Keiner hat das Prinzip Maritim-Hotel besser begriffen als Ulrich Köhler. Wer die verschüttete Schönheit und die versteckte Bedeutung der prägenden Bauten aus den frühen Jahren der heute global agierenden Hotelkette verstehen will, der muss sich nur Köhlers Film "Montag kommen die Fenster" von 2006 anschauen. Darin unternimmt die Protagonistin Nina einen vagen Ausbruchsversuch aus ihrem bürgerlichen Leben mit Mann und Kind im Moment seiner Verfestigung, auf den der Titel lakonisch anspielt. Auf ihrer bestimmungslosen Suche wandelt Nina durch einen Wald, aus dem plötzlich der wuchtige, aus der Zeit gefallene Betonquader des Maritim-Hotels Braunlage aufragt. Nina verirrt sich in den unüberschaubaren Gängen des Hotels und trifft auf den gealterten Tennis-Star Ilie Nastase, mit dem sie eine verhuschte Affäre hat.Das Maritim-Hotel Braunlage im Harz scheint für einen Film, der in und um Kassel spielt, ein nahe liegender Schauplatz zu sein. Tatsächlich hat Ulrich Köhler, wie er in einem Interview erzählte, landesweit nach dem Ort gesucht, der seinen Vorstellungen entsprach: ein neu eröffnetes Tennis-Hotel. Da Tennis an gesellschaftlicher Relevanz verloren hat, führte die Suche immer nur zu Anlagen mit gerade errichteten Reithallen oder Badmintonplätzen. Schließlich fand sich mit dem Maritim-Hotel Braunlage der Platz, an dem Tennis noch ein adäquater Sport sein konnte, weil das Hotel in seiner erratischen Größe selbst seine beste Zeit in den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren gehabt zu haben schien.Wenn hier vom Maritim-Hotel die Rede ist, sind damit nicht sämtliche Häuser des Unternehmens gemeint, das im Herbst sein drittes chinesisches und das 53. Hotel insgesamt eröffnen will. Ein ästhetisch besonderer Ort ist das Maritim-Hotel nur an den sieben Standorten aus den Anfangsjahren. Die Häuser in Timmendorfer Strand (Seehotel von 1969, Clubhotel von 1973), Bad Salzuflen, Gelsenkirchen, Kiel (alle von 1972), Travemünde (1973) und Braunlage (1974) haben den Begriff (ökonomisch gesprochen: die Marke) geprägt; angeblich soll sich der Name zusammensetzen aus der Lage des ersten Hauses: "mare" für Meer und "tim" von Timmendorfer Strand. In jedem Fall hat das erste Hotel die Grundlage für den Erfolg des Unternehmens gelegt, das 2010 einen Umsatz von 445,2 Millionen Euro erzielte.Die Geschichte des Maritim-Hotels lässt sich erzählen als spätes Kapitel des Wirtschaftswunders, als Erfolgsgeschichte eines großen Mannes. Darin erscheint Hans-Joachim Gommolla - 1921 im Spreewald geboren, Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg, Maschinenfabrikant in Bad Salzuflen, erstes Vermögen mit der Erfindung der Spanplatte, später im Bauträgergeschäft - als Visionär, der das Tagungshotel erfindet. 1969, als das Örtchen Timmendorfer Strand den Wunsch nach einem Kongresszentrum äußert. Das Geschäftsmodell ist auf Slogans reduzierbar ("Wohnen und Tagen unter einem Dach"), der neue Stil, den der Chef selbst mit seinem Mitgesellschafter und Architekten Günter Reinhardt entwirft, findet Nachahmer (Hotel Neptun in Warnemünde). Über Gommolla ist nicht viel bekannt, der Reichtum wird, wie bei anderen Unternehmerfiguren der Bundesrepublik, eher diskret genossen. Als er 1994 stirbt, übernimmt eine der beiden Töchter das Familienunternehmen, Monika, die bereits seit 1986 die Expansion in die innergroßstädtischen Lagen vorangetrieben hatte.Zu dieser Geschichte gehören auch die Proteste von Bürgerinitiativen gegen die gewaltigen Hotelbauten in kleinen Ortschaften und die kühnen Expansionsträume, die Mitte der Siebzigerjahre vermutlich nicht nur wegen des Geredes von Liquiditätsengpässen auf ein langsameres Wachstum heruntergebremst werden mussten. Ökonomisch nicht unwesentlich sind zudem die Aktivitäten der zum Unternehmen gehörenden, schon 1963 gegründeten Finanzbau-Gruppe, die in den Hotels sogenannte Residenzen verkauft: In Gelsenkirchen etwa wird nur einer der beiden Türme als Hotel genutzt. Die Belebung von geografischen Randlagen (Timmendorfer Strand, Travemünde, Braunlage) war nicht nur einem föderalen Sinn für die Entdeckung der touristischen Peripherie geschuldet, sondern maßgeblich den Steuervergünstigungen, die es seinerzeit für Investitionen in "Zonenrandgebieten" gab. Der selten glückliche Versuch der Übernahme vormaliger DDR-Interhotels in den Neunzigerjahren erzählt die Geschichte der deutschen Vereinigung gleich mit.Von heute aus betrachtet, macht die Entlegenheit der frühen Maritim-Hotels ihren ästhetischen Reiz aus. In einer Art Zirkelschluss sind die Maritim-Hotels in Timmendorfer Strand, Travemünde und Braunlage die