LEIPZIG/BERLIN. Es ist Abend geworden in Leipzig, die Sonne scheint schräg in den gläsernen Dachstuhl der Volkszeitung, die Luft, die sich 200 Menschen seit zweieinhalb Stunden teilen, ist längst feucht und schwer, es ist schon viel gesagt worden. Da vorne aber sitzt vor einer blau-weiß-blauen Wand Joachim Gauck und redet unermüdlich weiter.Er ist jetzt endgültig bei seinem Thema angekommen, er spricht über Ohnmacht und Ermächtigung, über Freiheit und über einstmals Unterdrückte, von denen eine gerade das Land regiert, er warnt vor den Kommunisten und davor, Hornhaut an den Knien zu bekommen, er erinnert an kleine Leute mit großen Träumen, die großartige Dinge vollbracht haben, er redet viel von sich selbst und ein bisschen auch von seinem Bruder Ecki, dem Schiffsschlosser, der daheim in Rostock keine Karriere machen konnte, weil er nicht in der Partei war.Es ist eine sehr lange Antwort auf eine sehr einfache Frage. Sie stammt von einer jungen Frau, die wissen will, was Gauck ihr für die Zukunft rät. Sie schaut jetzt etwas irritiert. Gauck merkt es nicht. Er ist noch mit der Vergangenheit beschäftigt. Dann hält er inne und sagt: "Das war jetzt fast schon ein Schlusswort."Heimliche BewunderungEs ist der 17. Juni 2010. Ein Tag wie geschaffen für den Kandidaten Joachim Gauck. Am Morgen fährt er nach Dresden und sät im Landtag wieder etwas mehr Unruhe in den Reihen von CDU und FDP, die ihre heimliche Bewunderung nur mühsam für sich behalten. Am Nachmittag steht er an einer etwas zugigen Ecke in der Leipziger Innenstadt, wo er auf Einladung der Opfer des Stalinismus den Volksaufstand in der DDR vor genau 57 Jahren würdigt. Abends schließlich bittet ihn die Volkszeitung zu einem Leserforum. Zwischendurch schüttelt Gauck Hände, viele Hände, herzt seine Enkelin, gibt Interviews, immer druckreif, meistens geduldig, und als ein RTL-Mann vor laufender Kamera ein Stück des Weges mit ihm gehen will, fragt er höflich: "Und in welche Richtung?"Welche Richtung der deutsche Pfarrer Joachim Gauck, 70 Jahre alt, Bundesbeauftragter für die Unterlagen der Stasi in den Jahren 1990 bis 2000, im Herbst seines Lebens nehmen würde, das dürfte er im Frühjahr selbst noch nicht gewusst haben. Ein paar Monate zuvor hatte er sein Erinnerungswerk "Winter im Sommer - Frühling im Herbst" vorgelegt, es erschien pünktlich zum Siebzigsten. Am 21. Januar, drei Tage vor seinem Geburtstag, stand der ergraute Mann mit den schmalen Lippen noch einmal im Rampenlicht. Da ehrte ihn Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz als "Bürgerrechtler, politischen Aufklärer und Freiheitsdenker", mit dem sie "einiges" verbinde. Dann gingen die Lichter aus, und Gauck stand wieder im Schatten.Nur wenige Monate später kam der Bundesrepublik plötzlich ein Bundespräsident abhanden. Und weil die politische Lage so ist, wie sie ist, nominierten Merkel und ihre Koalition den Niedersachsen Christian Wulff als Nachfolger - SPD und Grüne dagegen Joachim Gauck. Dessen Weg weist seither in Richtung Schloss Bellevue. Den Pastor und die Physikerin verbindet nun wieder einiges. Triumphiert er, könnte sie scheitern. Kurioserweise an einem, dem sie aus biografischen Gründen so nahe steht wie wenigen.Er hat, nach Lage der Dinge, keine Chance, am 30. Juni wirklich gewählt zu werden. Joachim Gauck weiß das. Und seine Unterstützer wissen das auch. Das Erstaunliche ist: Es kümmert sie nicht. Seit Wochen trommeln sie in einer Weise für den Kandidaten, die in Deutschland ohne Beispiel ist. "Wir-fuer-Gauck", "mein-praesident", "go-for-gauck" heißen die Foren im Netz, die überquellen vor Unterstützern. "Yes, we Gauck!" titelte dazu die Bild am Sonntag, während der Spiegel den Mann aus Mecklenburg vorab zum "besseren Präsidenten" kürte.Es ist eine ganz große Koalition aus Ernüchterten, Engagierten und Taktikern, die Gauck unter maximaler Medienbegleitung ins höchste Staatsamt hieven wollen. Und das nicht nur, weil sie Gauck für den