Dem Schauspieler Bruno Ganz werden am Sonntag die Augen leuchten, vielleicht wird er darüber nachdenken, warum gerade er so hervorgehoben ist durch eine Auszeichnung, die an Bedeutung gewinnt, je älter sie wird. Der Iffland-Ring soll "dem besten Schauspieler deutscher Zunge" auf Lebenszeit zugeeignet sein. Wer ihn trägt, muß ihn weitergeben an den, den er für den besten hält. Die Wahl, geheim und oft lange vor dem eigenen Tod getroffen, wird erst nach dem Begräbnis des letzten Trägers publik gemacht. Das Vermächtnis ist wie ein Ritterschlag: "Ich will dich kennzeichnen unter allen."Als am 28. Februar das Votum des Josef Meinrad für Bruno Ganz bekannt wurde, war die Überraschung groß. Die Frage ist immer: Gibt es keinen besseren, keinen größeren? So herrschte 1959 Verwunderung, als die Verfügung von Werner Krauss eröffnet wurde, Josef Meinrad, Schauspieler im Wiener Burgtheater, solle den Ring erhalten. Damals hatten alle erwartet, Krauss werde seinem Antipoden Fritz Kortner den Ring zusprechen. Diesmal haben die Auguren in Wien auf Gert Voss oder auf Klaus Maria Brandauer gesetzt. Meinrads Entscheidung für Ganz wurde aber schnell als gut akzeptiert.Bruno Ganz ist kein Scheinwerfer-Star, kein Selbstgenüßling, sondern ein ernsthafter Arbeiter, ein Mann mit tiefem Blick in die Schwierigkeiten der menschlichen Natur. Kreis geschlossen Ganz ist einer, der in der Entwicklung des neueren deutschen Theaters eine bedeutende Rolle gespielt hat; der als junger Mann - aufgebrochen aus der Schweiz nach Göttingen und von dort nach Bremen in die Atmosphäre des jungen Peter Zadek - von Rolle zu Rolle Kraft, Aura und Ansehen gewann. Erst als Moritz Stiefel in "Frühlings Erwachen", später als Franz Moor in den "Räubern"; schließlich war er Hamlet und Macbeth in Kurt Hübners Inszenierungen, dann Peter Steins Tasso, Peer Gynt und der unvergessene Prinz von Homburg und Grübers Empedokles und noch einmal Hamlet; dies alles schon in Berlin. So hat Bruno Ganz, ein Haupt-Mann der Schaubühne, sich in die Theaterereignisse dieser Stadt eingeschrieben wie in die Geschichte des neueren deutschen Films. Immer zeigte er, daß er das Klassische so gut beherrscht wie die sozialen Genres, bis zum Metzgermeister hinab.Meinrad hat wohl Wesensverwandtes an ihm erspürt: Volksnähe, Prätentionslosigkeit, Verantwortlichkeit gegenüber den Rollen und dem Theater. Seine Entscheidung aber, Ganz mit dem Ring als Besten auszuweisen, enthält mehr als nur dieses Votum. Sie schließt einen Kreis.In der Theaterstadt Berlin nahm der Ring seinen Ausgang. Der mit Brillanten geschmückte Metallreif trägt das Porträt August Wilhelm Ifflands. Er war Schillers erster Franz Moor in Mannheim, der - gegen die Weimarer Schule - durch sein realistisches Spiel immer Menschennähe gehalten und durch seine Darstellungskraft das deutsche Theater entscheidend gefördert hat. Friedrich Wilhem II. von Preußen hat den schon Berühmten 1776 zum Direktor der Königlichen Schauspiele nach Berlin berufen. Iffland ist auch der Wiederaufbau des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt zu verdanken: In den achtzehn Jahren seiner Theaterführung hat er das Berliner Theater zum führenden deutschen Theater gemacht und damit bis heute geprägt.Aus Verehrung hat wohl der Schauspieler Theodor Döring den Ring mit Ifflands Konterfei gestiftet. Er erwarb ihn antiquarisch und trug ihn als erster. Ifflands Ruhm war ihm in seiner eigenen Mannheimer Zeit begegnet; er traf erneut auf ihn, als er 1845, 30 Jahre nach Ifflands Tod, nach Berlin berufen wurde und