BERLIN, 11. Oktober. Sind sie unter Kastanien aufgewachsen? Viele Berliner können diese Frage bejahen - sei es, dass die Bäume im Garten standen, die Straße oder den Hinterhof vor der Wohnung schmückten, im Schulhof für Schatten und gute Luft sorgten. Etwa 60 000 Kastanien stehen in Berlin, 20 000 von ihnen an den Straßen. Ihre weißen und roten Blüten kündigen den Sommer an, ihr Laub den Herbst. Kastanien sind anspruchslos, wachsen schnell. Und sie lieben in der Jugend Schatten, sind also für dicht bebaute Städte gut geeignet. Deswegen wurden sie seit dem 19. Jahrhundert gerne zur Verschönerung des Stadtbildes und als Ersatz für die fehlenden Parkanlagen eingesetzt: Ihre Blätter sind ein Teil der Lunge Berlins. Doch diese Lunge ist derzeit ganz offensichtlich gefährdet. Die Larven der Miniermotte graben sich Gänge durch die Blätter der Bäume, bringen diese dazu, vorzeitig abzufallen. Das sieht dramatischer aus, als es ist - wenigstens bei gesunden Bäumen. Sie werden durch die Motte wohl kaum gefärdet. Doch kaum eine Kastanie in Berlin ist völlig gesund. Sie haben schon jetzt oft zu wenig Wurzelraum, bekommen kaum Wasser und leiden unter Hundebesitzern, welche ihren Fifi gegen den Stamm pinkeln lassen, sowie unter Autofahrern, die rücksichtslos auf der Erdscheibe parken. Ein zusätzlich durch die Motte geschwächter Baum ist anfällig für tatsächlich tödliche Schädlinge.Gefährdet ist neben den Bäumen die Stadtökologie: Blattlose Kastanien können nicht mehr für den Luftaustausch in den dicht bebauten Wohnvierteln sorgen. Sie wälzen gerade in der warmen Jahreszeit mit ihnen tausenden von Blättern in Hinterhöfen, an Straßen und in Gärten die Luft um, kühlen durch Verdunstung und bringen frische Winde. Nicht nur aus ästhetischen Gründen ist es also notwendig, die Verbreitung der Miniermotte möglichst stark zu behindern. Über den Balkan wurde sie Ende der neunziger Jahre nach Mittel- und Westeuropa eingeschleppt, mit Autos, Lastwagen und Flugzeugen, wie Holger Schmidt, Leiter des Berliner Pflanzenschutzamtes, vermutet. Denn bisher hat sich das Insekt als ausgesprochen widerstandsfähig gezeigt. Charakteristisch für seine Verbreitungswege ist, dass in Berlin zuerst weiß blühenden Rosskastanien in Grunewald und Zehlendorf befallen wurden, Vororten also, die an der Avus liegen.Das einzig wirkungsvolle Mittel, ihre Verbreitung zu stoppen, ist nach derzeitigem Kenntnisstand das sorgfältige Einsammeln des Laubes, in dem die Larven sitzen, und dessen Vernichtung. Reihenversuche in Münchner Biergärten zeigten, dass Bäume, deren Laub gesammelt wurde, im nächsten Jahr weniger und später befallen wurden als diejenigen, unter denen die Blätter liegen geblieben waren. Daran soll in Berlin angeknüpft werden.Bausenator Strieder plant derzeit, am 26. Oktober einen Aktionstag zu veranstalten und die Bevölkerung Berlins zum Mitsammeln einzuladen. Denn nur mit den Sozialhilfeempfängern, die in den nächsten Tagen in den öffentlichen Grünanlagen kehren sollen, wird man der Laubmassen nicht Herr.. Tatkraft ist aber auch schon vor dem Aktionstag sinnvoll: Das Laub sollte in den üblichen, bei der Stadtreinigung zu kaufenden Tüten gesammelt werden. Die BSR holt es dann mit dem Hausmüll ab. Nur kleine Mengen sollten in die Biotonne gesteckt werden. Und nur für Gartenbesitzer wird es möglich sein, die Blätter unter einer mindestens zehn Zentimeter dicken Erdschicht zu begraben oder unter einer Plastikplane verrotten zu lassen. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass das Laubverbrennen weiterhin wegen der Luftverschmutzung verboten bleibt. Auch Blätter einfach in den Wald zu bringen, wie es bereits geschah, würde das Problem nur verlagern und bisher noch nicht befallene Bäume gefährden. Das Spielen der Kinder im Laub hingegen ist erlaubt - die Motte ist für den Menschen ungefährlich. Gefragt sind also Bürgersinn und eine Harke in der Hand.Wohin mit den Blättern? // Die Stadtreinigung sammelt die üblichen Laubtüten ein, die für 3 Euro zu erwerben sind, ab. (Tel. : 7592 0).Gartenbesitzer können das Laub unter einer mindestens 10 Zentimeter hohen Erdschicht eingraben. Oder sie decken die Laubhaufen mit Plastikplanen ab, die ebenfalls rundherum eingegraben werden.Kleinere Laubmengen können über die Biotonne entsorgt werden.Laubsammelaktionen werden in den nächsten Wochen von den Bezirksämtern organisiert.Aktuelle Mitteilungen im Netz: wwww. stadtentwicklung. berlin. de.DDP/HENNING KAISER Leider schon seit Mitte Juli ein vertrauter Anblick in Berlin: braune, trockene, zusammengerollte Kastanienblätter.