Vor zweihundert Jahren, am Weihnachtsabend 1801, fuhr ein seltsames Gefährt dampfend, fauchend und zischend ganz von selbst einen Hügel der englischen Grafschaft Cornwall hinauf - ohne Pferde. Einige zunächst ängstliche Zuschauer sprangen im Vertrauen auf den Konstrukteur Robert Trevithick auf das Dampfauto auf und fuhren mit. Doch der Spaß endete rasch. Der Dampf des "Kraftwagens" reichte nicht für den ganzen Weg, und so schoben die Passagiere die so genannte "Lokomobile" zurück in einen Schuppen im Ort. Beim Gänsebraten unterhielt man sich anschließend im benachbarten Gasthaus über die Sensation. Derweil machte "Dick s Feuerdrachen" seinem Namen alle Ehre: Unbemerkt verdampfte das letzte Wasser in der Lokomobile, der Kessel begann zu glühen. Richard Trevithicks erstes Dampfauto brannte mitsamt Schuppen ab.Der 30-jährige Mineningenieur ließ sich nicht entmutigen. Er konstruierte einen leichteren, gleichmäßiger laufenden Dampfwagen, den er bereits 1802 in den Hügeln um den Ort Camborne testete. Schon früh hatte Trevithick versucht, die riesigen Niedrigdruck-Dampfmaschinen von James Watt zu verbessern, die damals stationär in Webereien und Bergwerken verwendet wurden. Wegen ihres Gewichts und ihrer Ausmaße mussten sie in gemauerte Dampfmaschinenhäuser eingebaut werden. Trevithick schwebte eine völlig neue Technologie vor: eine kleinere, leichtere, billigere und einfacher zu bedienende Hochdruck-Dampfmaschine, die Fahrzeuge antreiben könnte. Watts Maschinen waren auf ein bis zwei Atmosphären Überdruck ausgelegt, Trevithick wollte den Dampfdruck auf mehr als vier Atmosphären erhöhen. Um das zu erreichen, entwickelte er ein neues Feuerungssystem. Statt genieteter Kessel aus Blech zu benutzen, wie sie James Watt verwendete, entwarf Trevithick Kessel aus Gusseisen. Er vergrößerte außerdem die Kontaktfläche zwischen den heißen Feuerungsgasen und dem Kesselwasser, indem er ein schmiedeeisernes Flammrohr mitten durch den Kessel führte. Das verbesserte die Verdampfung des Wassers, erhöhte den Dampfdruck und damit die Leistung erheblich. 1797 baute er einen kleinen Versuchswagen, der auf einem Tisch umherfuhr. Doch als Trevithick Maschinen in Originalgröße baute, bereitete der überhitzte Dampf immer wieder große Probleme: Das spröde Gusseisen brach unter dem hohen Druck. Das festere Schmiedeeisen, das er anschließend verwendete, ließ sich beim Kesselbau zunächst nicht völlig dicht nieten. Das zum Abdichten verwendete aufgelöste Tauwerk verbrannte. Trevithick und eigens angelernte Hilfsarbeiter verschmierten körbeweise Pferdemist mit Kleie auf die Kesselnähte - mit mäßigem Erfolg. Es kam zu Unfällen. Der Konkurrent James Watt wandte sich sogar ans Parlament, um diese gefährliche Technik verbieten zu lassen. Dabei leiteten ihn auch wirtschaftliche Motive: Watt besaß seit 1775 ein Patent auf Hochdruck-Dampfmaschinen, hatte diese Entwicklung aber selbst nicht weiter verfolgt. Trevithicks Traum, die Dampfmaschine mobil zu machen, erfüllte sich in England zunächst nicht. Zwar zog im Jahr 1804 eine auf Schienen gesetzte Lokomobile - also die erste Lokomotive - fünf Monate lang zuverlässig eine Grubenbahn mit zehn Tonnen Ladung durch ein walisisches Bergwerk. Doch die damals verwendeten Gusseisenschienen waren für solche Lasten nicht geeignet, sie zerbrachen. Die Lok verrichtete dann als stationäre Betriebsmaschine noch jahrzehntelang ihren Dienst. Einer "Erlebnisbahn" ging es 1808 in London nicht viel anders. Sie beförderte gegen Eintritt die wenigen mutigen Besucher in einem Personenwagen auf einer Kreisbahn von sechzig Meter Durchmesser.Auf großes Interesse stieß die neue Technologie in Peru. In den hoch in den Anden gelegenen Silberminen erwiesen sich die Watt schen Dampfmaschinen als ungeeignet zur Bergwerksentwässerung - und zwar auf Grund des geringen atmosphärischen Drucks. Doch Trevithicks Hochdruck-Maschinen bestanden alle Tests. 1814 ließ er neun Maschinen und drei Ingenieure nach Lima verschiffen. Zwei Jahre später folgte Trevithick seinen Maschinen und wurde sogar vom spanischen Vizekönig empfangen. In den langjährigen Befreiungskriegen von 1820 an aber zerstörten spanische Truppen die Maschinen und Trevithick musste flüchten.Als er nach elf abenteuerlichen Jahren nach England zurückkehrte, hatten sich dort seine Hochdruck-Maschinen durchgesetzt, unter anderem wegen der Entwicklung der Eisen- und Schmiedetechnologie im Kesselbau. Trevithick wurde in Cornwall als Held gefeiert, war jedoch bettelarm. Die durch seine Erfindung reich gewordenen Grubenbesitzer zahlten ihm nicht einen Penny, auch weitere Tüfteleien brachten ihm nichts ein. Als Trevithick am 22. April 1833 starb, sammelten Freunde für ein Armenbegräbnis in einem anonymen Grab. In seiner Heimat Cornwall ist Trevithick bis heute nicht vergessen. Jedes Jahr im April feiert ihn die Stadt Camborne mit einer Dampfmaschinenparade. Im Jubiläumsjahr 2001 war ein originalgetreuer Lokomobile-Nachbau dabei. Die Maschine überwandt zunächst alle Sicherheitsbedenken der örtlichen Behörden. Und dann, ohne Probleme, die Camborne Hills.ULLSTEIN Mit Dampfantrieb überwandt Richard Trevithick erfolgreich die Hügel von Camborne in Cornwall. Die historische Schnittzeichnung lässt am Heck den Kessel mit innenliegendem Zylinder erkennen. Die Maschine treibt über Stangen und Zahnräder die über zwei Meter großen Hinterräder an.

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