Mit dem Blick des Zeichners: Der Fotoklassiker Brassaï im Pariser Centre Pompidou: Das Surreale hinter dem Realen

Mit dem Band "Paris bei Nacht" begründete Brassaï 1932 seinen Ruhm als Fotograf und leistete seinen Beitrag zur Pariser Mythologie der Ganoven und Prostituierten. Genüsslich erzählt er von seinen Expeditionen in Begleitung von Henry Miller oder Jacques Prévert zu übel beleumundeten Orten. Immer wieder hielt die Polizei das verdächtige Individuum an: "Sie wollten nicht glauben, dass man um drei Uhr morgens an einem Kanal stehen kann, um zu fotografieren."Leider hat die Milieudarstellung den Blick darauf verstellt, dass Brassaïs Fotos zuallererst scharf kalkulierte Grafiken sind. Deswegen stehen in der größten je organisierten Brassaï-Retrospektive, die jetzt im Pariser Centre Pompidou gezeigt wird, nicht die rund 60 Bilder aus "Paris bei Nacht" am Anfang, sondern seine erst seit 1958 entstandenen Farbaufnahmen von absplitterndem Lack, bröckelndem Putz und Plakatresten auf verwitternden Mauern. Solche geheimnisvollen Muster haben Brassaï von Anfang an fasziniert. Geld verdienen aber ließ sich leichter mit den Verliebten des "Bal musette des Quatre-Saisons" - was nicht unwichtig war für den ungarischen Emigranten, der sich als Mitarbeiter bei Magazinen wie "Paris sex appeal" verdingte und lange für das US-Modemagazin "Harper s Bazaar" arbeitete. Aber schon 1930 fotografierte er die in Mauern geritzten Graffiti, die in der Surrealisten-Zeitschrift "Minotaure" erschienen. Die Bilder von der Rinde einer Platane, vom regennassem Pflaster im Schein einer Laterne, von den Stahlbrücken der Pariser Métro bezeugen, dass Brassaï immer schon den Blick des Zeichners hatte. Nebel und Dunkelheit, scharf begrenzter Lichtschein und Schattenwurf sind grafische Mittel, Kontraste und Bildausschnitt manipulierte er in der Dunkelkammer.Immerhin hatte Brassaï in Berlin und Paris auf der Kunstakademie zeichnen gelernt, bevor er sich als Korrespondent deutscher und ungarischer Zeitungen im Montparnasse-Viertel niederließ. Erst mit 30 kaufte er sich einen Fotoapparat. Sein Freund Picasso sagte ihm: "Die Fotografie kann dich unmöglich zufrieden stellen", und hatte offensichtlich recht. Die Pariser Ausstellung breitet Brassaïs Talente aus: Als Schriftsteller verfasste er Bücher über seine Haushälterin, Picasso und Proust. Als Bildhauer meißelte er mit Zahnarztbesteck primitive Frauenkörper aus Kieselsteinen. Unter dem Eindruck Picassos, der ihn von 1943-1946 als Fotograf seiner Skulpturen beschäftigte, begann er auf belichtete Fotoplatten zu ritzen und die darauf abgebildeten Frauen nach Surrealisten-Manier zu zerlegen. Eine Ausstellung im Pariser Picasso-Museum zeigte kürzlich Brassaïs Fotos von in Papierbögen eingerissenen Masken. Auch damit holt Brassaï hervor, was er "latente Bilder" nannte: das "Surreale hinter dem Realen".Brassaï lässt ein fantastisches Paris entstehen, denn "nachts wird eine Stadt zu ihrer eigenen Kulisse, wie im Filmstudio aus Pappe nachgebildet". Dass nicht wenige Szenen gestellt sind, versteht sich vor diesem Hintergrund - und angesichts der schwierigen technischen Bedingungen der Nachtaufnahme - fast von selbst: Eine Serie von Ganoven-Bildern nannte er offenherzig "Für einen Kriminalroman". Alle waren Statisten in einem imaginären Paris, wenn auch nicht immer freiwillig: Die legendäre, schmuckbehangene Prostituierte "Môme Bijou", deren Bild in "Paris bei Nacht" erschien, wurde lautstark bei Brassaïs Verleger vorstellig: "Sie haben meine Fotografie veröffentlicht und gesagt, ich sei wie aus einem Albtraum von Baudelaire entsprungen. Das kommt Sie teuer zu stehen!"Bis 26. Juni Centre Pompidou, Paris. Begleitend ist der Fotoband "Brassaï" von Alain Sayag und Annick Lionel-Marie erschienen (Editions du Seuil).