Ihre Blicke sind hoffnungsvoll - noch. Denn niemand ahnt etwas von dem Schrecken und dem Sterben, das Verdun oder Amiens bald mit sich bringen werden. Noch strecken die jungen Männer stolz ihre Brust dem Fotografen entgegen. Die Uniformen sind gebügelt, die Bärte akkurat gestutzt, die Leiber vom Kriegsgefecht noch unversehrt."Der zweite von links, das ist mein Urgroßvater", sagt Sebastian Bode und zeigt auf die leicht vergilbte Fotografie, die üblicherweise an der Wand in seinem Wohnzimmer hängt. Nun wird sie von Wissenschaftlern der Oxford University eingescannt und digitalisiert. Sie sind in die Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße gekommen, um Dokumente zu sammeln für die europäische Online-Bibliothek "Europeana". Diese möchte die letzten Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg konservieren. Mehr als 17 Millionen Menschen verloren zwischen 1914 und 1918 ihr Leben.Den Urgroßvater hat Sebastian Bode noch selbst kennengelernt - auch seine Geschichten aus dem Krieg hat er gehört. "Da war schon auch viel Seemannsgarn mit dabei", sagt der 33-Jährige. Wilhelm, der Urgroßvater, war bei der Kavallerie. Bis heute hat der Krieg seine Spuren in der Familie Bode hinterlassen: Als der ältere Bruder gleich im Oktober 1914 fällt, schreibt Wilhelm an dessen Witwe: "Mach dir keine Sorgen. Ich kümmere mich um euch." Aus Schwager und Schwägerin wurde dann ein Ehepaar, aus dem Onkel ein Stiefvater, und drei weitere gemeinsame Kinder wurden geboren.Genau an solchen Geschichten und Erinnerungen sind die Wissenschaftler interessiert. Deshalb werden in die digitale Sammlung auch nur Privatstücke aufgenommen: Fotografien, Feldpost, Militärpässe, Ansichtskarten, Orden oder Schützengrabenkunst."Wir stehen ein bisschen unter Zeitdruck", sagt Britta Woldering von der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Zum einen rücke das Jahr 2014 immer näher, dann jährt sich der Kriegsausbruch zum 100. Mal. "Zum anderen geht von Generation zu Generation immer mehr verloren", sagt die Projektleiterin. Viele Erbsachen würden einfach weggeworfen. Für die Wissenschaftler sind aber gerade sie "Teil eines kulturellen Erbes".Künftig sollen die digitalisierten Erinnerungen von jedermann im Internet abrufbar sein. 2008 startete die Oxford University bereits erfolgreich mit ihrem Projekt "Great War Archive". "In Großbritannien ist der Erste Weltkrieg noch sehr deutlich im Bewusstsein der Menschen verankert", sagt Britta Woldering. Der Erfolg in Großbritannien machte den Wissenschaftler Mut, und so erweiterten sie das Projekt nun auf ganz Europa."Ich finde, diese alten Zeiten sollten nicht einfach so verloren gehen", sagt Liselotte Rusch. Gemeinsam mit einer Freundin hat sich die 86-Jährige auf den Weg in die Staatsbibliothek gemacht. Sie hat Feldpostbriefe ihres Vaters dabei und auch dessen Militärpässe. Von ihrer Schwiegermutter gibt es noch Gruppenfotos aus Munitionsfabrik. Ein "bisschen traurig" sei sie geworden, als sie die alten Fotos durchgesehen habe. "Aber ich freue mich, dass die Menschen nicht einfach vergessen werden."-----------------------Interessierte können Erinnerungsstücke aus dem Ersten Weltkrieg selbst fotografieren oder scannen und online stellen.Infos dazu unter: www.europeana1914-1918.eu------------------------------Foto: Die Wissenschaftler der Oxford University begutachten private Fotos aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.