewaltigen Befreiungsschlag ihre eigene Zukunft wieder selbst gestalten. Nach wochenlangem Gerangel wurden fast alle alten Vorstandsmitglieder, uneinsichtig bis zuletzt, von einer beharrlichen Aufklärergruppe vom Hof gejagt. Auch im Trägerverein begann das große Aufräumen. Viele dort hatten spätestens seit Ende der Neunzigerjahre vom systematischen sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener gewusst und konsequent weggesehen, als Gerold Becker weiterhin öffentlich seinen Ruf als Deutschlands pädagogischer Vordenker festigte.An ihre Stelle traten zumeist ehemalige OSO-Schüler, darunter auch solche, die einst selbst sexuell missbraucht worden waren. Jedes Gremium der Schule wird heute dominiert von früheren Schülern. Der gute Wille ist niemandem von ihnen abzusprechen. Wie schwer es aber ist, in einem Umfeld, das mehr von emotionaler Aufgewühltheit als von pädagogischem Sachverstand geprägt ist, tragfähige Konzepte zu entwickeln, zeigt beispielhaft der Fall Adrian Koerfer.Der Frankfurter Verlagskaufmann und Kunstsammler Koerfer hatte sich im Frühjahr 2010, mitten im OSO-Machtkampf, selbst als Leidtragender von Beckers kriminellen Machenschaften geoutet. Im Mai wurde er, quasi als Stimme der Betroffenen, in den neuen OSO-Vorstand gewählt. Kurz darauf war er es, der erstmals einen möglichen Entschädigungsbetrag für die Opfer durchsickern ließ: 350 000 Euro. Als im Vorstand Kritik an dem Vorpreschen laut wurde, trat Koerfer zurück und gründete mit "Glasbrechen" einen eigenen Verein für Betroffene und Unterstützer. Der Verein lässt inzwischen keine Gelegenheit mehr aus, die Untätigkeit der OSO-Verantwortlichen zu geißeln. Erst kürzlich forderte Koerfer öffentlich den Rücktritt von Schulleiterin Margarita Kaufmann. Die ist inzwischen auf unbestimmte Zeit krankgeschrieben.Der Streit um eine angemessene Entschädigung nahm nach Koerfers Rücktritt zum Teil unwürdige Züge an. Immer mal wieder kursierten öffentlich Zahlen. Mal 100 000, mal 500 000, mal groteske 10 000 Euro, die sogleich wieder dementiert oder abgelehnt wurden. Die Schule rang sich irgendwann zu der Aussage durch, sie wolle einen symbolischen Betrag zahlen, der "wehtun" müsse, die OSO als Ganzes jedoch nicht gefährden dürfe. Aber: Ab wann tut es weh? Ab wann ist die Schule in Gefahr? Und ab wann verhöhnt man die Opfer?Auf die Frage gibt es so viele Antworten wie Verantwortliche. Im November traten mit Michael Frenzel und Johannes von Donanyi zwei weitere Vorstandsmitglieder zurück. Sie hatten dem Vernehmen nach massiv Personal einsparen wollen, um die Opfer angemessen entschädigen zu können. Das ging manchen im Trägerverein wohl zu weit. In E-Mails, Internetforen und Briefen überziehen sich die Kontrahenten bis heute mit zum Teil wüsten Beschimpfungen.Die Lähmung"Die Nerven liegen einfach blank", sagt Regina Bappert, eine kleine Frau mit kurzen grauen Haaren, die auch an diesem Sonnabend wieder in den Odenwald gekommen ist, um sich an der Rettung ihrer alten Schule zu beteiligen. "Wir hatten gehofft, dass hier zu irgendeinem Zeitpunkt einmal Ruhe einkehrt", sagt Regina Bappert. "Aber die hat es nie gegeben." Sie steht jetzt vor dem Geheeb-Haus, keine 100 Meter von hier hat Gerold Becker über Jahre hinweg Zwölf-, Dreizehn-, Vierzehnjährige missbraucht. Aber zur selben Zeit hätten an der OSO viele Kinder eben auch Schutz vor Missbrauch und Misshandlungen in ihrer eigenen Familie gefunden. Das dürfe man nicht vergessen, sagt die 51-jährige Journalistin, die heute im Trägerverein bedingungslos für den Erhalt der Schule streitet. Sie ist es leid, seit bald einem Jahr Anfeindungen, persönliche Abrechnungen, Wutausbrüche erleben zu müssen. Das unglaubliche Misstrauen von allen gegen alle sei einfach nur furchtbar traurig, sagt sie. Es hat die einst so renommierte Schule geradewegs in die Lähmung geführt.In all den Monaten, die so ungenutzt verstrichen, habe man das Wichtigste glatt übersehen, sagt Henning Ahlers* vom Verein Glasbrechen: "Die Schule hat sich bis heute nicht um die Opfer gekümmert, die sich gemeldet haben. Und sie hat kein einziges Mal gefragt: Was wollt ihr eigentlich?" Die beiden beauftragten Juristinnen, die im Dezember ihren Abschlussbericht über das "Pädophilennest" OSO vorlegten, hätten zwar akribisch Meldungen gesammelt und sehr viel Erhellendes über das System Becker zu Tage gefördert. Die simple Frage an die Betroffenen aber, womit ihnen am besten gedient wäre, sei nie gestellt worden. "Eine Katastrophe", sagt Ahlers.Die Frage wäre in der Tat interessant. Die Position von Glasbrechen ist zwar einigermaßen klar. Die Odenwaldschule, die gerade dabei sei, "sogar von der katholischen Kirche überholt zu werden", müsse ein deutliches Sühnezeichen setzen, sagt Adrian Koerfer. Zur Not müsse die Schule ihre Gebäude in