Besten, sondern auch, weil sie die Regierung für eine der schlechtesten seit langem halten. Deswegen stellen sich neuerdings Menschen auf die Straße, um für Gauck und damit auch gegen Westerwelle zu demonstrieren.Menschen wie Thomas Doetsch, ein 38-jähriger Architekt aus Berlin, der Mitte Juni mit seiner Frau Kati, seiner Tochter Johanna und 30 Fremden auf dem Alexanderplatz steht und bunte Luftballons aufpumpt, was ihm "ein bisschen peinlich" ist, weil er das noch nie gemacht hat. Was aber sein muss, wie Doetsch findet. "Ich fühl mich einfach seit Monaten schlecht regiert", sagt er. Dann schnappt er sich eines seiner selbstgebastelten Schilder, "Bürger für Gauck" steht darauf.So also ist Joachim Gauck im 71. Jahr seines bemerkenswerten Lebens unverhofft und unversehens in die ganz große Politik zurückgekehrt. Er ist jetzt, so sieht er sich, der Kandidat des Volkes, das ihn direkt wählen würde, wenn es denn dürfte. Er will die Chance nutzen, die er nicht hat. Er hat ja stets den präsidialen Stil bevorzugt. Er verfeinert ihn in diesen Tagen. Und er nutzt dabei, was schon immer seine stärkste Waffe war: das Wort. Kaum einer kann damit so gut umgehen wie er.Am Dienstag dieser Woche steht der Kandidat auf den Brettern des Deutschen Theaters in Berlin. Die Bühne ist leer bis auf eine weiße Stelltafel links von Gauck, sie sieht ein wenig aus wie ein Mauersegment. "Freiheit - Verantwortung - Gemeinsinn" steht darauf. Das Haus ist voll. Fast alle Spitzenpolitiker von SPD und Grünen, Gaucks neuen Freunden, lauschen andächtig. Nur Jürgen Trittin fehlt. Der ist in Afghanistan.Auch an diesem Ort entführt der Kandidat seine Zuhörer zunächst in seine Vergangenheit. Und hier vor allem in den Sommer des Jahres 1951. Damals wurde sein Vater abgeholt und nach Sibirien verbannt, angeblich wegen antisowjetischer Hetze - er hatte eine nautische Fachzeitschrift aus dem Westen besessen. Dieser Tag, der 27. Juni 1951, ist bis heute Dreh- und Angelpunkt zum Verständnis der Person Joachim Gauck. Er hat es selbst oft genug beschrieben. Schon als Kind will er gewusst haben, "dass der Sozialismus ein Unrechtssystem war".Alles, was danach kam, baute demnach folgerichtig auf dieser traumatischen Erfahrung auf: die Entscheidung, Pfarrer zu werden; der ewige Kampf gegen die Stasi, die ihm das Leben mehr als einmal schwer machte; der Wechsel in die Politik im Wendeherbst 1989; letztlich die Leitung der Stasiunterlagen-Behörde, mit der er derart verschmolz, dass sie bald schon nur noch seinen Namen trug: Gauck.Das Joch des Kommunismus, der Kampf um Freiheit, der Triumph 1989, den er "Ermächtigung" nennt: Das ist das Lebensthema des Joachim Gauck. Und diesem Thema, das schreibt er selbst in seiner Biografie, "bin ich auch in den letzten zwanzig Jahren treu geblieben". Davon redet er, egal, wohin es ihn in diesen Wochen verschlägt. Ob in Leipzig, Düsseldorf oder Berlin, ob in der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bonn oder beim Spargelessen mit SPD-Granden auf der MS Paloma. Die Vergangenheit lässt Joachim Gauck nicht los. Und er sie nicht. Bisweilen scheut er auch nicht davor zurück, seinen Freiheitskampf in die Tradition von Martin Luther King, Alexander Solschenizyn und Nelson Mandela zu stellen.Joachim Gauck hat eine Mission. Plötzlich und unerwartet hat man ihm noch einmal die Gelegenheit gegeben, seine Botschaft zu verbreiten. Sie lautet, an seinem Glück zu schmieden, egal, was im Weg steht. Sie lautet Einigkeit und Recht und zuallererst Freiheit. Die Worte, die er dabei wählt, lassen an Deutlichkeit wenig vermissen. Sie klingen pastoral-pathetisch oder hanseatisch keck und manchmal auch erstaunlich unversöhnlich aus dem Mund eines Gottesmannes. Vor allem, wenn es um die Vergangenheit geht. Die DDR, das war für Gauck ein "Kerker". Nichts sonst. Stasi-Leute waren "Herrenmenschen". Die Linke? "Geprägt von der Kader-Nomenklatur der SED". Er hat nichts vergessen. Er vergisst