PARIS. Sie sind hier nicht vorgesehen. Für Radfahrer ist an der Kreuzung vor dem Pariser Kaufhaus "Printemps" kein Platz. Das bisschen Asphalt dort reicht mit Mühe und Not, um Autos auf fünf Fahrspuren ohne Schrammen aneinander vorbeizulotsen.Aber sie sind eben doch da. Auf klobigen, perlmuttgrauen Stahlrössern schieben sie sich zwischen die Blechkolonnen. Diejenigen, die so ein 22 Kilogramm schweres Zweirad-Ungetüm dirigieren, hätten allen Grund zur Nervosität. Doch sie scheinen nicht von dieser Welt. Ein seltsam entrücktes Lächeln tragen sie zur Schau, als wollten sie sagen: Seltsam, es funktioniert, in dieser im Vergleich zu Amsterdam oder Berlin an Radwegen armen Stadt kommt man vom Fleck, indem man einfach in Pedale tritt.Ein paar Kilometer weiter östlich sitzt der Pariser Bürgermeister, Bertrand Delanoe, im Rathaus und lächelt ebenfalls. Er ist es schließlich gewesen, der das bisher verschmähte, CO2-freie Fortbewegungsmittel unter die Leute gebracht hat. Im Kleinen hat der sozialistischen Bürgermeister angezettelt, wovon der rechtsbürgerliche Staatschef Nicolas Sarkozy träumt: eine grüne Revolution, einen Bewusstseinswandel.Früher nur für LebensmüdeMitte Juli richtete der Bürgermeister 750 Stationen mit insgesamt 10 648 Mietfahrrädern ein. "Vélib", heißen sie, was für vélo libre-service steht, für freien Fahrradservice. Keine vier Monate später gilt das in Paris lange Zeit mit Lebensmüdigkeit in Verbindung gebrachte Verkehrsmittel als "très chic." Bis Jahresende sollen 700 Stationen und weitere 10 000 Räder hinzukommen. Wer in Paris etwas auf sich hält, steckt die Kreditkarte in den Schlitz des Vélib-Automaten, löst für 29 Euro ein Jahres- oder auch für einen Euro ein Tagesabonnement.Für Jacques ist es das erste Mal. Ein Termin war geplatzt, das Fenster der Gelegenheit stand auf einmal weit offen. Der Jurist ist entsprechend aufgeregt. Der 33-Jährige dreht unter den Platanen am Place de la Madelaine eine Proberunde. Die kurze Schlingerfahrt sieht nicht eben danach aus, als sei sie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Fahrer und Fortbewegungsmittel. Als er zurückkehrt, trägt aber auch er dieses entrückte Lächeln auf dem Gesicht. Schweißtropfen glitzern auf seiner Stirn, die Wangen sind gerötet. "Das ist ja super", sagt er, "wie Kajakfahren, zwar riskant, aber so richtig befreiend." Auf den 13. November freut er sich, den Beginn eines unbefristeten Eisenbahnerstreiks. Alle Räder mögen dann stillstehen, seine nicht.Jacques ist nur ein Anfänger von vielen. Von morgen an bis zum 15. Dezember bieten die Stadt und drei Vereine Fahrradkurse an. Das scheint um so dringlicher, als bereits das erste Todesopfer zu beklagen ist. Ein Lastwagenfahrer hatte Mitte Oktober einen im toten Winkel fahrenden Radler nicht gesehen und überfahren. Die Stadt hat reagiert. Auf 2 200 Plakaten informiert sie über den verkehrsgerechten Umgang mit Lkw. Zum Blickkontakt mit dem Lastwagenfahrer fordert sie auf, warnt davor, sich auf gleicher Höhe zu halten oder rechts zu überholen.Wobei zur Sicherheit auch beitragen dürfte, dass es in Paris mittlerweile so viele Radfahrer gibt. Der Autofahrer rechnet mit ihnen. Sie verfolgen ihn sogar noch im Traum. Was einige schon wieder zum Klagen bringt: