Hinter Michailowskoje verzeichnet meine Straßenkarte einen grauen Strich nach links. Ich stehe jedoch vor einem Feldweg, der eher nach rechts zu führen scheint. Die Karte stammt aus Kanada - Karten für Russland sind immer noch Mangelware.Vor einem verwitterten Holzzaun steht Jurij. Er ist kräftig, untersetzt und etwa Mitte dreißig. Auf meine Frage nach dem Weg antwortet er ausführlich. Da meine Russischkenntnisse aber sehr begrenzt sind, verstehe ich nur "prjama", "ljes" und "naprawa", was "geradeaus", "Wald" und "nach rechts" bedeutet. Ich wende mein Mountainbike und radle zurück durch Michailowskoje, einen kleinen Flecken aus Holz- und Ziegelhäusern, die an der Durchfahrtsstraße ordentlich aufgereiht sind. Am Waldrand biege ich rechts ab und lande wieder auf einem Feldweg. Dieser führt mich einmal um Michailowskoje herum und zu Jurij zurück. Jurij schüttelt freundlich den Kopf, steigt in seinen alten Toyota und fährt mir jetzt langsam voraus. Mitten im Wald hält er an, entnimmt seinem Handschuhfach einen Briefumschlag und steigt aus. Auf den Umschlag zeichnet er eine präzise Wegskizze. Mit ihrer Hilfe finde ich aus dem Wald wieder heraus und habe am Abend Sergijew Possad erreicht.Das Städtchen ist die erste Station meiner Radtour auf dem "Goldenen Ring". Dieser Begriff stammt aus der Sowjetzeit und bezeichnet eine Anzahl altrussischer Städte, die etwa hundert bis vierhundert Kilometer von Moskau entfernt liegen. Einige von ihnen sind älter als Russlands Hauptstadt; alle besitzen prächtige Kreml, Klöster oder Kirchen mit Mosaiken, Ikonen und Kirchenschätzen, die zum Teil unermesslich wertvoll sind. Viele Touristen erkunden den Goldenen Ring im Rahmen einer Pauschalreise. Manche seiner Städte werden auch von Schiffen angelaufen. Fahrradtouristen allerdings sind in dieser Gegend bisher selten.Um zehn Uhr am nächsten Morgen stehe ich vor den mächtigen Mauern des Klosters von Sergijew Possad. An einer Baracke hinter dem Tor bezahle ich den Eintritt und eine Gebühr für das Fotografieren. Der schwarz gekleidete bärtige Mönch hinter der Glasscheibe legt meinen Tickets eine CD mit Gesängen des Klosterchors bei. Vor einer Schranke stecken russische Schülerinnen in bauchfreien T-Shirts ihre Handys weg und binden sich für den Klosterbesuch Kopftücher um.Die hellblauen und goldenen Zwiebeltürme der Kirchen leuchten vor dem wolkenlosen Himmel dieses Vormittags mit der Sonne um die Wette. Neben einer Brunnenkapelle im russischen Barockstil ragt die wuchtige Maria-Entschlafens-Kathedrale auf, in der Zar Boris Godunow mit seiner Familie begraben liegt.Aus der kleineren Dreifaltigkeitskathedrale mit der funkelnden Goldkuppel wehen orthodoxe Gesänge herüber. Ich trete ein und stehe in einem dunklen Raum, in dem vor vergoldeten Ikonen dünne gelbe Kerzen flackern. Schwerer, süßlicher Weihrauchduft steigt zu den bunten Fresken auf, die das Kircheninnere schmücken. Die Gläubigen warten in einer Reihe an der Wand. Einer nach dem anderen steigen sie zu einer Art Sarkophag hoch, neigen sich darüber und küssen ihn.Drei Tage später und 150 Kilometer weiter radle ich auf einer Straße, auf der man sich kaum verfahren kann. Die M 8 zwischen Rostow Welikij und Jaroslawl ist eine gut ausgebaute Schnellstraße. Mal hat sie zwei, mal vier Spuren. Immer jedoch besitzt sie auch einen Randstreifen, auf dem ein Traktor oder ein ausweichender Lastwagen gut Platz hat. Dieser Streifen ist hier auch nicht aus Sand, sondern tadellos geteert. Weil Steigungen selten sind, werden die knapp sechzig Kilometer bis Jaroslawl fast zur Spazierfahrt. Lediglich das Hupen mancher Lasterfahrer, die offenbar noch nicht genug Platz haben, stört.Die Gouvernementshauptstadt Jaroslawl liegt an der Wolga und hat etwa 630 000 Einwohner. Ich fahre durch ein Neubauviertel, vorbei an Plakatwänden, Banken und einem McDonald's, überquere das Flüsschen Kotorosl, kurve durch die lärmende Innenstadt und halte schließlich auf der Wolga-Uferpromenade an. Der Blick auf den längsten Fluss Europas lässt ahnen, warum "Mutter Wolga" Gegenstand zahlloser