Ober-Hambach beleihen. Und wenn das das Ende der OSO bedeutete? Dann sei das eben so, sagt Koerfer. "In unseren Statuten steht nicht, dass es unsere Aufgabe ist, die Schule zu retten."Glasbrechen freilich vertritt nur etwa 20 der bislang bekannten Missbrauchsopfer. Die meisten anderen sind nicht organisiert. Manche von ihnen haben sich zu Wort gemeldet und verlangen ihr Schulgeld in Höhe von 80000 Euro zurück. Hochgerechnet auf 132 Betroffene wären das zehneinhalb Millionen. Manch andere wollen nie wieder etwas von der OSO hören und auch kein Geld, weil damit ohnehin nichts wiedergutzumachen sei. Und manche können sich nicht mehr äußern, weil sie - wie Gregor Langer - tot sind.Das kranke SystemDie Schule selbst versucht unterdessen mühsam, sich aus ihrer Lähmung zu befreien. Anfang Dezember holte sie den in der Schweiz lebenden Kaufmann Philip von Gleichen, auch er ein ehemaliger OSO-Schüler, in den Vorstand. Der 53-Jährige wurde mit der Aufgabe betraut, eine Stiftung zu gründen, die, so von Gleichen, "Geld sammeln und Gutes tun" soll. Immerhin: Ein Stiftungskonto gibt es bereits. Nach Informationen der Berliner Zeitung haben bislang aber gerade mal 14 Spender zusammen 12000 Euro eingezahlt. Der Stiftungsbeauftragte steht unter enormem Druck: Träger- und Altschülerverein der OSO haben sich in einer Vereinbarung mit Glasbrechen dazu verpflichtet, dem Verein bis Ende Februar ein schlüssiges Entschädigungskonzept vorzulegen und "einen ersten Betrag" auszuzahlen. Sollte der zu niedrig ausfallen, hat Glasbrechen bereits angekündigt, öffentlich Tacheles über die Odenwaldschule zu reden. Erfahrungsgemäß wird die Wortwahl drastisch sein. Für eine Schule, die jetzt schon mit stetig sinkenden Anmeldezahlen zu kämpfen hat, wäre das der nächste Schritt Richtung Abgrund."Ich kann die Wut gut verstehen", sagt Philip von Gleichen. Als Betroffener würde es ihm vermutlich genauso gehen. "Hier gibt es so viel geballte Emotion, das ist wie in einer großen Familie." Von Gleichen bittet alle Beteiligten trotzdem um Geduld - wohl wissend, dass das noch so ein Reizwort ist, das man ihm um die Ohren hauen wird. Die OSO zu retten, das sei "wie mit einem Sack Zement schwimmen zu gehen", sagt der einstige OSO-Schüler. Soll wohl heißen: Man ist jederzeit vom Untergang bedroht. Der Einsatz aber lohne sich, glaubt von Gleichen. "Die Schule hat eine Zukunft - aber erst nach einer kompletten Renovierung."Dass die jemals stattfinden wird, bezweifeln Menschen wie Jürgen Dehmers*, der Mann, dem die Aufklärung des Missbrauchsskandals maßgeblich zu verdanken ist. Dehmers und zwei Mitstreiter waren es, die Ende der Neunzigerjahre erst Gerold Becker und dann die OSO mit ihrer Vergangenheit konfrontierten, die an die Presse gingen, nachdem sie ignoriert und vertröstet worden waren und die die Schule elf Jahre später daran hinderten, ihr 100-jähriges Bestehen so zu feiern, als sei nie etwas gewesen. Dehmers ist einer, der gelernt hat, seine Wut zu kanalisieren. In diesen Tagen aber - zumal nach dem Tod von Gregor Langer - hat auch er Mühe, sich zu beherrschen.Es sei ja nicht nur die Entschädigungsfrage, welche die Schule seit einem Jahr nicht beantworte, sagt der 41-Jährige. Tatsächlich sei es so, dass die OSO in all den Monaten immer nur auf öffentlichen Druck hin gehandelt habe. Am System Odenwaldschule aber habe sich nichts Grundlegendes geändert. "Und dieses System ist total krank und macht krank." Er verstehe nicht, so Dehmers, wieso Schüler und Lehrer in Ober-Hambach noch immer als "Familie" unter einem Dach leben. Er verstehe nicht, wieso im Kollegium noch immer Lehrer säßen, die nachweislich Verhältnisse mit älteren Schülern gehabt hätten. Er verstehe nicht, wieso Geschäftsführer Meto Salijevic, der schon zu Zeiten des vertuschten Skandals Ende der Neunziger im Amt war, noch immer die Geschicke der OSO mitbestimme. "Das Motto ,Wir regeln hier alles selber' ist ein Irrtum. Das kann nicht funktionieren", sagt Dehmers. Nach einem Jahr voller Absichtserklärungen sei zweierlei nötig: Das System müsse weg, und die Schule müsse sich endlich ihrer Verantwortung stellen und zahlen. Sollte die OSO dabei zugrunde gehen, "dann tut es mir nicht leid".Rache spiele dabei keine Rolle, betont der ehemalige Odenwald-Schüler. Es gehe ihm um ein glaubhaftes "Nie wieder". Kürzlich in Berlin hat er darüber auch mit Betroffenen aus anderen Institutionen debattiert. Als dort einer fragte, was man tun könne, um sexuellen Missbrauch künftig ein für alle Mal zu verhindern, sagte einer im Scherz: "Schafft die katholische Kirche ab." Jürgen Dehmers hat darüber nicht gelacht.-----------------------* Name von der Redaktion geändert------------------------------Foto: Auf dem Weg zum Tag der offenen Tür: Nie war es schwerer, Schüler für die Odenwaldschule zu begeistern.