Trier - Von Mainz nach Trier sind es knapp zwei Stunden mit dem Auto. Vom Rhein geht es über den Hunsrück an die Mosel, dann kurz in die südliche Eifel, bis schließlich die alte Römerstadt nahe Luxemburg erreicht ist. Malu Dreyer, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin, kennt die Strecke gut. Von montags bis freitags wohnt sie in einem Apartment in Mainz, am Wochenende fährt sie nach Hause, nach Trier in das Schammatdorf. Seit fast zehn Jahren lebt sie in diesem Wohnprojekt, einem der ältesten in Deutschland, zusammen mit ihrem Mann Klaus Jensen, der heute der Trierer Oberbürgermeister ist.

„Hier ist es für uns ganz zwanglos, wir sind wir einfach nur Malu und Klaus“, sagt sie. Die hübsche Frau mit den wachen braunen Augen sitzt neben ihrem Mann an einer großen Tafel im Gemeindezentrum des Schammatdorfs. Oft lächeln sich die beiden an. Neben dem Tisch steht ein zusammengeklappter Rollstuhl – ein Rolli, wie hier alle sagen. Damit hat Klaus Jensen, ein fröhlicher, jungenhafter Typ, seine Frau von der Wohnung ins Dorfzentrum gebracht. Denn sie kann wegen ihrer Multiplen Sklerose, einer bislang unheilbaren Krankheit des Nervensystems, nicht mehr gut gehen.

Soziale Kontrolle gehört dazu

An diesem Vormittag ist es noch still im Gemeinderaum. Jemand hat Kaffee auf den Tisch gestellt, die Sonne scheint durch die kleinen Fenster. Draußen steht schon der Dienstwagen, der Malu Dreyer nach Mainz bringen wird. Doch jetzt nimmt sich die 52-Jährige Zeit, fast zwei Stunden lang, um über ein Thema zu sprechen, das ihr auch als Politikerin am Herzen liegt: das Wohnen in Gemeinschaft.

So wie im Schammatdorf. Es ist ein Dorf für Behinderte und Nicht-Behinderte, Junge und Alte, Ärmere und Reichere, Mieter und Eigentümer, Einheimische und Auswärtige. Knapp dreihundert Menschen leben hier zusammen, im Süden Triers, der schönen Moselstadt, gleich neben der Benediktinerabtei Sankt Matthias.

Zweistöckige Häuser mit grauen Schieferdächern und einem Anstrich, der einmal weiß war. Sozialer Wohnungsbau der Siebzigerjahre – nicht so trist wie die benachbarten Mietskasernen, aber für heutige Verhältnisse recht einfach. Das Terrain ist leicht hügelig. In der Mitte das Dorfzentrum im Bungalowstil, davor ein Platz zum Feiern und eine alte, zur Selbstbedienungsbücherei umfunktionierte Telefonzelle voller Schmöker. Auf den verkehrsberuhigten Spielstraßen ist wenig los: hin und wieder ein paar Fußgänger, ein Rollstuhlfahrer, ein Kind mit seinem Fahrrad. Seit Malu Dreyer Ministerpräsidentin ist, kurvt öfter mal ein Polizeiauto durchs Dorf. Sonst ist es hier sehr ruhig, sehr grün und ziemlich normal.

Das Besondere am Schammatdorf sind die Wohnhöfe. Fünf oder sechs im Halbkreis angeordnete Häuser teilen sich einen Innenhof mit Baum, Sandkasten, Bank und Tisch. Vom Küchenfenster aus hat man den Nachwuchs im Blick und sieht, wie es der alten Nachbarin geht. Die wiederum passt gelegentlich auf die Kinder auf, und wenn sie selbst einmal krank ist, findet sich immer jemand, der ihr eine warme Suppe bringt. Nachbarschaftshilfe statt teurer, umständlicher Hilfe von außen, das ist die Idee, und ihr Ausdruck ist der gemeinsame Hof. Wer dabei gleich schaudernd an soziale Kontrolle denkt, ist hier fehl am Platz. So leben wie im Schammatdorf, das muss man wollen.

Und das heißt eben auch: sich für die anderen zu interessieren. Etwa indem man sich im Bewohnerverein engagiert, einer Art Dorfparlament. Oder bei den Hofgesprächen, die regelmäßig stattfinden. Dann wird das nächste Grillfest geplant, über den ungepflegten Rasen und die streunenden Katzen lamentiert und überlegt, wer in die bald freiwerdende Wohnung im ersten Stock ziehen soll. Fast immer gibt es viele Bewerber , und die Höfe dürfen sich wünschen, ob sie lieber ein Pärchen hätten, einen Single oder eine Familie mit Kindern.