nie. Kritik an solchen Aussagen nennt Gauck entweder "dumm" oder gar eine "Zersetzungsstrategie, wie ich sie von der Stasi kenne". Er wird auch dafür in diesen Tagen frenetisch beklatscht.Wie der Kandidat Gauck in den Augen seiner Anhängerschaft überhaupt wenig falsch zu machen scheint. Nachdem er im Deutschen Theater rund 20 Minuten lang über das Damals gesprochen hat, hält er offenbar doch die Zeit für gekommen, zu einigen heutigen Themen Stellung zu beziehen. Und plötzlich wird der Wortdrechsler einsilbig. Zwei Sätze fallen ihm zum Klimawandel ein. Vier zum Afghanistan-Krieg, den er beim besten Willen "nicht verurteilen" kann. Die Finanzkrise? Ja, sie macht dem Kandidaten Sorgen. Aber deshalb den Kapitalismus von Grund auf erneuern? Gar Wirtschaftsbetriebe verstaatlichen? Das ist für Gaucks Begriffe dann doch zu nah dran am Sozialismus. Da will er den Anfängen wehren. Und die Armen wiederum, die Randständigen, das Heer der Abgehängten? Die sollen mal lieber ihr "inneres Antriebssystem" aktivieren, bevor sie nach dem Fürsorgestaat rufen. Worte sind das, die allemal mehr nach Friedrich Merz und der FDP klingen.Wirrnisse eines SommersVorne aber, in Reihe zwei, stehen nach dieser Rede die Herren Gabriel, Steinmeier, Özdemir, die Damen Nahles und Roth und klatschen minutenlang. Auch das gehört zu den politischen Wirrnissen des Sommers 2010: dass eine SPD, die sich laut Parteiprogramm noch immer in der "stolzen Tradition des demokratischen Sozialismus" sieht, und dass eine grüne Partei, die mal aus K-Gruppen und Pazifisten bestand, einen Mann auf den Schild heben, der mit all dem nichts Rechtes anzufangen weiß. Das findet sogar Joachim Gauck "komisch".Aber er genießt es. Er steht jetzt wieder im Licht. Er hat einen Fahrer und zwei Pressesprecher und eine Wahlkampfzentrale in Berlins Mitte, in deren Aufzug ein Bibelspruch hängt, Jesaja, 63,1: "Ich bin's, der in Gerechtigkeit redet, und ich bin mächtig zu helfen." Ob es ihm hilft am kommenden Mittwoch? Vermutlich nicht. Er wird wohl verlieren. Und hat doch schon gewonnen. Er hat noch mal einen Frühling im Herbst erlebt. Auch den wird er nicht vergessen.------------------------------DER THEOLOGEIn Rostock wurde Joachim Gauck am 24. Januar 1940 geboren. Bis zur Wende lebte er die meiste Zeit in seiner Heimatstadt. Er studierte evangelische Theologie und arbeitete im Stadtteil Evershagen als Pastor und Jugendpfarrer. Ab 1982 organisierte er die Kirchentage in Mecklenburg-Vorpommern.Wegen Kritik am SED-Regime geriet Gauck in den 80er-Jahren ins Visier der Staatssicherheit. Sie erwog einerseits seine Verhaftung und versuchte auf der anderen Seite erfolglos, ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter anzuwerben.Politisch aktiv wurde er in der Wendezeit. Er gründete die Bürgerbewegung Neues Forum mit, die später im Bündnis 90 aufging. In Rostock war er Forum-Sprecher und leitetet wöchentliche Gottesdienste, die in Protestkundgebungen gegen die Staats- und Parteiführung mündeten.Die Volkskammer wählte Gauck in ihrer allerletzten Sitzung 1990 zum Beauftragten für die Stasi-Unterlagen. Die daraus entstandene Behörde wurde meist nach ihrem Leiter benannt, bis er 2000 das Amt abgab. Gauck ist parteilos, hat vier erwachsene Kinder und lebt seit Anfang der 90er-Jahre von seiner Ehefrau getrennt.------------------------------Foto: Überraschung geglückt: Die Spitzen von Grünen und SPD freuen sich über ihren Einfall, einen parteilosen Bewerber der Mitte zu benennen.Foto: Einst Demonstrant, jetzt Objekt von Demonstrationen: Gauck genießt in der Bevölkerung große Sympathie, das zeigen auch Umfragen.Foto: Mächtige Freundin: Der Oppositionskandidat und die Kanzlerin, die im Herbst den Jahrestag des Mauerfalls feierten, schätzen einander.Foto: Von den Akten befreit: Zehn Jahre lang forschte Gauck in den Stasi-Unterlagen, dann wurde er Fernsehmoderator.Foto: Frau an seiner Seite: Gauck ist mit der Journalistin Daniela Schadt liiert.