Mit dem Universum von Joseph Beuys beginnt im Hamburger Bahnhof das Festival "Kult des Künstlers": Wer nicht denken will, fliegt raus

Wie geht das? 5 000 Museumsquadratmeter Beuys. Und keine Ermüdung. Womöglich wirkt der Beuys-Satz an der Wand: "Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung". Da hat man wegen der eigenen Bequemlichkeit gleich ein schlechtes Gewissen. Und wenn Deutschlands auch postum noch utopischster Gegenwartskünstler gleich darauf wissen lässt, jeder Mensch sei ein Künstler, dann wird man sich doch nicht schon nach zehn Sälen im Hamburger Bahnhof hängen lassen.Fünfzehn Kapitel Beuys (1921-1986) sind da ausgebreitet - in Bild und Wort. Eine Reise ins Universum des Kunstrevolutionärs, der sich eher am Evolutionären abarbeitete, ist seit seinem Tod so noch nicht angeboten worden. Als Aufforderung zum Sehen. Lesen. Fühlen. Denken. Letzteres ganz besonders, immerhin droht Joseph Beuys in steiler Sütterlinschrift auf einer quittengelben Karteikarte: "Wer nicht denken will, fliegt raus." Die Instanz Museum war für ihn ein interdisziplinärer Lernort zur Erarbeitung all jener Grundlagen, mit denen sich menschlichere Bedingungen für Kreativität schaffen ließen. Die Drohung war seine Art von Humor. Bei Beuys Aktionen, auch in seinem Unterricht an der Akademie Düsseldorf, das erzählen die Foto-und Filmbeiträge der Ausstellung, wurde viel gelacht.Doch ernst war es ihm immer, mit seinen Mal-Botschaften auf Packpapier, den Objekten aus Fett und Filz, Metall, Holz und Basalt. Ebenso mit Ausfege-Aktionen und Happenings für tote Hasen. Denen erklärte der Akademieprofessor in zärtlicher Performance Bilder. Oder er kommunizierte mit lebenden Pferden und Kojoten. Ernst war es ihm auch mit den manifesten Sprüchen, die sich jetzt über die Wände der Schau ziehen.Das von Eugen Blume kuratierte Projekt im Ausstellungsreigen der Staatlichen Museen zum "Kult des Künstlers" versammelt 270 Beuys-Werke aus der hauseigenen Sammlung Marx wie aus Sammlungen in Europa und Übersee. Zweiundzwanzig Jahre nach Beuys' Tod kommt es in Berlin zur schon lange angemahnten Analyse seiner programmatischen Behauptung "Die Revolution sind wir". Die Ausstellungsmacher wissen freilich um die Crux: Immer wieder gab es den Versuch, die materialisierten Weltverbesserungsideen, seine oft als naiv verspotteten "Wärmeplastiken" (aus Filz und Fett) gegen die wachsende soziale Kälte aus ihrer musealen Ecke zu holen. Als der Mann mit dem Hut noch lebte, war es allein dieser von Jüngern umgebene Charismatiker, der penibel wie ein Buchhalter Filzhüllen rollte, Fett auf Stühle und in Ecken strich, als behandele er Wunden und Brüche. Er war es, der sich mit Tieren tagelang in Käfige sperren ließ.In den postumen Beuys-Ausstellungen müssen sich nun andere an die fragilen Konstellationen heranwagen, Hand anlegen an die kruden Reliquien. Im Hamburger Bahnhof ist das bisweilen fast spielerisch statt didaktisch gelungen. Ein Mausoleum Beuys wurde vermieden. Sinnlich und lehrreich fügen sich die kryptischen, archaischen Zeichnungen auf den 456 Blättern "The secret block" (1936-1976) zu einem noch nie ausgeliehenen "Kreuz mit Sonne" aus dem Columba-Diözesanmuseum Köln: ein abgeholzter Fichtenstamm lagert samt Berglampe auf einer Munitionskiste. Gerade vor solchen Nebenschauplätzen begreift man etwas mehr von der utopischen Dimension des "erweiterten Kunstbegriffes", diesem radikalen, aber unerfüllten Traum von einer Revolution der Gesellschaft.