Die Entscheidung trifft letztlich Bruder Eucharius Wingenfeld. Der 55-jährige Benediktinermönch ist Richter am Amtsgericht Trier, lebt im Kloster und ist für das Schammatdorf zuständig. Es ist eine Arbeit im Hintergrund, und sie besteht auch darin, Jahr für Jahr um die öffentlichen Zuschüsse für die Stelle der Kleinen Bürgermeisterin zu kämpfen. Die sitzt im Gemeindezentrum und soll im Kleinen das tun, wofür ein Oberbürgermeister im Großen zuständig ist: den Laden zusammenhalten und Streit schlichten. Das Schammatdorf ist weder karitativ noch basisdemokratisch, letztlich wird es an langer Leine gelenkt von der Abtei. Ihr gehört das Grundstück, sie hat das Schammatdorf in den Siebzigerjahren mitgegründet. 1979 zogen die ersten Bewohner in das neue Dorf auf den Champs de Matthias oder Schammat, wie die Parzelle im trierischen Dialekt heißt.

Klaus Jensen war von Anfang an dabei. Er kam 1976 aus dem Ruhrgebiet nach Trier, als erster Sozialplaner der Stadt. Abtei und Stadt wollten etwas tun für die wachsende Schar alleinerziehender Mütter und die vielen daheim versorgten Behinderten, für die es nach dem Tod der Eltern nur den Weg ins Heim gab. Zudem wuchs in den Städten, auch in Trier, das Unbehagen an der Anonymität. So kam der Gedanke auf, ein Dorf in der Stadt zu gründen, in dem jeder seine eigene Wohnung hat und doch alle aufeinander achten.

Anfang der Achtzigerjahre ist Klaus Jensen selbst ins Schammatdorf gezogen, mit seiner ersten Frau und den gemeinsamen Kindern. Die Familie beteiligte sich am Dorfleben, mal in einer der vielen Arbeitsgruppen, mal sonntags im Gemeindezentrum, wenn Krautwickel für siebzig Nachbarn zu rollen waren. Auch als Jensen 1994 Staatssekretär im Mainzer Sozialministerium wurde, blieb er im Schammatdorf. Dann, 1999, ließ er sich beurlauben. Seine Frau war schwer erkrankt. Er kümmerte sich um sie, bis sie zwei Jahre später starb. „Ich habe sehr viel Hilfe bekommen, da sind enge Beziehungen entstanden“, berichtet der 61-Jährige.

Seit zehn Jahren sind Klaus Jensen und Malu Dreyer ein Paar. Sie war damals Sozialdezernentin in Mainz und zog bald zu ihm ins Schammatdorf. „Ich wollte schon immer in einem Wohnprojekt leben“, sagt sie. Viel Zeit bleibt ihr derzeit nicht fürs Dorfleben, aber für kleine freundliche Gesten reicht es allemal. Im Hof, auf der Straße oder beim Sommerfest. Gerührt berichtet die Ministerpräsidentin vom Nachhausekommen im Januar, als die Nachbarn sich zu später Stunde versammelten, um ihren Wahlerfolg mit Glühwein, Luftballons und Wunderkerzen zu feiern. „Hier will ich alt werden“, sagt Malu Dreyer. Entsprechend investiert haben sie und ihr Mann bereits: Nachdem seine drei erwachsenen Kinder ausgezogen sind, wurde die Wohnung auf zwei Etagen nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen umgebaut.

Neue Lust am Miteinander

Wenn es ums Wohnen geht, ist das Private für das Politikerpaar politisch. Sie leben vor, was sie anderen predigen. Gemeinschaftliches Wohnen sei angesichts des demografischen Wandels alternativlos, sagen sie und beschwören die oft gehörten Zahlen: Heute sind 20 Prozent der Deutschen über 65, im Jahr 2030 werden es vielleicht schon 30 Prozent sein. Momentan lebt der größte Teil dieser Altersgruppe in der eigenen Wohnung, als Paar oder allein. Und eigentlich, die Umfragen zeigen es, will keiner ins Altersheim. Zum Schluss bleibt vielen aber nichts anderes übrig. Denn noch gibt es kaum Alternativen.

„Für die öffentliche Hand ist das eine Katastrophe“, wettert Klaus Jensen. Weil viele Bewohner die teuren Heimkosten nicht zahlen können, müssen oft die Kommunen einspringen. Angesichts der enormen Belastungen will Nordrhein-Westfalen den Bau neuer Altersheime künftig erschweren. Auch Oberbürgermeister Jensen versucht, zusätzliche Bauprojekte zu verhindern: „Pro Hundert-Bettenhaus kostet das die Stadt im Jahr 500 000 Euro.“ Seiner Erfahrung nach werden die Heime, wenn sie einmal da sind, auch voll – gerade in Trier, der bei Senioren so beliebten Stadt der kurzen Wege.

