Nachbarn hatten die Polizei verständigt. Ein fünf Jahre altes Mädchen war vom neuen Lebensgefährten der Mutter grün und blau geschlagen worden. Die Schreie des Kindes waren durch das ganze Haus zu hören. Auf Schutz der Mutter konnte das Mädchen nicht hoffen, die Frau fand, die Fünfjährige habe die Schläge durch ihr aufsässiges Verhalten provoziert. Für den Leiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes im Jugendamt im norddeutschen Plön, Anselm Brößkamp, war klar, dass er das Mädchen aus der Familie rausnehmen musste, „bis sich die Situation beruhigt hatte“.

Absolute Notmaßnahme

Wie die kleine Marlene wurden vergangenes Jahr 40.227 Kinder und Jugendliche von den Jugendämtern in Deutschland in Obhut genommen, so viele wie noch nie. Das heißt, sie waren entweder so vernachlässigt, misshandelt oder unterernährt, dass die Behörden es für nicht vertretbar hielten, die Kinder in ihren Familien zu lassen. Oder die Jugendlichen baten selbst um Hilfe. Die sogenannte Inobhutnahme, bei der Minderjährige für eine Übergangszeit in einem Heim, bei Pflegeeltern oder einer sozialen Einrichtung untergebracht werden, ist für manche Kinder die letzte Rettung, für die Jugendämter soll es eine absolute Notmaßnahme sein. Dennoch greifen Behörden immer häufiger dazu, seit 2007 sind die Zahlen um 40 Prozent gestiegen.

Werden heute also mehr Kinder vernachlässigt oder schauen die Jugendämter nur besser hin? Für Cordula Lasner-Tietze vom Kinderschutzbund ist bezeichnend, dass in 43 Prozent der Fälle Überforderung der Eltern Anlass für die Inobhutnahme war, vor allem die Zahl der betroffenen Jugendlichen habe zugenommen. „Von Eltern wird heute viel mehr Erziehungskompetenz verlangt“, sagt die Kinderschutzexpertin. Während sich bei Hilfen für Kleinkinder viel getan habe, seien die Jugendlichen aus dem Fokus geraten. „Wir bräuchten ein breites Netz zur Verbesserung der Erziehungskompetenz“, fordert Lasner-Tietze.

Thomas Meysen vom Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht kann in den Zahlen aber auch einen positiven Trend erkennen. „Es zeigt, dass nicht nur die Jugendämter genauer hinschauen, sondern auch Ärzte, Hebammen, Kitas oder Jobcenter. Die allgemeine Aufmerksamkeit ist jetzt höher, das ist ein Fortschritt der letzten Jahre, den wir auf jeden Fall als Erfolg werten dürfen“, sagt der Jurist.

Es ist kein Zufall, dass die Zahlen seit 2007 so stark steigen. In dem Jahr verhungerte und verdurstete die fünfjährige Lea-Sophie aus Schwerin, 2006 hatte man die Leiche des zerstückelten Kevin im Tiefkühlfach in der Wohnung seines Stiefvaters in Bremen gefunden. Die Jugendämter waren über die schwierigen Verhältnisse in den Familien informiert, die Kinder rettete das nicht. Es folgte eine heftige öffentliche Debatte über Kinderschutz und die Verantwortung der Jugendämter. Seitdem hat sich einiges getan; die Mitarbeiter in der Jugendhilfe sind qualifizierter, viele der 600 Jugendämter organisierten Abläufe und Zuständigkeiten neu. Zugleich blieb die heftige öffentliche Kritik auch bei den Sozialarbeitern und Pädagogen in den Ämtern nicht ohne Wirkung, wie Reinhard Wiesner, ehemaliger Leiter Kinder- und Jugendhilferecht im Bundesfamilienministerium, sagt. „Man kann schon sagen, dass Jugendämter heute eher auf Nummer sicher gehen und im Zweifel für die Inobhutnahme entscheiden.“

Nicht ohne Nebenwirkungen

Das ist nicht unbedingt eine gute Nachricht. Denn die Maßnahme ist nicht ohne Nebenwirkungen und jeder Einzelfall, in dem ein Kind zu Unrecht von seinen Eltern getrennt wurde, ist ein Fall zu viel. Doch das Risiko, einen Fall Kevin, Jessica oder Lea-Sophie zu übersehen, wollen immer weniger Jugendamtsmitarbeiter eingehen. „Das ist durchaus zwiespältig, denn für Eltern und Kinder ist die Inobhutnahme sehr belastend, umso wichtiger ist es, dass man die Situation in einem Verfahren schnell klärt“, sagt Wiesner, der seit seiner Pensionierung an der Humboldt-Universität Erziehungswissenschaften lehrt. Lehnen die Eltern ab, muss ein Familiengericht entscheiden. Das Jugendamt kann also keine Kinder klauen, wie es oft heißt. Schwierig werde es aber, wenn sich Fälle über Wochen hinzögen, obwohl die Eltern kooperationswillig seien. „Ich würde mir wünschen, dass die Gerichte hier schneller entscheiden“, sagt der Jurist.

Eine Empfehlung, die auch Jugendamtsleiter Brößkamp sofort unterschreiben würde. „Es ist auch im Interesse des Jugendamtes, wenn die Entscheidung im Streitfall binnen weniger Tage und nicht Wochen fällt.“ Kein Mitarbeiter mache es sich leicht mit solchen Entscheidungen, betont Brößkamp. Nicht nur, weil er immer damit rechnen müsse, sich im Falle eines beruflichen Versagens auch strafrechtlich verantworten zu müssen. „Die Arbeit berührt die persönliche Ebene, für die Kollegen ist das eine unglaublich hohe Belastung.“ Eine Belastung, die durch das schlechte öffentliche Image und eine übersteigerte Erwartungshaltung an Jugendhilfe noch verstärkt werde. „Wenn ein Kind durch seine Eltern zu Schaden kommt, dann gibt es kaum jemanden, der fragt, was haben eigentlich die Eltern getan? Die erste Frage ist immer: Was hat denn die Jugendhilfe falsch gemacht?“, beklagt Brößkamp.

Er versteht, dass es die Hoffnung gibt, durch ein Bündel an Maßnahmen Fälle von zu Tode misshandelten Kindern zu verhindern. „Diese Hoffnung ist verständlich, aber ich glaube, das kann Jugendhilfe nicht leisten. Wir können versuchen, diese Zahlen einzugrenzen. Aber es wird unserer Gesellschaft nicht gelingen, das in Gänze zu verhindern, wenn wir keinen Überwachungsstaat wollen. Doch das will niemand hören.“

Im Falle der fünfjährigen Marlene aus Plön gab es immerhin ein Happy End. Der Stiefvater willigte in eine Therapie ein, um seine Gewaltausbrüche besser zu beherrschen, wie Brößkamp erzählt. „Er hat es geschafft, mit dem Mädchen zu reden. Diese Geschichte hat einen positiven Verlauf genommen.“