In der Nacht vor der Eröffnung ging ein schweres Gewitter über Brühl nieder. Ein Blitz zerstörte sogar das große Transparent, auf dem in Riesenbuchstaben der Name von Max Ernst geschrieben stand - Ausdruck göttlicher Missbilligung? Die Stadtväter wollten schon alles wieder absagen und erlebten schließlich eine ärgerliche finanzielle Pleite. Sie tobten, und schickten den Verantwortlichen zur Strafe ins Gefängnis. So endete im Jahre 1951 die erste große Max-Ernst-Ausstellung, die die allzu provinzielle Heimatstadt des weltberühmten Surrealisten in den damals noch ruinösen Räumen von Schloss Augustusburg ausgerichtet hatte.Die Schilderung dieser Ereignisse verdanken wir Max Ernst selbst. Den "Mangel an Eleganz", den er seiner kleinkrämerischen Heimatstadt vorwarf, konnte er nur schwer verwinden. Das Meisterwerk "Die Geburt der Komödie" (1947), das der Künstler seiner Heimatstadt geschenkt hatte, wurde von dieser schleunigst und zum Dumpingpreis verscherbelt. Es dauerte fast zwanzig Jahre, bis sich der Ärger Max Ernsts allmählich legte; auch die ihm angetragene Ehrenbürgerschaft wollte er nicht annehmen.Die "Geburt der Komödie" ist nun wieder nach Brühl zurückgekehrt, als Leihgabe für die Eröffnungsausstellung des neuen Max- Ernst-Museums im ehemaligen "Brühler Pavillon". In diesem klassizistischen, 1844 errichteten Gebäude hat sich wohl auch der junge Max Ernst amüsiert: es diente lange Zeit als Vergnügungslokal für Ausflügler und Tänzer. Die Wahl gerade dieses Ortes für das erste Max Ernst gewidmete Museum (Baukosten 14 Millionen Euro, 10 Millionen zahlte das Nordrhein-Westfalen) erscheint um so trefflicher, denn in Brühl gibt es nicht viele Orte, die im Ruch der Verwegenheit stehen.Auch mit den Architekten Thomas van den Valentyn und Seyed Mohammad Oreyzi hat die Stiftung Max Ernst Museum einen guten Griff getan. Einen Mangel an Eleganz wird man hier gewiss nicht finden. Der Rückbau der klassizistischen Dreiflügel-Anlage auf ihre originale Gestalt und auf ihre - weitgehend - ursprüngliche Raumfolge ergibt über zwei Geschosse eine schöne Serie von unterschiedlich großen, dezent gestalteten Sälen mit einer Gesamtfläche von fast tausend Quadratmetern. Auch der neugebaute Pavillon, der sich zwischen die Seitenflügel des Altbaus schiebt, überzeugt durch seine kühle, unaufdringliche Reserviertheit. Die filigrane Stahl-Glas-Konstruktion führt den Besucher vom Foyer ins Untergeschoss, wo vor allem die große Halle für Wechselausstellungen durch ihre vom Tageslicht durchhellte Gestalt erstaunt.Doch vieles bleibt im Vagen, nachdem schon im Vorfeld der Eröffnung angebliche Feuchtigkeitsschäden an der Bausubstanz und vor allem die fristlose und nebulöse Kündigung der Museumsdirektorin für Aufsehen und Verwirrung sorgten. Weder ein konkretes Programm noch eine neue Leitung wurden bislang bekannt. Die Träger der Stiftung und des Museums - die Stadt Brühl, die Kreissparkasse Köln und der Landschaftsverband Rheinland - treten vor allem mit großen Worten über das Erreichte und ebenso hochgestimmten wie ungefähren Zukunftsvisionen hervor.Statt etwa darüber zu berichten, ob und wie die Sammlung erweitert werden soll, delektiert man sich daran, den Namen Brühls nun endlich in eine Reihe mit Paris, New York und London stellen zu können. Für ein ehemaliges Tanzlokal mag eine solche Volte vielleicht nicht zu verwegen sein. Für ein Museum in einer Kleinstadt, die Touristen bislang nur ins Schloss Augustusburg locken konnte, kommt es einem Salto mortale gleich, kein Konzept dafür zu haben, wie man sich dauerhaft Aufmerksamkeit verdient.Im Moment jedoch bietet die von Werner Spies eingerichtete Eröffnungsausstellung einen spannenden Parcours durch das Lebenswerk des epochalen Künstlers. Ihre bestechende Qualität gewinnt sie allem aus der Kennerschaft dieses omnipräsenten Spiritus Rector des Museums und aus seinen bewährten Kontakten zu Leihgebern in aller Welt. Ein Großteil der Gemälde, die nun zur Eröffnung das Museum schmücken, Raritäten und Hauptwerke darunter, gibt nur ein zeitlich befristetes Gastspiel in Brühl, als flüchtige "Botschafter der Freundschaft", wie sie Spies nennt.Zur eigentlichen Sammlung des Museums gehören, neben einem Konvolut von Frühwerken, Dokumenten und zahlreichen Fotografien aus dem Besitz der Stadt Brühl, im wesentlichen 60 Skulpturen aus dem Nachlass des Künstlers - sein privates "Haustheater" - und rund 700 Grafiken aus der Sammlung Schneppenheim. Außerdem wurden jüngst noch aus dem Besitz Dorothea Tannings 36 "D-Paintings" erworben: alljährliche und ganz persönliche Liebesgaben des Künstlers.Nun kann man gewiss in den grafischen Arbeiten Max Ernsts, vor allem seine Collagenromane als wahre Meilensteine des Surrealismus, den vielleicht bedeutendsten Werkblock des Künstlers sehen, und auch das Brühler Konvolut der Skulpturen besticht zumindest durch seine Provenienz. Auf Dauer allerdings dürfte dieser Bestand für ein Museum mit dem Anspruch auf internationale Anziehungskraft doch zu bescheiden sein. Max Ernst hat man einst verschmäht in Brühl, als Paradiesvogel aus der großen weiten Welt will man ihn jetzt wieder einfangen. Aber ob er hier wirklich noch einmal heimisch wird?------------------------------Foto: Elegant zurückgebaut auf ihre originale Gestalt: die klassizistische Dreiflügel-Anlage des Max-Ernst-Museums.