Rückenwind erhalten Lokalpolitiker wie Klaus Jensen aus Mainz. „Ich habe die Vision, dass in jeder Kommune in unserem Land gemeinschaftliche Wohnprojekte entstehen“, heißt es in Malu Dreyers Regierungserklärung. Sie will gezielt Genossenschaften fördern, Beratungsstellen schaffen und Menschen unterstützen, die trotz Pflegebedarf zu Hause bleiben wollen. Dass gemeinschaftliches Wohnen auch in einem Dörferland wie Rheinland-Pfalz möglich ist, hat Dreyer bei ihren Reisen als Sozialministerin gesehen. Gerade die über Sechzigjährigen seien unglaublich interessiert am Gemeinwesen. Begeistert erzählt die 52-Jährige von einer Wohngemeinschaft in dem kleinen Ort Marienrachdorf im Westerwald, wo alte Menschen zusammen auf einem ökologischen Bauernhof leben. Ihr Credo: „Überall wollen die Menschen auch im Alter selbstbestimmt leben, aber nicht allein.“

Tatsächlich wächst die Zahl gemeinsamer Wohnprojekte in Deutschland von Jahr zu Jahr. Inzwischen sind es wohl an die tausend, aber genau weiß das keiner. Die Bandbreite ist enorm. Da gibt es Altenwohngemeinschaften, betreute Wohngruppen, Mehrgenerationenhäuser, Landkommunen und Ökodörfer. Baugruppen möbeln gemeinsam kommunale Schandflecken auf, wie die von den Alliierten verlassenen Kasernen in Tübingen und Freiburg. In Berlin, einst berühmt für seine Hausbesetzerszene, hat die Idee vom gemeinschaftlichen Wohnen alle Altersgruppen und Schichten erfasst. Es gibt dorfähnliche Gemeinschaften wie das Projekt „Lebens(t)raum“ in Johannisthal, doch meist stapeln sich die Wahlverwandtschaften hier wie auch in anderen Metropolen übereinander.

Etwas mehr als die Hälfte der Berliner Haushalte sind Einpersonenhaushalte. In Trier liegt der Anteil noch höher, die Stadt führt die Bundesstatistik an. Doch hier wie in vielen anderen Regionen wächst auch die Gegenbewegung. Der Trend zur Vereinzelung, so scheint es, wird gerade abgelöst durch eine neue Lust am Miteinander.

Aber wie kann das, was aus sozialer und wirtschaftlicher Sicht, so wünschenswert ist, auch gelingen? Für Bruder Eucharius ist der Fall klar. „Ohne Kümmerer“, sagt er und meint die Abtei, „wäre das Schammatdorf irgendwann am Ende.“
Mit Verlässlichkeit allein wäre man einem Riesenproblem das Ende der Neunzigerjahre auftauchte, jedoch auch nicht beigekommen. Damals verließ die französische Armee Trier. Wohnungen in der Stadt wurden plötzlich sehr billig. „Viele wollten aus dem Schammatdorf ausziehen, weil es hier zu teuer war, es drohte ein Aderlass“, erzählt Bruder Eucharius. Mit einem eilends entwickelten Angebot zum Kauf der bisher gemieteten Wohnung habe man etliche Bewohner halten können.

Nähe und Distanz aushandeln

Zum Kümmern muss Veränderungsbereitschaft hinzukommen, das Beispiel zeigt es. Auch Klaus Jensen hat damals gekauft – im Wissen, dass ein Weiterverkauf nur möglich ist, wenn die Gemeinschaft den neuen Eigentümer akzeptiert.
Ein neues Gesprächsthema im Schammatdorf ist derzeit der Umgang mit dementen Nachbarn. Ins Heim abschieben kommt nicht in- frage. Die Idee ist nun, auf dem Grundstück eine Demenz-WG zu gründen, in der ein fester Pfleger für ein Dutzend alte Menschen zuständig ist. Ohne bauliche Veränderungen wird es nicht gehen. Vielleicht wird man enger zusammenrücken müssen, weil neue Häuser gebraucht werden. Einigen gefällt das gar nicht. Es geht um Distanz und Nähe. Immer wieder. Auch bei Wahlverwandtschaften will das passende Verhältnis Tag für Tag neu ausgehandelt werden.

Dass es dabei zu überraschenden Ergebnissen kommen kann, demonstrieren Malu Dreyer und ihr Mann Klaus Jensen am Ende des Gesprächs. Zunächst hilft er ihr beim Aufstehen von der Bank und geleitet sie zum Rollstuhl. Dann überlegen die beiden es sich anders. Und schon sitzt er im Rolli und sie schiebt ihren vergnügt glucksenden Mann mit vorsichtigen Schritten hinaus ins Freie.