STUTTGART, 16. April. Das Spiel war noch keine halbe Stunde alt, aber die Argentinier konnten jetzt schon sagen, dass es ihnen nicht besonders gefiel. Über Gebühr piesackte dieser Außenseiter den Favoriten, und im Geiste sahen sie schon die Schlagzeilen in der Heimat: "Skandal! Argentinien blamiert sich gegen Nigeria!" Dann gab es Freistoß für Argentinien im Mittelkreis, Diego Maradona schnappte sich den Ball, täuschte einen langen Schlag nach rechts an, und als die Nigerianer schnellstens die Seite verrammelten, zauberte er aus dem Fußgelenk ein Pässchen auf die gegenüberliegende Flanke, wo dieser Langmähnige loszog und den Ball mit dem rechten Fuß kunstvoll ins linke Tordreieck schlenzte. Es war das Zwo-zu-eins, nach 90 Minuten stand es immer noch so, und als der Langmähnige hernach im Innenraum noch ein paar Interviews gab, kam Maradona vorbei, nahm die Mähne in den Arm und sprach seine Botschaft in die versammelten Kameras: "Se or Caniggia hat heute bewiesen, dass er seine Probleme bewältigt hat."Es war ein schönes Bild, damals, in einem Stadion in Boston, bei der Weltmeisterschaft 1994: Kleines, untersetztes Maradona Hand in Hand mit langes, sehniges Caniggia. Die Zeitungen waren verrückt danach, und manche stellten gleich noch die Schlagzeile "Keine Macht den Drogen" übers Bild. "Zwei Symbolfiguren für erfolgreichen Entzug" erkannten die Blätter übereinstimmend, und die Fußballwelt konnte wieder herrlich im Pathos schwelgen."Ich brauche kein Luxushotel"An diesem Dienstag, am Tag vor dem Länderspiel der Argentinier in Deutschland, sitzt der Langmähnige im spartanisch eingerichteten Konferenzsaal einer schwäbischen Sportschule. Draußen machen die Schwaben gerade ihre Vorgärten frühjahrsfertig, drinnen sitzt Claudio Caniggia und sagt: "Ich brauche kein Luxushotel. Dieser Ort ist ideal für uns zum Arbeiten." Dann geht er hinaus, vor der Tür warten ein paar Fans, und während die Kollegen Lopez oder Saviola auf einem "Bravo"-Starschnitt unterschreiben, wird ihm ein Mannschaftsbild von der Weltmeisterschaft 1990 hingehalten.Claudio Caniggia lebt, er ist 35, und er ist zurück in der Auswahl seines Landes - nach fünfjähriger Pause wurde er vor zwei Monaten für die Spiele gegen Wales und Kamerun erstmals wieder berufen. Er sieht aus wie ein alter, blonder Indianer und er spielt jetzt für die Glasgow Rangers. Als die Meldungen Europa erreichten, in denen Caniggias Nominierung für die argentinische Nationalelf verkündet wurde, haben das die meisten wohl für einen Scherz gehalten. Aber das liegt vermutlich daran, dass keiner mehr Caniggia für einen Fußballspieler gehalten hat. Im April 1993 hatten sie ihn, den Star des AS Rom, wie den großen Maradona des Kokainmissbrauchs überführt und 13 Monate gesperrt, worauf er wie zum Trotz eine erfolgreiche WM folgen ließ.Aber eine Rückkehr ins normale Fußballleben war das nicht, nicht bei Claudio Caniggia. Er blieb auf der Flucht, vor sich selbst und allen anderen. Er ging zu Benfica Lissabon, wo ihn eines Tages die Fans verprügelten. Er ging zurück nach Argentinien, zu den Boca Juniors, und als seine Karriere wieder Fahrt aufnahm, schmiss ihn Nationaltrainer Daniel Passarella 1998 aus dem WM-Kader, weil er sich weigerte, seine Haare zu schneiden.Inzwischen würden sie ihn in seiner Heimat am liebsten unter Artenschutz stellen. Es gibt nicht mehr viele wie ihn. Der Rechtsaußen Claudio Caniggia ist der letzte Überlebende der Maradona-Ära, er war sein Leidensgenosse, sein Freund, sein rechter Fuß. Er ist der letzte Rockstar in einer Branche, die ihre neuen Helden aus dem Katalog bezieht. Dressmen sind sie, die Figos, Rauls, Ballacks, und in ihrer Freizeit studieren sie die Aktienkurse. Claudio Caniggia hört Rolling Stones.Es wird den alten Rocker heimlich freuen, dass er nach all den Jahren immer noch gut genug ist für das moderne Spielsystem von Nationaltrainer Marcelo Bielsa. "Claudios Art Fußball zu spielen gibt es nicht mehr so oft", sagt Bielsa. "Er ist ein richtiger Flügelstürmer, da fällt mir sonst nur noch der Holländer Overmars ein." Wahrscheinlich wird er gegen Deutschland von Beginn an auflaufen, und wahrscheinlich darf er in ein paar Wochen auch mit langen Haaren zur WM. "Claudio", sagt Trainer Bielsa, "ist wichtig für die Balance in meiner Mannschaft." Das hat ihm wahrscheinlich noch keiner gesagt.Kein Argentinier spielt in Argentinien // Deutschland: Kahn (FC Bayern/32/42) - Nowotny (Leverkusen/28/36), Linke (FC Bayern/32/30), Ramelow (Leverkusen/28/23), Frings (Bremen/25/4), Hamann (FC Liverpool/28/38), Jeremies (FC Bayern/28/29),Böhme (Schalke/28/5) - Ballack (Bayer Leverkusen/25/21) - Bierhoff (AS Monaco/33/61), Klose (Kaiserslautern/23/8) Argentinien: Burgos (Atletico Madrid/32/35) - Chamot (AC Mailand/32/42), Samuel (AS Rom/24/28), Pochettino (Paris St. Germain/30/15) - Zanetti (Inter Mailand/27/65), Simeone (Lazio Rom/31/104), Aimar (FC Valencia/22/17), Sorin (Cruzeiro Belo Horizonte/25/34) - Caniggia (Glasgow Rangers/35/50), Claudio Lopez (Lazio Rom/27/48), Kily Gonzales (FC Valencia/27/30) Schiedsrichter: Mejuto Gonzalez (Spanien) Anpfiff im Stuttgarter Neckarstadion: Mi. 20. 45 Uhr, live in der ARD.IMAGO/NORBERT SCHMIDT Claudio Caniggia (l. ) springt höher als Italiens Torhüter Walter Zenga, erzielt am 3. Juli 1990 den 1:1-Ausgleich im WM-Halbfinale von Neapel. Argentinien siegte im Elfmeterschießen, verlor im Finale 0:1 gegen Deutschland.