Noch werden die Trümmer des Ahornblattes weggeräumt, da gerät schon der nächste Berliner Bau der sechziger Jahre ins Visier der Bagger: Die von Paul Baumgarten bis 1968 für die Bewag-Hauptverwaltung errichtete Erweiterung des legendären, wellenförmig geschwungenen Shell-Hauses am Landwehrkanal. Zwei schlanke Türme, ein an das Shell-Haus angelehnter Riegel, verbunden durch flache Foyers zwischen Stauffenbergallee, Hitzigallee und Sigismundstraße; allerbeste Lage im Tiergartenviertel. Hier residierte einst das gehobene Berliner Bürgertum in freistehenden Häusern mit idyllischen Gärten. Baumgarten wollte diese lockere Struktur in die Nachkriegsmoderne retten, zugleich aber auch den monumentalen Bendler-Block sowie das hoch aufragende Shell-Haus in das benachbarte "Kulturforum" einbinden: Seine Hochhäuser sind die vertikalen Akzente zur sich aufwipfelnden Philharmonie Hans Scharouns und zum niedrigen Tempel der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe. Zu Beginn der achtziger Jahre wurden die Fassaden der Türme durch Wärmedämmung verdickt, sie zeigen die einstige Eleganz nur noch in den Proportionen, in Fensterbändern und schmalen Teilungsstreben. Gut erhalten sind hingegen die Foyers im Erdgeschoss. Sie lagern sich um idyllische Innenhöfe, haben Licht, Luft, Weite. Keine Architektur der barocken Leidenschaft wie Scharouns Philharmonie, sondern eine karger Disziplin. Eigentlich sind alle Kriterien des Berliner Denkmalschutzgesetzes erfüllt: wichtiger Architekt, wichtige städtebauliche Position, charakteristische Architektur, historische Bedeutung als Monument der Energieversorgung West-Berlins. Dennoch gab Ende Mai 2000 der Bezirk Tiergarten die Abrissgenehmigung. Baustadtrat Porath: "Wir haben die Untere Denkmalschutzbehörde informiert, aber es kamen keine Einwände." Er habe sich gewundert, aber nichts machen können. Einwände konnten gar nicht kommen, denn die Bauten stehen nicht auf der Denkmalliste. 1995 wurde zwar ein Schutzantrag gestellt, doch abgelehnt. Die zuständige Denkmalpflegerin Gabi Dolff-Bonekämper bedauert dies heute: "Ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass so schnell jemand abreißen will - und ich habe die Häuser auch noch gar nicht als Baudenkmal gesehen. Das lag damals außerhalb unserer Zeitgrenzen."Einen Handel mit der Bewag - ihr saniert das berühmte Shell-Haus denkmalgerecht, dafür geben wir Baumgarten auf - verneint sie.Noch während sich die Bewag im berechtigten Ruhm sonnte, den ihr die Fassadenerneuerung des Shell-Hauses einbrachte, wurde über Abriss und Verkauf der Erweiterungsbauten verhandelt. Eine wirtschaftliche Nutzung oder ein Umbau scheint nach heutigen Kostenrechnungen nicht möglich: Die Decken sind zu niedrig, um standardisierte Bürotechnik unterzubringen, die Fassaden müssten neu gedämmt werden, das Verhältnis zwischen den üppigen Foyers und der vermietbaren Fläche rechnet sich betriebswirtschaftlich nicht. Porath erteilte außerdem zwei Bauvorbescheide: Einen für eine Neubebauung mit zwei Bürohäusern und einem Wohnhaus, einen für ein Hotel. Diesen bevorzugt die Viterra GmbH, die Ende Juni den Kaufvertrag mit der Bewag unterschrieb. Viterra ist einer der größten deutschen Immobilienentwickler, angetrieben vom Geld des rheinländischen