Die Popularität der Mieträder, der Bau von Radwegen, die Reduzierung des Raums für Autofahrer hätten in Paris "kafkaeske Zustände" hervorgebracht, sagt der Stadtarchitekt Nicolas Nahum.Der Unfall hat dem Fahrrad-Boom jedenfalls nichts anhaben können. Zu den Mieträdern gesellen sich immer mehr Privaträder. Wer durch Paris schlendert, stößt überall auf sie. Sie stehen nämlich im Weg. Da die Stadt für sie keine Stationen ausgewiesen hat, docken die Besitzer an, wo es eben geht, an Laternenmasten, Metrogeländern, Kastanienbäumen oder Halteverbotsschildern. Fast alles, was gen Himmel ragt, lässt sich mit ein bisschen Fantasie zum Anketten eines Rades verwenden.Auch Pannenhelfer gibt es schon. Nach dem Motto: Das Wichtigste zuerst, hat der Sportartikelanbieter Decathlon gleich am Haupteingang eine Fahrradwerkstatt eingerichtet. Wer einen platten Reifen hat, bekommt hier für fünf Euro einen neuen Schlauch eingesetzt.Chanel-Modell für 8 900 EuroAber nicht nur die Zahl der Fahrräder, auch ihr Prestige wächst. Das "Vélo" beginnt das Auto als Statussymbol abzulösen. Chanel wird demnächst ein Fahrrad für 8 900 Euro anbieten. Ende Januar soll das vornehmlich aus Aluminium und Leder gefertigte Rad in der Rue Royale im Schaufenster stehen.Im Hotel Meurice, wo Berühmtheiten wie die Schauspielerin Juliette Binoche abzusteigen pflegen, tänzelt Aurélie Andrieux über Marmorfliesen. Die Sprecherin des Hauses schwärmt von fünf für die erlesene Klientel bereitgestellten pistaziengrünen Luxusfahrrädern mit Einkaufskorb oder Shoppingtaschen. Die Nachfrage sei groß. Eine Stadtrundfahrt auf zwei Rädern sei schließlich "die coolste Art, Paris zu erkunden". Vincent Grégoire, Mitarbeiter des Life-Style-Büros, pflichtet bei. Wer sich aufs Rad schwinge, sagt er, fordere öffentlich eine gewisse Freiheit für sich ein, oute sich als Spielertyp.Wenn es gilt, sich auf zwei Rädern zwischen Autokolonnen voranzuarbeiten, mag Jacques noch hinzulernen müssen. Aber das Bewusstsein, dass er auf dem Sattel "branché" ist, sprich: auf der Höhe der Zeit, das hat er schon entwickelt. Wie er da mitleidig lächelnd in das Cabrio hinabschaut, dessen Fahrer dem sonnigen Herbsttag zu Ehren das Verdeck zurückgeklappt hat, das kann sich sehen lassen.------------------------------Kurze Ausleihzeit erwünschtDas ganze Stadtgebiet von Paris ist mit einem dichten Netz von Ausleihstationen überzogen. Ihre Zahl soll bis zum Jahresende auf fast 1 500 steigen, sie sind dann in einem Abstand von etwa 300 Metern verteilt.Zum Ausleihen braucht man entweder eine "Carte Vélib", die ein Jahr gültig ist und 29 Euro Grundgebühr kostet oder ein 1-Tages-Abo für einen Euro. Die ersten 30 Minuten jeder Fahrstrecke sind kostenfrei. Die folgende halbe Stunde kostet einen Euro, nach der zweiten halben Stunde kommen zwei Euro hinzu, nach der dritten halben Stunde zusätzlich vier Euro.Die Tarife sind so angelegt, dass die Fahrräder für möglichst kurze Zeit ausgeliehen werden. Das soll eine möglichst große Verfügbarkeit sichern.------------------------------Karte: Nicht nur im Zentrum, auch im Rest von Paris gibt es so viele Leihstationen.------------------------------Foto: Praktischer Klimaschutz auf den Straßen von Paris: die grauen "Vélib"-Leihfahrräder.