Fernsehen ist seit der Kirch-Pleite ein bisschen grauer geworden, auch wenn die Kirch-eigenen Programme wie Pro Sieben oder Sat 1 unbeirrt weiter senden. Ein paar der kurzweiligsten, witzigsten Sendungen des Fernsehens sind verschwunden: Barbara Schönebergers Talkshow "Blondes Gift" beispielsweise, das "TV Quartett" mit Hella von Sinnen, Wigald Boning, Roland Baisch und Hugo Egon Balder. Die Sendungen wurden für die insolvente Kirch Media produziert - von der Müncher Entertainment Factory, eine unabhängige Produktionsfirma, die wie unzählige andere Kirch-nahe Unternehmen nun ums Überleben kämpft.Die Entertainment Factory lieferte das Programmpaket "Sun TV" an die Kirch Media, die die Shows auf den konzerneigenen Lokalsendern TV.Berlin, tv.münchen und Hamburg 1 abspielte. Obwohl die Verluste dieser so genannten Ballungsraumsender von geschätzten 20 Millionen Euro im Jahr angesichts des Kirch-Schuldenberges von zehn Milliarden Euro wie Peanuts aussehen, stehe der Lokalfunk auf der Streichliste ganz oben. Der Grund: Mehrere Studien attestieren dem lokalen Fernsehen mangels Werbegeldern eine magere Zukunft. Kirch Media will das geldverschlingende Ballungsraumfernsehen möglichst schnell verkaufen. Mit Interessenten in Hamburg wird verhandelt, TV.Berlin hat Insolvenz beantragt. Bei TV München wollen die Wiener Bau-, Internet- und Fernsehunternehmer Hanno und Erich Soravia 40 Prozent der Anteile übernehmen. Wer will "Woschs Woche"?So war es kein Wunder, dass der Insolvenzverwalter Wolfgang van Betteray und Kirch-Manager Fred Kogel den Entertainment-Factory-Chef Oliver Mielke zum Gespräch einluden und sofortigen Lieferstopp verordneten. Seitdem ist die Stimmung in der Stadtvilla im beschaulichen Münchner Vorort Pullach, wo die kleine Produktionsfirma ihren Sitz hat, düster. "Blondes Gift", "TV Quartett", "Woschs Woche" - alles wurde erst mal auf Eis gelegt. Ein Drittel der Mitarbeiter musste entlassen werden, die Künstler wurden vertröstet. Wie andere Produktionsfirmen hing auch die Entertainment Factory am Tropf des Kirch-Imperiums. Immerhin trug das Programm-Paket "Sun TV" nach eigenen Angaben 95 Prozent zum Umsatz bei. Die restlichen fünf Prozent lieferte die "Bullyparade", die Mielke, damals noch Unterhaltungschef bei Pro Sieben, 1996 mit Michael Herbig gestartet hat.Jetzt bemüht sich das Pullacher Unternehmen, an dem Leo Kirch mit 25 Prozent beteiligt war, dem Eindruck entgegenzutreten, sie sei ein Anhängsel des gestürzten Imperiums. Mit der Pleite will keiner in Verbindung gebracht werden. In einem Tauschgeschäft bekam die Entertainment Factory den Kirch-Anteil zurück - und erließ Kirch die ausstehenden Rechnungen von zwei Produktionsjahren. Jetzt gehört die Entertainment Factory wieder zu hundert Prozent Oliver Mielke. Was die Zukunft nicht sicherer macht. Mielke hat für die Frage, was denn die Kirch-Krise für unabhängige Produktionsfirmen bedeutet, nur bitteren Spott: "Sehr viel Spaß!"Derzeit verhandelt Mielke mit anderen Sendern. Über die Shows der Entertainment Factory rümpft mancher die Nase: Sie werden zu Schleuderpreisen produziert, eine Sendeminute kostete nach Schätzungen von Experten zwischen 1 000 und 2 000 Mark. Zum Vergleich: eine Minute des RTL-Magazins "Explosiv" verbraucht etwa 5 000 Mark. So sahen die Sendungen auch aus: Schnäppchenmarkt-Deko, Studios so groß wie Abstellkammern, kaum Außendrehs. Trotz der geringen Mittel hatten die Unterhaltungsshows einen eigenen Charme: Trash auf höchstem Niveau. Fernsehen für die Post-Viva-Generation, die mit Filmen in Heimvideo-Qualität und ironischer Selbstdistanz groß geworden ist. Wenn Barbara Schöneberger, ganz widerspenstiger Männertraum, in ihrer Talkshow "Blondes Gift" charmant Bosheiten verspritzte und mit Appetit Schweinebraten mit den Gästen verzehrte, sah man sogar C-Prominente gerne. Auch Fernseharbeiter, die von anderen Sendern ausrangiert wurden, wie Hella von Sinnen oder Wigald Boning, konnten im schönen Pullach in der Übung bleiben.Wie es mit der Entertainment Factory weitergeht, wird davon abhängen, ob andere Sender die "Sun TV"-Formate übernehmen wollen. Einen Erfolg konnte Oliver Mielke verbuchen: Ausgerechnet das humor-arme ZDF übernimmt die "WIB-Schaukel" mit Wigald Boning. In der Sendung eifert der frühere "RTL Samstag Nacht"-Star Margret Dünser ("VIP-Schaukel") nach und begleitet jeweils einen Tag lang einen Promi. Bisher war es meist lustig, selbst wenn er mit Spaß-Leichtgewichten wie Anja Kruse oder Andreas Elsholz sprach. ZDF-Unterhaltungschef Manfred Teubner gerät geradezu ins Schwärmen: "Die ,WIB-Schaukel hat mich von Anfang an amüsiert." Zehn Sendungen nimmt das ZDF ab, ein genauer Termin steht noch nicht fest.BERLINER ZEITUNG/CHRISTIAN SCHULZ Wigald Boning hat schon ein neues Zuhause gefunden: Das ZDF kaufte zehn Sendungen seiner "WIB-Schaukel".