Energieversorgers Veag. Niederlassungsleiter Dietmar Lucht: "Ohne Abrissgenehmigung hätten wir nicht gekauft." Derzeit bereitet das Büro Ortner&Ortner einen Architektenwettbewerb vor.Die Abrissgenehmigung ist nicht zurückzunehmen. Die Denkmalpflege kann wohl auch nicht rückwirkend ihren Schutz über das Gebäude ausbreiten. Der Altbesitzer und der Investor aber haben kein Interesse an dem Gebäude: Es ist angesichts der niedrigen Baumaterial- und Energiepreise weit billiger, abzureißen, statt moderne Bürotechnik in den Altbau einzubasteln und die Fassaden zu sanieren. Andererseits sind der Abrissantrag und die noch leise Aufregung in Fachkreisen politisch derzeit nützlich. Im Frühjahr erregte der wohl wichtigste städtebauliche Berater Hans Stimmanns, Dieter Hoffmann-Axthelm, mit der Forderung lauten Protest der Denkmalpfleger, Bauten der Nachkriegszeit generell nicht mehr in die Listen aufzunehmen. Die Denkmalpflege solle sich "auf ihre eigentlichen Themen" zurückziehen, auf schöne Staatsbauten und vorindustrielle Objekte, der selbstbewusste Bürger werde sich dann des Restes annehmen. Inzwischen ist selbst in konservativen Feuilletons die Rede vom "Auslüften" der Denkmallisten; nicht die Bauten des Mittelalters sollen dem zum Opfer fallen, sondern die der Moderne. Senatsbaudirektor Hans Stimmann sieht nun eine Gelegenheit, die Debatte um die zukünftigen Aufgaben der Denkmalpflege und ihre Beschränkung auf das ästhetisch Akzeptierte zu eröffnen. Die karge Architekturästhetik "Leisten-Paules", wie Baumgarten liebevoll-spöttisch genannt wurde, eignet sich bestens, um den Vorurteilen über die mangelnde Denkmalwürdigkeit der Nachkriegsmoderne Vorschub zu leisten. Und weil die Hochhäuser dieses bedeutensten Architekten West-Berlins in jenen Jahren zweifellos nicht seine besten Bauten sind, wird sich kaum jemand mit wutgeschwellter Stirn hinstellen und den Senat beim Abriss der Barbarei beschuldigen, wie es beim Ahornblatt geschah. Außerdem stehen sie im Westen Berlins, der Vorwurf des Kalten Architekturkrieges entfällt. Doch zeigt das Beispiel Dolff-Bonekämpers, wie vergleichsweise langsam selbst die Denkmalpfleger angesichts der aktuellen Umschlagzeiten auf dem Baumarkt sind. Man hat nicht mehr wie bei Kathedralen und Schlössern Jahrhunderte Zeit, um Qualität zu erkennen, sondern muss viel schneller reagieren, um der Nachwelt Zeugen unserer heutigen Kultur zu überliefern. Bevor wir gelernt haben, die Bauten zu lieben, werden sie schon beseitigt. Mancher Architekt und Denkmalpfleger fordert also weniger ein Streichen in den Denkmallisten als vielmehr das Nachdenken über eine Denkmal-Task-Force, die sich der bedrohten Bauten der Nachkriegszeit annimmt. Zumindest so lange, bis steigende Materialpreise wieder wie in vergangenen Jahrhunderten dafür sorgen, dass auch ohne staatlichen Denkmalschutz alte und ältere Häuser als materiell kostbar geschätzt werden - und nicht mehr Opfer der Wegwerfkultur werden.Am 22. 9. Diskussion in der Matthäikirche auf dem Kulturforum um 17.30: "Das Baumgartenhaus - Bauerhaltung ohne Denkmalschutz?" Teilnehmer sind Jörg Haspel, Horst Porath, Manfred Ortner, Dietmar Lucht, Karl-Heinz Hüter und Hans Stimmann.NIKOLAUS BERNAU Abstrakte Raum-Kompositionen: Das Fahrstuhlfoyer Paul Baumgartens.