bestimmenden "landmarks" der jeweiligen Gegend: Das Hotel ist immer Herberge und Attraktion zugleich. Bezeichnend dafür sind die Schwimmbäder in den Hotels von Timmendorfer Strand (das Clubhotel verfügt über ein 25-Meter-Becken, eine für Hotels ungewöhnliche Größe) und Travemünde, die das Meer vor der Tür überflüssig machen - oder zumindest den Tourismus unabhängig von der Sommersaison.Die Schwierigkeit für eine Annäherung aus der Gegenwart führt dem heutigen Besucher schon bei der Anreise die Ideenwelt einer versunkenen Epoche vor Augen. Maritim-Hotels rechnen nicht mit dem Zugreisenden, der den zumeist kurzen Weg vom Bahnhof zu Fuß zurücklegt. Das führt zu einer irritierenden Erfahrung: Zwar sind die Häuser von Ferne aus gut zu sehen, aber außer schwungvollen, auf leichte Anhöhen führende Autozufahrten ist kein Weg zu ihnen vorgesehen - und deplatzierter als auf einer Autozufahrt kann sich ein Fußgänger nicht fühlen. Also streunt man durch mal mehr (Stadtgarten Gelsenkirchen), mal weniger zivilisiertes Grün (Wald in Timmendorfer Strand und Braunlage), um seinen Zielort zu erreichen. Anders gesagt: Man sollte in Maritim-Hotels nur mit dem Auto reisen - auch um das gelungene Wechselspiel der Hochhäuser und ihrer minimalistisch geduckten Portiken mit Flachdach würdigen zu können. Im Clubhotel Timmendorfer Strand wird dem automobilen Zeitalter gar so konsequent gehuldigt, dass man in die Lobby des Hotels nur über den Fahrstuhl aus der ebenerdigen Garage gelangt. Das ist die pragmatische Lehre der Notaufnahme: Das Außen ist egal, weil sich sowieso alles im Innenraum abspielt.Die holzverkleideten Innenräume verströmen trotz zaghafter Modernisierungen noch immer den Geist ihrer Entstehungszeit. Hier findet die wohlständige Biederkeit der Bonner Republik ihren Ausdruck als Massengeschmack. Jenseits von Dienstreisen sind Adressaten einer solchen Umgebung nicht selten gut situierte, aber unspektakuläre Stammgäste in gesetztem Alter. Die Zeiten, als in Gelsenkirchen die Hotelbar im Kellergeschoss als "hot spot" des dortigen Nachtlebens firmierte, sind dem hedonistisch-wellnessaffinen Seniorenaktivismus der goldenen Generation aus den Jahren bundesdeutscher Fettlebe gewichen.Anders als die mittlerweile an ausländische Investoren verkaufte Steigenberger-Gruppe betreibt die Maritim-Kette ausschließlich Häuser der Vier-Sterne-Kategorie. Grand-Hotel-Exklusivität wird hier mit der Serialität von massentouristischen Bettenburgen versöhnt.Die dysfunktionalen Laufwege in den Häusern korrespondieren mit der kindlichen Begeisterung für eine spätfordistische Fabrikhaftigkeit, wie sie die Industriedarstellungen der "Sendung mit der Maus" anschaulich zu machen versucht haben: Um in Travemünde vom Zimmer ins Schwimmbad zu gelangen, muss man mit dem Fahrstuhl in die Lobby fahren, dort in einen anderen Fahrstuhl wechseln, eine Etage tiefer Fahrstuhl und Hotel verlassen, um an einer Pförtnerloge vorbei zu einem dritten Fahrstuhl zu gelangen, der eine n ins nochmals tiefer gelegene Schwimmbad bringt.Das Gefühl von großer, weiter Welt, das die Maritim-Hotels dem Besucher auf diese Weise vermitteln, ist in die Jahre gekommen. Nirgendwo wird die wohltuend behäbige Distanz zu allen hektischen Bemühungen, mit den Anforderungen der Zeit Schritt zu halten, besser erfahrbar als am Frühstücksbuffet, von dem es an mancher Stelle auch heißt, dass der Maritim-Gründer Gommolla es erfunden habe. Die Hysterisierung der Ernährungsgewohnheiten wird im Maritim-Hotel einfach ausgesessen. Käse gibt es reichlich, aber nur in zwei Varianten, die sich ungeachtet allen Wissens um die Feinheiten allein im Hartkäsesegment in Schnitt- und Weichkäse differenzieren lassen. Im Wurstsektor dominiert nicht die Klassik von italienischem Schinken und spanischer Salami, es regieren Mett- und Leberwurst, ergänzt um ein Angebot, das mit dem pragmatischen Wort Aufschnitt treffend beschrieben ist. Der Kaffee kommt in Kännchen.Mit dem Maritim-Hotel verhält es sich wie mit Ulrich Köhlers Film. "Montag kommen die Fenster" spielt zwar in der Gegenwart, ist aber ein zutiefst bundesrepublikanischer Film: Er erzählt den Versuch von Mittdreißigern, sich das bürgerlich-wohlständige Lebensmodell der Eltern unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen anzueignen. Das Maritim-Hotel ist der Genius loci dieser Geschichte. Der Genius loci der BRD, der heute noch erfahren werden kann.Gehen Sie im Travemünder Panoramarestaurant "Über den Wolken" im 35. Stock nur einmal auf die Toilette.------------------------------Foto: Ein Turmbau am Meer: das Maritim-Hotel Travemünde an der Lübecker Bucht.