Die Blumen für Lothar Bisky waren billig. Rote, rosa und gelbe Nelken lieblos in durchsichtiges Plastik verpackt. Ein Strauß von der Sorte, die man sonntags an der Tankstelle kauft, wenn man vergessen hat, daß ein Besuch bei den Schwiegereltern fällig ist.Bisky, der alte und neue Parteivorsitzende der PDS, merkt die Brüskierung nicht. Ein kurzes Leuchten geht über sein Gesicht, als das Wahlergebnis bekanntgegeben wird. Freude? Nein. Eher ein Erschrecken ist es, das ihn auflachen läßt. Der Beifall der mehr als 400 Delegierten fällt dünn aus. Wahrscheinlich ahnen sie zumindest, daß dieser Vorsitzende sie nicht aus der Krise führen wird. Auch wenn Bisky nach zwei langen, zähen Tagen spät in der Nacht verspricht, nicht mehr der "Integrationsopa" zu sein, sondern jetzt "zu kämpfen". Kein Aufbruch Aufbruchstimmung? Nein. Wohin auch sollte Bisky mit dieser Partei aufbrechen. Wenige Monate nach einem fulminanten, unerwarteten Wahlerfolg steht die Partei ratlos vor sich selbst. Lothar Bisky sieht sich in seiner PDS mit "zehn Parteien" konfrontiert, "die alle recht haben wollen". Die Vergangenheit, besser die Vergangenheiten, holen die Partei immer wieder ein. Fünf Jahre nach der Wende stehen die Mitglieder erstaunt oder gar entsetzt voreinander und fragen: Was bloß haben wir gemeinsam?Und da geht es dann nicht mehr nur um stalinistische Positionen einer Sahra Wagenknecht. Die Aufregung um die 25jährige Philosophiestudentin im Vorfeld hielt auf dem Parteitag nicht an. Viel Rauch um nichts. Oder doch? Die Partei fühlt genau, daß es um noch etwas anderes geht als die Verurteilung von Stalins Verbrechen. Einer nannte es, "den Versuch, die ganze DDR schlechtzumachen". In dem Satz wird das Mißtrauen der Basis gegenüber dem Führungstrio deutlich, das ihnen den nostalgischen Blick in die vermeintlich bessere Vergangenheit nehmen will und sie zwingt, "in dieser Bundesrepublik anzukommen", wie Bisky es nennt. Man ist unter sich Denn was da auf sie zukommt, ist fremd und unbekannt. Dagegen ist die Runde der ehemaligen StasiHauptamtlichen, die in der Parteitagskantine ihr Bier trinken, ein wohliger Anblick. Vertraut sind auch die alten SED-Funktionäre, man ist unter sich. Leben können die PDSler auch mit den jungen Spontis. Schließlich, auch das ist nicht unbekannt, gehört der Jugend ja die Zukunft. Die Zumutung kommt aus dem Westen. Gerhard Zwerenz, zum Beispiel. Der parteilose "Exkommunist und Antikommunist" will von der Partei wissen, wie sie es hält mit der Diktatur des Proletariats. Ein jahrzehntelanger Gemeinplatz gerät ins wanken. Er sei, sagt Zwerenz den Delegierten, 1957 als junger Kommunist in einem Leipziger Stasi-Gefängnis zum Antikommunisten geworden. "Ich wußte von da an, die Sache ist zum Tode verurteilt." Auch der vor den Wahlen hofierte Graf Einsiedel nennt sich selbst einen Antikommunisten. Der Bismarck-Urenkel, der seine Hoffnungen auf die PDS setzt, sieht sich plötzlich ausgegrenzt. Das Kommunistische Manifest, belehrt er die Delegierten, sehe schließlich die gewaltsame Umwälzung der Gesellschaft vor. Und das, so der alte Graf, könne er "niemals akzeptieren".Antikommunisten in der PDS? Der Unmut und vor allem das Unverständnis in der Partei darüber, daß sie sich