Sein uvre ähnelt einem Eisenbahnabteil. Es ist übersichtlich, bewegt viele Personen und ist selbst ständig in Bewegung. Kurt Buchwald selbst reist auch gern und viel. Er ist Aktionskünstler. Zu seiner Standardausrüstung gehört ein seltsames Schild. Das ist rot umrahmt und zeigt eine durchgestrichene Kamera. So ein Schild manchmal auch ein Plakat oder ein Flugblatt oder eine Fahne nimmt er immer mit auf Tour. Die piktografische Warnung wird dann ins Leben gestellt und zum Auslöser für seine ungewöhnlichen Aktionen."Fotografieren verboten". Wenn Ideen wie diese im Kalender stehen würden, dann hätten sie auch Geburtstag, dann könnte man die Jahre abzählen und sagen: Na schau an: Zehntes Jubiläum. Im Herbst 1988 flog der Fotograf Kurt Buchwald aus Berlin nach Moskau, stellte sich mitten auf den Roten Platz und hielt sein Schild in den russischen Himmel. Genau dorthin, wo sich Touristen aus aller Welt redlich bemühten, die quietschbunten Zwiebeltürme klickend ins Kleinformat zu quetschen. Er verbarrikadierte ihnen den Durchblick und nahm einfach die Sicht. Die Miliz kam und untersuchte das Schild. Es glich irgendwie denen, die im nahen Mausoleum vor Lenins Leiche jeden Schnappschuß verbieten. Also gingen sie wieder, glasnosterfahren und weltstadtgelassen. Buchwald konnte hinstellen, was er wollte.Ein Jahr später hatte die Provokation in der Noch-DDR viel besser funktioniert. Im Mai 1989 stand der Antifotograf neben der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz in Berlin. Schild hoch und Flugblatt verteilt. Das war zuviel. Diesmal nahmen es die Ordnungshüter ernst. Buchwald kam für drei Stunden hinter Gitter. Derweil erklärte ein Kulturfunktionär den Beamten, daß es Kunst sei. Aktions-Kunst oder Performance war zu jener Zeit in der realsozialistischen Republik ja wirklich nur selten zu treffen. Und Kurt sah nicht mal danach aus. Er hatte weder die sensationsträchtige Ekelwirkung der vier gnadenlosen "Auto-Perforations-Artisten". Ihm fehlte auch das schamanische Wehen um die Schultern, wie es den Performance-Bildner aus Dresden Matthias Jakkisch, beschützte. Kurt kam rüber wie der Klempner von nebenan. Groß, breit, proletarisch. Das kunstverbandsinterne Federlesen und intellektuelle Bauchpinseln bekam er nicht hin. Er trug keinen Filzhut, sondern eine Schirmmütze. Und von Beuys wollte er nur wissen, daß wirklich jeder Kunst machen kann. Und er wollte das. Unbedingt.Wenn schon nicht mit Aura, dann wenigstens mit Amt. Der Witz, in Deutschland ein fiktives Amt zu gründen, führte natürlich zu Irritationen. Dabei geht es ganz einfach. Man braucht einen weißen Kittel, einen Stuhl, einen Schreibtisch, einen Stempel, ein Amtspapier und einen Amts-Namen. Für Buchwald, einen geborenen Wittenberger, stand der Titel fest: "Amt für Wahrnehmungsstörung" (AFW). Das steht seitdem ganz amtlich auf einem Schild.Seitdem koordiniert das AFW, das aus ihm allein besteht, alle Buchwald-Aktionen und dokumentiert seine Reisen. Das Langzeitprojekt "Fotografieren verboten" ist mit den Jahren weit herumgekommen. Buchwald stand mit seinen Schildern in Paris vor dem Eiffelturm, in New York vor der Freiheitsstatue und in Rom an der Spanischen Treppe. Er hat in Wien und Venedig die Touristen erschreckt und sogar in Oula am Polarkreis ein Schild hinterlassen. Aber dort war es sehr einsam. Fast so menschenleer wie in der hitzigen Atacamawüste in Chile. Da mußte der Nicht-Fotograf zum Beweis schon mal den Selbstauslöser betätigen, während er sich sonst bei seinem Werk von Begleitern ablichten läßt.