Mit "Citizen Kane" endet die Geschichte des Kölner Tanz-Forums: Zehn Jahre zu spät

Eine grandiose Kamerafahrt stellt den Ort des Geschehens vor, das düstere Anwesen Charles Foster Kanes, dringt bis ins Schlafzimmer des Hausherrn vor, und noch vor dem ersten Schnitt ist Kane tot und der Zuschauer hineingezogen in das Geheimnis um Kanes letztes Wort: "Rosebud". Was Orson Welles in seinem legendären Film von 1941 zeigte, wird auf der Kölner Opernhausbühne nur berichtet - von einer weiblichen Stimme aus dem Off. Denn "Citizen Kane" ist in Köln ein Tanzabend von Jochen Ulrich, und sowohl dem Stück wie seinem Choreographen fehlen die schier unbegrenzten Mittel des Films.Das für die Dramaturgie von Welles' Meisterwerk wichtigste Mittel, die Rückblende, ist freilich längst auch zu einem tanztheatralischen Mittel geworden. John Neumeier in Hamburg hat es wie kein anderer für die Tanzbühne adaptiert. Ausgerechnet ihr verweigert sich Jochen Ulrich und gestaltet sein Stück statt dessen chronologisch - und scheitert damit auf ganzer Linie. Aber wenigstens dieser Bericht soll nicht ohne Rückblenden bleiben. Sie sind auch notwendig. Denn mit "Citizen Kane" endet die Geschichte des Tanz-Forums Köln.Ist es ein Skandal, was da zur Zeit in Köln gespielt wird? Gewiß. Aber die Tragödie "Die viertgrößte deutsche Stadt entledigt sich ihrer Verantwortung für den Bühnentanz" ist schließlich schon im finalen Akt, und wer in Köln erst jetzt merkt, worum es in diesem Stück geht, hat allzu lange nicht aufgepaßt. Künftig sollen Gastensembles leisten, was die Oper nicht mehr glaubt leisten zu müssen. Realisten wissen, daß Gastspiele nichts für die Tanzszene einer Stadt zu leisten vermögen, wenn diese Szene ohne Fundament ist.Gewieft sind sie, die sogenannten Kölner Tanzpolitiker, das muß man ihnen lassen: Im Media-Park haben mehrere Tanzinstitutionen ein nobles Unterkommen gefunden, die Ballettakademie hat sich unters Dach der Musikhochschule gerettet, brav arbeitet die einst beispiellose "Sommerakademie" vor sich hin, nationale Tanzkonferenzen und landesweite Festivals machen Station in der Stadt. Man läßt die vermutlich trügerische Hoffnung gedeihen, jetzt so richtig was für die Freien zu tun. Doch hinter manchem prestigeträchtigen "Kölner" Ereignis stecken im wesentlichen Landes- und Sponsorengelder - ganz abgesehen davon, daß die Förderung von Basis und Breite weder Sinn noch Ziel hat, wenn gleichzeitig die Spitze gekappt wird.Das Kölner Tanz-Forum war Anfang der siebziger Jahre die innovativste Opernballettkompanie Deutschlands. Ein Dreierdirektorium baute mit internationalen Gästen ein zeitgenössisches Repertoire auf, machte die Truppe zum Einfallstor für moderne amerikanische Tanztechniken in hiesigen Trainingssälen. Köln bot die "Woche des modernen Tanzes", die wichtige Kompanien der westlichen Welt präsentierte; der "Choreographische Wettbewerb" war ein international bedeutendes Sprungbrett für junge Tanzschöpfer. Alles längst vorbei. Denn niemand in der Stadt scheint sich je für die einst so glanzvoll gestartete, spezifisch Kölnische Tanztradition verantwortlich gefühlt zu haben. Auch nicht die wichtigsten Vertreter des Tanzes, und das waren nun mal eben das Tanz-Forum und sein seit 1978 allein amtierender Direktor Jochen Ulrich. Er war es, der mit seit Mitte der achtziger Jahre das Renommee des Tanz-Forums Stück für Stück verspielte. Die Höhe des "Wunderbaren Mandarins" (1980) oder der "Übungen für Tänzer" (1983) hat er praktisch nie wieder erreicht. "Citizen Kane" ist ein Musterbeispiel für diesen künstlerischen Niedergang. Das Stück hat außer guten Tänzern rein gar nichts zu bieten, das, wenn schon nicht Bewunderung, so doch wenigstens Respekt abnötigt. Die Musik von Joachim Kühn: ein unerträglich seichtes, enervierend lärmiges Etwas zwischen Free Jazz und Barpianistengeklimper; Bühne (Alfio Giuffrida) und Kostüme (Bjianka Ursulov): na, ja!; die Dramaturgie: welche Dramaturgie? - und wenn wir auf Ulrichs Anteil an dem Stück zu sprechen kämen, das seine knapp zweieinhalb Stunden zu einer schier endlosen Ewigkeit dehnt, müßten wir noch deutlicher werden. Lassen wir's lieber gleich ganz. Es wäre pure Leichenfledderei.Jetzt, endlich, nimmt Jochen Ulrich, noch Köln, künftig Ballettdirektor am Staatstheater Hannover, Abschied. Für Köln zehn Jahre zu spät. +++