nun auch noch mit der Vergangenheit des kleinen Häufleins der Westler auseinandersetzen sollen, ja ihretwegen Zugeständnisse zu machen haben, ist groß. Das böse Wort von der "Lex Zwerenz" macht die Runde. Und Uwe-Jens Heuer, Sympathisant der Kommunistischen Plattform und Bundestagsabgeordneter, verließ den Parteitag vorzeitig und wütend, um "nachdzudenken". Gregor Gysi vermutet eine "Langzeitwirkung" und meint Parteiaustritte. Eine sächsiche Delegierte triumphiert beim Weggehen. Sie habe es schon immer gewußt, "daß das nichts wird mit der offenen Liste". "Gysis bunte Truppe" liegt der Partei schwer im Magen.Nicht nur wegen Zwerenz. Die West-Ausdehnung, das mußte sich der Wahlkämpfer Gysi jetzt eingestehen, war ein Flop. Die Landesverbände sind klein und vor allem, wie es Gysi-Mitarbeiter Udo Wolf unverblümt sagt, "von sektiererischen Positionen beherrscht". Christine Schneider aus dem Landesverband Hamburg liefert dann auch gleich den Beweis. Die PDS hätte in Hamburg Strömungen zusammengeführt, freut sie sich, "die sich seit mehr als 20 Jahren bekämpft haben". Daß sich ihr Landesverband für die politischen Gefangenen einsetzt, quittierten die Delegierten noch mit Beifall. Ihre Bitte "achtet unsere Erfahrungen" stieß allerdings auf etwas Unverständnis. Wie ein Pflichtprogramm Den Delegierten will nicht so recht einleuchten, warum sich 130 000 PDS-Mitglieder in Ostdeutschland mit den Problemen eines Häufleins Zerstrittener befassen sollte. Und schon gar nicht will man sich wegen des Ansehens im Westen von Altem, Bekanntem und Vertrautem verabschieden. Zumal, wenn, wie die Rednerin aus Marburg eingestehen muß, es "nicht gelungen ist", Linke mit Ansehen für die PDS zu gewinnen.Was also tun mit diesem wirren Haufen, von dem Zwerenz sagt, "so wie wir jetzt sind, können wir nicht viel für euch tun". Gregor Gysi setzt auf die Intellektuellen, Schüler, Studenten, Gewerkschafter, die er jetzt überregional organisieren will. Der Vorschlag wirkt wie ein Pflichtprogramm. Die Leidenschaft, mit der die PDS 1991 nach Westen strebte, ist angesichts der Leute, die im Parteienspektrum für die PDS übrigblieben, abgeschliffen. Gysi, der clevere Stratege, hat keine überzeugenden Ideen mehr dafür. Die Partei will den Westen nicht. Der Vorsitzende schweigt Doch ohne den Pluralismus und die Absage an die Stalinisten, ohne Bündnisse mit der SPD und den Grünen, "hat die Partei keine Zukunft". Der das sagt, ist kein überzeugter Reformer, es ist der Ehrenvorsitzende Hans Modrow. Der Kommunist ist an dieser Stelle einfach Realist.Jemand fehlt auf diesem Parteitag: Lothar Bisky. Nicht körperlich. Nein, er sitzt da, in der ersten Reihe im großen Saal der ehemaligen SED-Parteihochschule. Drei Tage von früh bis meist nach Mitternacht. Lothar Bisky fehlt als Redner, als Schlichter, als Mutmacher, als der, der der Partei die Leviten liest und der löscht, wenn etwas anzubrennen droht. Nach seiner Eröffnungsrede schweigt der neue, alte Parteivorsitzende. Nur eins möchte er am Ende noch sagen. Bisky will sich "bei Sahra entschuldigen", weil ihm "die ganze Sache sehr an die Nieren gegangen ist". Ach ja, noch was: Man solle in Zukunft mehr Vertrauen investieren und Mißtrauen abbauen.Ja. Das war's dann. +++