Üblicherweise tobt, das hat Buchwald amtlich, der Foto-Wahnsinn schon fast überall. Doch sieht sich Buchwald bei seinem Feldzug gegen die Bilderflut nicht nur als ironischer Kritiker. Eher als unermüdlicher Regelbrecher. "Darf der denn das?" fragen sich immer wieder die Leute. Er verführt sie ja schnell zum Gespräch, geht auf sie ein, macht zuweilen regelrecht Interviews vor laufender Kamera und mit Mikrofon. Und von Amts wegen er darf. In all der Zeit gab es noch keine Klage wegen Amtsanmaßung. Eher schon mal den Versuch, ihn als Vorkämpfer für Greenpeace oder als ausgemachten Witzbold hinzustellen. Zwischenzeitlich nahm er die Zurufe "Der hat ja ne Scheibe!" allzu wörtlich. Zur Ausstellung "Künstler träumen Berlin" band er sich eine sperrige Scheibe vor den Kopf, verteilte seine Zettel und wollte die Fotomanie der Berlin-Touristen auf sarkastische Art auf die Schippe nehmen. Das ließ er dann wieder.Immerhin ist er mittlerweile mit dem Verstärker-Effekt seiner Verbots-Schilder vertraut. Wohin er sich damit auch stellt, zuerst werden noch mehr Kameras von den Schultern gerissen. Es klickt und blitzt. Denn Buchwald und Begleitung müssen im Grunde keine Postkarten schreiben. Sie bringen von ihren Aktionen einfach die Berichte der Lokalpresse über seine Störbilder mit. Daß er also selbst die Bilderflut nährt, gegen die er so kämpft, nimmt er augenzwinkernd hin. Wohl wissend, daß seine fiktiven Amtsgeschäfte nur durch die fotografische Arbeit aufzubewahren sind. Manchmal entsteht ein Video. Manchmal ein Text. Aber als Skulptur ins Museum stellen lassen sich die Zufallsbegegnungen und spontanen Gespräche eben nicht.Die Konzeptkunst, so wie Buchwald sie macht, lebt sowieso vom Moment und Erleben. Leute, die sich noch an "Wrapped Reichstag" erinnern, am Tag als das Fotografieren-verboten-Transparent an sechs weißen Ballons vor das verhüllte Bauwerk flog, werden davon wohl noch ihren Kindern erzählen. In wie vielen Familienalben steckt wohl dieses Bild. Neun mal dreizehn und matt. So wie gewöhnlich. Man kann später erzählen, man sei dabeigewesen. Denn man hat alles wahrgenommen. Und hier ist der Beweis.Augenblicklich sieht man Buchwalds Auto, natürlich AFW-gerecht mit Aufklebern verziert, allerdings weniger in Berlin als in der Gegend rund um Schloß Wiepersdorf. Dort ist Kurt im Moment Stipendiat. Er selbst sieht im Grunde noch immer so aus, wie bei den ersten Aktionen. Freilich, ein paar erste graue Haare sind im Bart angekommen. Die Schirmmütze sieht ein bißchen anders aus, und er wirkt nicht mehr so gehetzt wie früher, als er immer dastand wie jemand, der gleich wieder geht. Jetzt kommt Kurt. So ist das heute. Natürlich, der Schalk sitzt ihm wie eh und je im Nacken. "Im Moment wird alles, was ich mache, mehr poetisch, vielleicht etwas melancholisch." Es oktobert eben. Da geht er schon mal in die Pilze. Genießt den herrlichen Wald, die Schloß-Gesellschaft und das Essen. Es scheint, als fangen bei soviel Idylle sogar Aktionskünstler an, ein wenig zu dichten. Das wird dann im nächsten Amtskatalog erscheinen oder auf seiner Homepage im Internet. Buchwald rechnet dort alles ab, so wie es ein Buchhalter nicht besser könnte. Beispielsweise die "Zeichenwechsel am Fluß", als er Warnschilder an der Spree aufstellte und alle Bürgerinnen und Bürger von springenden Fischen in Kenntnis setzte. Ja, Raubfische hätten sich eben im Fluß angesiedelt. "Meiden Sie die Wassernähe!" Buchwalds digitale Rechenschaftslegung balanciert gekonnt zwischen Sein und Schein. Denn die Schilder hatte er wirklich aufgestellt. Die Warnung war echt. Nur der Inhalt fiktiv. So hofft er auf den wachen Verstand: Glaubt bloß nicht alles, das steht bei Buchwald immer zwischen den Zeilen. Wenn da in der Kastanienallee plötzlich eine Galerie verschwindet und statt dessen an der gleichen Tür ein neues Schild mit der Aufschrift "Amt für Wahrnehmungsstörung" angeschraubt wurde, kann man dies dort gleich vermelden. Oder die Ausstellung ansehen. Ausstellung "Fotografieren verboten" in der Galerie am Prater, Kastanienallee 100, bis zum 25. Oktober. Informationen: http:/www.wahrnehmung.de