einer der glanzvollen Schauspieler am Gendarmenmarkt wurde. Er war ein Spieler in Ifflands Manier, wie jener ein Franz Moor, ein kraftvoller Nathan, ein vorzüglicher Hausvater und ein beliebter Komiker dazu, ein Darsteller von Genrefiguren, "welcher", wie es damals hieß, "unübertroffen dasteht".Er war damals so bedeutend, daß ein junger Schauspieler namens Friedrich Haase das Haus am Gendarmenmarkt bald wieder verließ, weil neben Größen wie Döring nur knapper Raum für die eigene Entfaltung blieb. Haase wurde später ein berühmter Star, den die Amerikaner bei seinen Gastspielen in New York so beklatschten wie vorher die Leute in Prag und Petersburg. Ihm übergab Döring später den Ring in Ifflands Namen. Haase, geboren in Berlin, war ein Patenkind Friedrich Wilhelms IV. Er debütierte in Weimar und in Potsdam, bevor der König ihn an sein Schauspielhaus engagieren ließ; er wurde ein Tourneeschauspieler und als Richard III., Marinelle, von Kalb, oder Klingsberg bald überall ein Publikumsliebling. Er glänzte in bürgerlichen Stücken, entlockte Tränen wie Lachen. Man nannte ihn den "letzten schauspielerischen Miniaturisten". Er gehörte zu den Mitgründern des Deutschen Theaters, wo er seine letzten Auftritte hatte. Der Jubel bei seinem freiwilligen Abschied vom Theater am 14. Januar 1896 war grenzenlos.Haase blieb ein Beobachter der Berliner Szene und erlebte so den Aufstieg Albert Bassermanns, der 1895 an das neugegründete Berliner Theater kam, später zu Otto Brahm ans Deutsche und dann ans Lessing-Theater ging, bevor er zu Reinhardt wieder ans Deutsche wechselte und in den 20er Jahren im Ifflandschen Haus am Gendarmenmarkt engagiert war. Haases Vermächtnis bei seinem Tod im Jahr 1911 hieß: Albert Bassermann soll den Iffland-Ring tragen. Und Bassermann trug den Ring bis in die Jahre des Exils. Seine letzte Rolle in Berlin spielte er 1951 bei der Eröffnung des Schiller Theaters. Es war der alte Attinghausen im "Wilhelm Tell", eine Rolle, die auch die letzte des Theodor Döring vor seinem Tod gewesen war.Bassermann hatte seine Not mit der Weitergabe des Rings. Die, die er wählte, starben vor ihm. So gab er ihn dem österreichischen Theatermuseum zur Bewahrung. Die Geschichte des Rings schien damit beendet, hätte der Verband deutschsprachiger Bühnenangehöriger nicht auf eine neue Verleihung bestanden. Als sie 1954 den Ring an Werner Krauss gaben, den ersten Schauspieler neben Kortner in Berlin und Wien, war das Wagnis nicht gering. Dennoch lastete auf Krauss das Verdikt vom "Jud Süß"-Film, aber in Wien war der Krauss-Boykott schon 1948 vom Burgtheater gebrochen: Krauss gehörte, bevor er nach Berlin zurückkam, zur Burg. Dort sah er den jungen Meinrad, der die komischen Figuren Shakespeares so wunderbar belebte, dem das Naive so gut zu Gesicht stand, der Raimunds und Nestroys Figuren im Blut hatte und bald ein Liebling der Wiener war. Neue Erwartungen Von Meinrad geht der Ring nun an Ganz, einen Schauspieler aus der Schweiz, der in Deutschland zu Ruhm gelangte. So umschließt der Ring nun die Theater der deutschsprachigen Länder. Meinrad traf seine Entscheidung schon im Januar 1984. Damals hatte Ganz seine Arbeit an der Schaubühne in Berlin gerade beendet. 1984 konnte man also eine Bilanz von 17 Jahren Ganzscher Arbeit ziehen, ein Kreis - sozusagen von Hamlet (in Bremen) zu Hamlet (in Berlin) - war ausgeschritten. Meinrad hat seine Entscheidung nicht widerrufen, obwohl Bruno Ganz in den Jahren danach nur in Film und Fernsehen zu sehen war. Der Ring trägt nun neue Erwartungen an ihn heran. +++