Mit dem Rücktritt hat Lafontaine die Position seiner Gegner im Kanzleramt gestärkt. Der Polit-Pensionär vermißte den Teamgeist im Kabinett.: Befreiungsschlag für Hombach

BONN, 14. März. Schon einmal hatte Bodo Hombach mit einem "Befreiungsschlag" Furore gemacht. So überschrieb er die Zusammenfassung seines Buches mit Aussagen wie: "Zur Politik der Verteilung führt kein Weg zurück." Unter dem Druck der Regierungsverantwortung solle der SPD das staatsgläubige Denken ausgetrieben werden, erklärte der frischgekürte Kanzleramtsminister. Sein Druckwerk las sich als reine Kampfansage an die Wirtschafts- und Finanzpolitik von SPD-Chef Oskar Lafontaine.Kein Wunder, daß Hombach Lafontaines Abgang nun als personellen Befreiungsschlag empfindet. Der Parteivorsitzende hatte Bundeskanzler Schröder angeblich vor die Wahl gestellt: "Hombach oder ich". Nun ist der Weg frei für den 46jährigen Ex-Manager. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt frohlockte schon vergangenen Herbst: "Kann Hombach sich durchsetzen, dann kann die SPD ihre zweite marktwirtschaftliche Erneuerung, ihr ,zweites Godesberg bewältigen." Auf dem Godesberger Parteitag hatte sich die SPD 1959 vom Sozialismus als Wirtschaftsform verabschiedet und so den Weg zur Volkspartei beschritten.Hombach will die SPD nach dem Vorbild der britischen "New Labour Party" umkrempeln. Das betrifft politische Inhalte und das Marketing von Politik. Bei letzterem verfügt er über beträchtliche Erfahrung. Schon mit Anfang Dreißig organisierte er für Johannes Rau erst den nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf, dann die Kampagne für die Bundestagswahl 1987. So schloß Hombach vor ein paar Jahren auch rasche Freundschaft mit Peter Mandelson, dem gefürchteten "Hirn" hinter dem Aufstieg Tony Blairs.Gleich nach dem Einzug ins Kanzleramt gründete Hombach mit Mandelson eine deutsch-britische Arbeitsgruppe. Dort soll die sozialdemokratische Programmatik für das 21. Jahrhundert niedergelegt und fortentwickelt werden. Auf dem Tisch liegen liberale Konzepte mit sozialen Einsprengseln: Weg mit dem "Rundum-Sorglos-Staat", mehr Eigenverantwortung der Bürger, weniger soziale Absicherung, radikale Vereinfachung des Steuersystems. In Hombachs Büro steht keine Büste von Willy Brandt, sondern von Ludwig Erhard.Schon seit Dezember herrscht, abseits der Öffentlichkeit, reger Pendelverkehr zwischen Bonn und London. Beinahe täglich sitzen Mitarbeiter von Hombach und Blair beisammen. Die Beratungen sollen in ein "Manifest" münden, das Schröder und Blair demnächst mit großem Aplomb gemeinsam verkaufen sollen.Zahlreiche andere sozialdemokratische Regierungen der EU-Staaten haben sich an die Initiative angehängt. Ende Januar kamen sie in Berlin zusammen, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. Hombach sprach wegen seines Projekts auch in den Parteizentralen der europäischen Schwesterparteien vor, so beim französischen Sozialisten-Chef Francois Hollande. Gesprächsteilnehmern zufolge erklärte der Minister, die Abstimmung solle künftig doch gleich über das Kanzleramt erfolgen statt über die SPD-Parteizentrale. Das fand mancher Sozialdemokrat in Bonn, auch Lafontaine, gar nicht lustig.Jetzt übernehmen Hombach und Schröder in der "Baracke" das Zepter. "Künftig kann die Partei ihre treibende Rolle finden, ohne daß das als Affront zwischen Parteivorsitzendem und Kanzler mißverstanden werden kann", sagt der Kanzleramtschef. "Zukunftskonzepte" werde die SPD beschließen, "mutige, unkonventionelle Ansätze".Man kann sie bereits nachlesen, zum Beispiel in dem jüngsten Papier des "Managerkreises" der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Deren Arbeit hatte bislang wenig Einfluß über die Richtlinien der Wirtschaftspolitik wachte Lafontaine. Nun erregen die Forderungen der SPD-Manager wie die "Zehn Thesen zum Bündnis für Arbeit" öffentliches Interesse: Deregulierung des Arbeitsmarktes, Senkung von Steuern und Sozialabgaben, Lohnsteigerungen unter der Produktivitätsrate und längere Ladenöffnungszeiten. Es wäre, falls die SPD dem folgte, eine neue Mitte.