Die Schwester muss, wenn schon nicht sterben, so doch ganz weit entfernt sein, damit die Ich-Erzählerin in Silke Scheuermanns Romandebüt "Die Stunde zwischen Hund und Wolf" leben kann. Doch dann nimmt die Erzählerin ausgerechnet dort eine Stelle an, wo ihre Schwester lebt, zieht von Rom nach Frankfurt am Main.Sie ist Journalistin und natürlich muss man nehmen, was man bekommt, aber dass sich die namenlos bleibende Erzählerin nach Jahren der Trennung ausgerechnet in der Stadt ihrer großen, schönen Schwester, einer erfolgreichen Malerin, niederlässt, ist wohl kein Zufall. Es dauert auch nicht lange, bis Ines sie frühmorgens in einem Schwimmbad findet. Die Begegnung fällt schroff und unbeholfen aus, aber man spürt schon, wie es in der Erzählerin rumort, auch wenn Scheuermanns konzise, beinahe unterkühlte Sprache keine Gefühlsausbrüche zulässt.Einmal, viel später in der Geschichte, weint die Erzählerin und kann nicht aufhören, weil ein "stiller Wahn" sie zwingt, "lautlos weiterzuweinen". Man kann sich vorstellen, woher ihre Tränen kommen, denn Gründe hat sie genug, aber Silke Scheuermann ist so klug, nichts zu erklären.Sie hat ein Sprachgefühl, das Staunen macht und eine ungeheure Fertigkeit darin, Beobachtungen zu schildern. Es sind viele Szenen in den Roman eingestreut, die mit der Handlung nicht unmittelbar zu tun haben, aber die Erzählerin, immerhin ist sie Journalistin, kann nicht anders, als immer wieder etwas zu sehen, was unbedingt erzählenswert ist. Es gibt zum Beispiel eine Szene in einem Kaufhaus, wo sich ein kleines Mädchen an einem teuren Kleidungsstück zu schaffen macht, die man sich am liebsten rahmen und an die Wand hängen würde.Ines sucht die Nähe ihrer Schwester, weil sie ein großes Problem hat. Es dauert, aber irgendwann kann die Erzählerin die Augen nicht mehr davor verschließen, dass Ines Alkoholikerin ist. Die Erzählerin ist wie vor den Kopf gestoßen und reagiert ablehnend, wie kann es sein, dass ihre ehrgeizige, auch kaltblütige Schwester, so abgerutscht? Bis sie zum ersten Mal eine Hilfestellung leistet und nun ihrerseits von Ines zurückgestoßen wird. An diesem Punkt kippt die Geschichte und die Erzählerin wuselt von da an besorgt und voller widersprüchlicher Gefühle um die Schwester herum.Die Erzählerin muss feststellen, dass offenbar nicht nur sie, sondern auch die bewunderte Schwester vom Vater das Gefühl, nichts zu sein, mit auf den Weg bekommen hat. Ines und sie sind sich ähnlicher, als sie je für möglich gehalten hätte. Die Sympathieverteilung des Lesers gerät ebenfalls ins Schwanken. Bislang hielt man eindeutig zur Erzählerin als der vermeintlich Normalen und Robusten, die immer im Schatten des kapriziösen "Elefanten" stand, wie der Vater Ines zärtlich nannte, doch in der zweiten Hälfte des Buchs lässt die Erzählerin die Schwester zunehmend an Profil gewinnen.Schon bei der ersten Begegnung verliebt sie sich die Erzählerin in Ines' Freund und er sich vielleicht auch in sie. In der Wohnung der Schwester schlafen sie miteinander. Zuvor trägt sie Unterwäsche von Ines. Das alles ist traurig und infam.Seit ihren eher misslungenen Erzählungen "Reiche Mädchen" von 2005 hat die 1973 geborene, vielfach ausgezeichnete Silke Scheuermann, die auch Lyrikerin ist, einen Riesensprung getan. "Die Stunde zwischen Hund und Wolf" ist eine private Geschichte, die durch das Sprachvermögen der Autorin zu einem Stück zeitloser Literatur wird. Besondere Freude macht, wie sie der tristen Handlung, die in einer völlig glanzlosen Künstler- und Medienszene spielt, immer wieder eine um zwei Ecken herum spröde Situationskomik abgewinnt.Es tut dem in Absätze unterteilten Buch gut, dass die zahlreiche wörtliche Rede nicht in Anführungsstriche gesetzt ist, sondern einfach in den Text einfließt. So liest man mit dem Strom und wird ganz aufgesogen von dieser Geschichte mit einem sehr offenen Ende.------------------------------Foto: Silke Scheuermann: Die Stunde zwischen Hund und Wolf. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2007, 174 S., 17,90 Euro