Ändern wollte Beuys das Verhältnis der Menschen zu ihren eigenen Fähigkeiten. Die Kunst sollte aktivieren, was nach der Kindheit oft nur verschüttet oder verkümmert war. Er wollte in jedem Menschen einen Götterfunken glimmen sehen, der zum selbstbestimmten Handeln befähigen sollte. Zeitlebens hat er gekämpft. Gegen Ächter, Nörgler, Besserwisser, Erzkonservative. Seine Asche war noch nicht im Nordseewasser verstreut, wie es sein letzter Wille war, und schon wurde er konserviert, katalogisiert, archiviert, zerredet und heroisiert. Oder, in zwei Fällen, im Museum von der Putzfrau irrtümlicherweise als Müll entsorgt. Von seinen 7 000 Kasseler Documenta-Eichen sind viele ausgegraben und versetzt.Was die Berliner Beuys-Großschau vor allem leisten kann, ist die Erkenntnis, dass uns die Form seiner einstigen Vision bleibt. Eine, die er in so lakonische wie tiefsinnige Satzkonstrukte zu kleiden wusste wie: "Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt", womit er sagen wollte, die wirklichen Ereignisse und Erleuchtungen passierten keineswegs in den Heiligen Hallen der Religionen, der Geistesgeschichte, der Kunst, sondern im banalen Alltag.Genau so wollte er die aus dem Guggenheim-Museum Bilbao herbeigeschaffte sperrige Riesenbronze "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" und die nun als lapidare Monumente präsentierten "Richtkräfte" aus Schiefertafeln, die Klever "Straßenbahnhaltestelle" und die "Honigpumpe" oder die brachialen Basaltbrocken "Das Ende des 20. Jahrhunderts" verstanden wissen. Auch die so simpel geformte wie hochphilosophisch gemeinte Installation "Palazzo Regale". Sie ist in der Haupthalle des Hamburger Bahnhofs, geschützt von einem weißen Kubus, aufgebaut. Irdisches Dasein, Denken und Tod bilden in diesem späten Hauptwerk den Kern. Leben wird in Beuys' Diktion vom Ende her gedacht. Er nahm für dieses Lehrstück Fett, Filz, Kupferstock, einem Rucksack und - in der nächsten Vitrine - einen Pelz, einen Bronzekopf, zwei Schlagzeugbecken und eine exotische Muschel. Beuys begriff den Tod als energetischen Spannungsbogen des Lebens. Er glaubte, alte Mythen und Rituale wiederbeleben zu können, ohne etwas erklären zu müssen. Vielmehr erwartete er - in strenger Anmaßung - das Publikum besäße genügend Intuition und Phantasie, um seine Meditationen zu begleiten.Wie kaum ein anderer, das fasst die Ausstellung sinnfällig zusammen, hat Beuys seit den 60er Jahren die Definition dessen, was Kunst ist, relativiert. Seine Werke wie die quer durch die Schau per Foto und Video verteilten Aktionen und Texte erzählen, waren selbst für seine Anhänger eine Zumutung. Missionarisch predigte er Freiheit im Geiste, Gleichheit vor dem Recht, Brüderlichkeit in der Wirtschaft. Manisch polemisierte er gegen etablierte Parteien und Proporz. "Nur aus der Kreativität des Menschen heraus können sich die Verhältnisse ändern." Dieser Gedanke, den Beuys in Fett, Filz, Fell, Stein, Schiefer, Salz und Honig, Holz, Humus, Heu und Metall ausdrückte, den er als Botschaft von Energie und Wärme zur Konstruktion einer humanen Gesellschaft gab, scheint freilich nicht in die Zeit von Managerkapitalismus, Hartz IV und Globalisierung zu passen. Der politische Beuys des erweiterten Kunstbegriffs ist außermuseal nur wenig gefragt.Nun tritt er uns in dieser Ausstellung wie lebend entgegen mit seinen stumm insistierenden Statements zu Leben und Tod, Arbeit, Demokratie, Geld und Religion. Und zur Liebe. Beuys war kein verbitterter Kulturkritiker. Sein Werk ist reine Zuversicht.------------------------------Beuys. Die Revolution sind wirAusstellung im Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, Berlin-Tiergarten, geöffnet ab Freitag, den 3. 10. Die Schau im Rahmen des Ausstellungsfestivals "Kult des Künstlers" läuft bis 25. 1. 2009. Der Katalog (Steidl Verlag) kostet 49 Euro.Am gleichen Ort beginnt "Celebrites" (bis 11. 1.) und "Dekonstruktionen des Künstlermythos" (bis 22. 2.) gleiche Öffnungszeiten aller drei Ausstellungen: Di-Fr 10-18/ Sa 11-20/So 11-18 Uhr.------------------------------Foto: Im Spätwerk "Palazzo Regale" für Neapel 1985, Leihgabe der Kunstsammlungen NRW, zeigt sich das musealisierte Beuys-Universum.