Vier Tage nach dem furchtbarsten Minenunglück der türkischen Geschichte im westanatolischen Soma muss sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gegen den Vorwurf wehren, dass er einen trauernden Kumpel in der Bergbaustadt geohrfeigt habe. Das ist auf mehreren Videos zu sehen, die im Internet verbreitet wurden. Sie stammen vom Mittwoch, als es bei Erdogans Besuch in Soma zu Tumulten kam und Bürger auf sein Auto schlugen.

Der Bergmann Taner Kuruca hat den Vorfall inzwischen bestätigt. Er wolle aber keine Strafanzeige stellen, obwohl er auch von Erdogans Leibwächtern verprügelt worden sei, zitierten ihn türkischen Medien. Der Ministerpräsident habe ihn wohl unbeabsichtigt geschlagen, weil er wütend gewesen sei und die Kontrolle verloren habe, meinte Kuruca. „Ich erwarte nur eine Entschuldigung.“

Mit Tränengas und Gummigeschossen ging die Polizei erneut gegen Tausende Demonstranten in Soma vor. Der türkische Energieminister Taner Yildiz sagte am Freitag in Ankara nichts über eine Verantwortung der Regierung oder einen Rücktritt von Verantwortlichen, wie ihn Demonstranten auf Protestmärschen in verschiedenen Städten der Türkei erneut forderten. Yildiz verkündete aber neue Zahlen: 384 Tote, 18 weiterhin vermisste Bergleute.

Die türkische Opposition, Gewerkschaften und Menschenrechtsgruppen verlangen unterdessen immer dringender eine Untersuchung der Unglücksursachen und die Bestrafung der Verantwortlichen. Am Freitag erklärte der Oberste Justizrat der Türkei, dass 28 Staatsanwälte mit den Ermittlungen beauftragt worden seien. Ständig werden weitere Details über Sicherheitsmängel in der Unglücksmine bekannt, weil einige Arbeiter trotz eines vom Minenbetreiber Soma Holding verfügten Sprechverbots Journalisten von empörenden Zuständen berichten. So sagte ein Kumpel der Zeitung Milliyet, es habe überhaupt keine Fluchträume unter Tage gegeben. Zwar hätten sich Arbeiter selbst kleine Sicherheitskammern gebaut, doch hätten sie diese nicht erreichen können, da sie keine funktionierenden Gasmasken hatten.

Schutzbehauptungen des Minenchefs

Als sich die Verantwortlichen des privaten Unternehmens am Freitag mit einer Pressekonferenz aus Soma erstmals zu Wort meldeten, wiesen sie jede Schuld von sich. Der Minenchef Akin Celik bestätigte zwar das Fehlen von Fluchträumen, sagte aber, der Bau einer großen Kammer sei in drei Monaten geplant.

Er bestritt zugleich, dass das Feuer aufgrund eines überlasteten Trafos ausgebrochen sei und sagte: „Wir wissen noch immer nicht, wie es zu dem Unglück kam. Von Seiten der Firma gab es keine Versäumnisse.“ Es habe sich wohl ein Flöz entzündet.

Der Unternehmer Alp Gürkan nannte seinen Betrieb eine „Mine mit Top-Bergleuten, die als höchst seriös und organisiert“ gelte. 787 Arbeiter seien zum Unfallzeitpunkt in der Grube gewesen, von denen 363 ohne Gesundheitsprobleme gerettet worden seien, 122 hätten ins Krankenhaus gemusst.

Folgt man den Bergleuten, handelt es sich den offiziellen Angaben um Schutzbehauptungen. Dem britischen Guardian sagte ein Bergmann, die Rede von 18 Vermissten sei „eine unglaubliche Lüge“: „Sie versuchen, die genaue Opferzahl zu vertuschen. Ich war dort unten. Dort sind mehr als 18 Leichen.“ Ein Gewerkschafter sagte im Fernsehen, dass noch etwa 150 Kumpel vermisst würden.