BERLIN, 28. Januar. Es wird feierlich, plötzlich, aber nicht unerwartet. Irgendwann musste es ja zu diesem Moment kommen beim 92. Berliner Sechstagerennen. Also rollt Silvio Martinello gemächlich mit seiner Rennmaschine über die Holzpiste. Laurenzo Lapage und Adriano Baffi begleiten ihn. Die drei fahren durch ein Spalier. Wie eine Hochzeitsgesellschaft haben sich Kollegen, Kampfrichter und Rennorganisatoren aufgebaut. Dazu Musik, die in solchen Momenten üblich ist: "Time to say good bye" - die Zeit ist gekommen, sich zu verabschieden. Sie drehten dann noch ein paar Runden am Dienstagabend, dann gingen sie in den Ruhestand - Lapage mit 36 Jahren, Baffi und Martinello mit 40. Ein letztes Mal durften sie ein Sixdays-Finale als Pedaleure erleben, noch einmal rasten sie auf den Zielstrich zu - und beinahe hätte Martinello mit Partner Marco Villa noch einen letzten Sieg herausgefahren. Am Ende fehlten ihnen fünf Punkte auf das Schweizer Duo Risi/Betschart, das erstmals in Berlin siegte.Am späten Dienstagabend hat der Sechstage-Zirkus drei altgediente Artisten verloren. Und zugleich seinen Chef. "Silvio Martinello war so eine Art Vorarbeiter für die Fahrer", sagt Berlins sportlicher Leiter Otto Ziege. Der Italiener vertrat die Interessen der Profis gegenüber den Veranstaltern und regelte die Kommunikation im Peloton. Er leitete Kritik der Rennorganisation weiter und formulierte Forderungen seiner Kollegen. "Eine Respektsperson", sagt Ziege. Den Respekt hat sich Martinello hart erstrampelt. In seinen 17 Jahren als Marathonradler ist er bei 96 Sechstagerennen aufs Rad geklettert und dabei auf 28 Siege gekommen. "Das waren Augenblicke in meiner Karriere, an die ich mich immer erinnern werde", sagt der Mann aus Padua. So wie an einige der harten Momente. Sein Debüt bei den Sixdays von Gent 1986 zum Beispiel, das er an der Seite von Maruizio Bidinost gab, wird Martinello nicht so schnell vergessen. "Ich war damals vor dem Rennen sehr aufgeregt." Und danach mit den Kräften am Ende. Die hatten gerade noch für den neunten Platz gereicht - mit 41 Runden Rückstand auf die Sieger Danny Clark und Anthony Doyle. Abschrecken ließ er sich davon nicht. "Ich wollte unbedingt zur Sechstage-Szene gehören", sagt der scheidende Radprofi, "schließlich hatte ich gerade eine faszinierende Welt für mich entdeckt."Wundersame WeltDiese wundersame Welt im Winter wurde zu einer Konstanten in Martinellos Karriere, zu einer Abwechslung und einer willkommenen Einnahmequelle, die es ihm ermöglichte, große sportliche Ziele zu verfolgen. Ziele wie die olympische Goldmedaille, die Martinello 1996 schließlich in Atlanta gewann. Oder Weltmeistertitel, viermal war ihm ein solcher Triumph vergönnt. Und auch als Straßenprofi hatte Martinello Erfolg. So eroberte er 1996 zwischenzeitlich das Rosa Trikot des Gesamtführenden beim Giro d Italia und gewann eine Etappe.Von den Rennen auf Asphalt hat sich Martinello bereits vor zwei Jahren verabschiedet. Nun steigt er endgültig vom Rad. "Noch habe ich keine körperlichen Beschwerden und noch kann ich vorne mitfahren", sagt er: "Man sollte aufhören, so lange man noch mit an der Spitze steht." Also jetzt.Und so wird Martinello schon am Mittwoch ein Flugzeug besteigen und geradewegs nach Italien fliegen. Er wird sich in Padua hinter einen Schreibtisch setzen und Büroarbeit verrichten. "Ich habe für mein Leben nach dem Sport vorgesorgt", sagt Martinello. Ein Fitness-Studio und eine Schönheitsfarm sollen ihm, seiner Frau und den drei Kindern ein Auskommen garantieren. Buchführung und Kundenbetreuung, das ist nun die neue Welt des Silvio Martinello.Doch schon überlegt der Ruhelose, wie er ihr entfliehen kann. In Mailand wird derzeit darüber nachgedacht, das dortige Sechstagerennen im kommenden Jahr wieder zu beleben. "Vielleicht übernehme ich dann den Posten des sportlichen Leiters", sagt Martinello. Auf diese Weise bliebe der 40-Jährige in Kontakt zu seinem alten Metier. Und er wäre wieder der Chef. Für sechs lange Nächte, immerhin.WENDE Radelnd in die Rente: Laurenzo Lapage, Silvio Marinello und Adriano Baffi (v. l. ).