Lieder und Legenden ist. Vorbei am Flusshafen zieht sich der schimmernde mehrere hundert Meter breite Strom in den Nachmittagsdunst. Gemächlich schiebt sich ein schwer beladener Lastkahn vorwärts; ein flinkes Tragflügelboot kommt ihm entgegen. Auf der Promenade kann man sich Eis und Souvenirs kaufen oder Inline-Skates ausleihen.Eine halbe Stunde später stehe ich vor meiner Unterkunft für die Nacht, einer "Turbasa", wie das russische Kurzwort für "Touristenbasis" lautet. Sie ähnelt einer deutschen Jugendherberge. Die verhärmte Mittvierzigerin im Büro verlangt 130 Rubel, also etwa vier Euro, lässt mich ein Formular ausfüllen und schreibt wortlos meine Passnummer ab. Mein Zimmerchen ist recht ordentlich: zwei saubere Betten, ein weißes Blechregal, Stuhl und Tisch. Das Bad befindet sich auf dem Gang. Leider gibt es heute kein warmes Wasser.Bevor ich am nächsten Nachmittag Jaroslawl wieder verlasse, besuche ich das erste private Museum Russlands. Aus einem Backsteinhäuschen an der Uferpromenade quäkt eine Drehorgel. Hier lädt die Ausstellung "Musik und Zeit" zur Reise durch die Welt der Musikautomaten ein. Museumsführerin Olga ist zwanzig, schlank, hat große dunkelblaue Augen und spricht viel besser Englisch als ich Russisch. Sie zeigt mir ein Harmonium, auf dem deutsche Noten stehen, eine Londoner Standuhr, die die Stunden mit einer Spieluhrmelodie ankündigt, ein mechanisches Klavier und ein Grammofon mit rosa Trichter, der fast einen Meter Durchmesser hat. Als ich mich von Olga verabschiede, spielt das Grammofon einen Foxtrott.Jaroslawl ist die einzige Stadt des Goldenen Rings, die ich zu einer ganz bestimmten Uhrzeit verlassen muss. Ich liege hinter meinem Zeitplan zurück, und nach Iwanowo, dem nächsten Etappenziel, sind es knapp hundert Kilometer. Da der kürzeste Weg dorthin laut meiner kanadischen Karte vor allem über kleine Landsträßchen führt, nehme ich ausnahmsweise um Viertel nach vier den Zug. Man gönnt sich ja sonst nichts. In den sieben Tagen seit meinem Start in Moskau bin ich etwa 350 Kilometer in Richtung Nordosten geradelt. Etwa dieselbe Strecke habe ich jetzt auf meinem Rückweg in Russlands Hauptstadt noch vor mir. Meine Route mache ich wie bisher auch von der Tagesform abhängig. Auf jeden Fall sehen will ich aber noch das knapp 400 000 Einwohner zählende Wladimir, die einstige Hauptstadt des gleichnamigen Großfürstentums, deren Bauten zum Teil unter Unesco-Schutz stehen. Am Ende meines zweiwöchigen Russland-Urlaubs steht der Rückflug mit der Lufthansa - mit meinem Mountainbike im Gepäckraum der Maschine.------------------------------SERVICEAnreise: Moskau wird ab Berlin direkt angeflogen. Das Rad kann in der Regel mitgenommen werden. Das für die Einreise nach Russland nötige Visum beschafft prinzipiell jedes Reisebüro, zur Not auch binnen vier Tagen. Mit dem Bearbeitungstempo steigen aber die Kosten. Sie liegen zwischen 40 und 100 Euro. Wer keine Auslandskrankenversicherung und Hotelbuchung vorweisen kann, zahlt extra.Reiseführer und Karten: Spezielle Fahrradreiseführer oder -karten gibt es für diese Region noch nicht. Am ehesten dem Thema gerecht wird das Buch "Moskau und der Goldene Ring", Trescher Verlag München.Sicherheit: Die Moskauer Kriminalitätsrate unterscheidet sich nicht von der anderer europäischer Großstädte.Reisekosten: Wer wenig für eine Unterkunft zahlen will, sollte eine "Turbasa" (Touristenbasis) aufsuchen. Hotels mit Westniveau sind eher teurer als in Deutschland. Grundnahrungsmittel und vor allem öffentliche Verkehrsmittel sind billiger.Ausrüstung: Es empfiehlt sich ein solides Mountainbike. Ersatzteile und Werkzeug sollten mitgenommen werden, da sie vor Ort schwer zu beschaffen sind. Grundnahrungsmittel und Unterkünfte sind in der Regel leicht zu bekommen.------------------------------Karte------------------------------Foto (2): Unermessliche Schätze birgt der "Goldene Ring", auf dem Radfahrer eher selten unterwegs sind. Freundlich geholfen wird ihnen aber, wenn sie nicht weiter wissen.

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