Am Anfang war die Trauer über den Verlust. 700 000 Manuskripte soll dereinst die Bibliothek von Alexandria besessen haben - das gesamte schriftlich aufgezeichnete Wissen der antiken Welt. Als Julius Cäsar 48 v. Chr. die Stadt eroberte, brannte die Bibliothek zum ersten Mal, große Teile des Bestandes wurden ein Raub der Flammen. Der immer noch bedeutsame Rest wurde im Serapis-Tempel gelagert. Gut 300 Jahre später, als der Patriarch Theophilos den Tempel schleifen ließ, verbrannte alles, was von der sagenhaften Bibliothek noch übrig war.Geblieben ist der Mythos. Die Ägypter lieben Mythen über alles. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis der Gedanke an einen Neubau der Bibliothek Gestalt annahm. 1973 ließ die Universität von Alexandria erste Studien anstellen, 1985 wurde ein Grundstück gekauft, und am 26. Juni 1988 legte Ägyptens Präsident Hosni Mubarak den Grundstein für das Projekt. Die First Lady, Suzanne Mubarak, übernahm die Schirmherrschaft, und eigentlich sollte, nach mehreren geplatzten Terminen, am 23. April die feierliche Eröffnung stattfinden. Mit Hinweis auf die politische Lage im Nahen Osten indes sagte Mubarak vorerst ab. Das Vorgehen Israels in Palästina, hieß es, lasse den festlichen Akt derzeit "unangemessen" erscheinen. Ob er irgendwann stattfindet, steht in den Sternen. Ebenso ist auch eine "sanfte" Eröffnung denkbar, die einzelne Teile der Bibliothek in Betrieb setzt, während an anderen weitergebaut wird.Unterdessen haben die Einwohner von Alexandria Zeit, sich an das Bauwerk am Mittelmeerstrand zu gewöhnen. Und gewöhnungsbedürftig ist es allemal. Zeitungsartikel vergleichen den Bau respektlos mit einer in den Boden gerammten Konservendose oder einem überdimensionalen Mikrochip. Poetische Gemüter erinnert er an die aufgehende Sonne, andere eher an ein unsanft gelandetes Ufo. Was auch immer, auffällig und einprägsam ist das Gebäude. Ein rundes Dach von 160 Meter Durchmesser steigt von einem Wasserbassin aus 32 Meter in die Höhe, durchsetzt mit 120 Fenstermodulen, durch die indirektes Licht in die Lesesäle strömt. Die Gesamtfläche der Bibliothek von 76 000 Quadratmetern verteilt sich auf elf Etagen, sechs ober- und fünf unterirdisch. In die Außenhaut aus grauem Assuan-Granit gemeißelt, erinnern Schriftzeichen und Symbole an Tausende von Jahren Sprachgeschichte. Im Innern dominiert die schnörkellose Architektur der Moderne. Der Entwurf stammt vom norwegischen Architektenbüro Snohetta, das u.a. für den Bau der Nordischen Botschaften in Berlin verantwortlich zeichnete.Der gesamte Bibliotheksneubau kostet rund 200 Millionen Dollar, wovon gut die Hälfte aus Spenden stammt. Alle wollen sie ihren Anteil haben am Glanz, den der wiedererweckte Mythos verbreiten soll: arabische Scheichs und europäische Regierungen, Saddam Hussein und die Unesco - und natürlich der ägyptische Staat sowie insbesondere sein Präsident.Die 14-jährige Bauzeit reichte aus, um den alten Erzählungen über die Bibliothek neue hinzuzufügen: vom angeblich fehlenden Geld, um Bücher zu kaufen, von den Baggern, die um ein Haar altgriechische Mosaiken weggepflügt hätten, von kostbaren Folianten, die in letzter Minute noch auf einem Trödelmarkt gekauft werden konnten, nachdem andere schon für horrende Summen in Pariser Antiquariaten angeboten wurden. Rund 3 000 bibliophile Raritäten präsentiert die Bibliothek inzwischen, darunter ein 1575 erschienenes Werk über die deutsche Geschichte und drei Originalausgaben der berühmten "Discription de Egypte", mit der die Forscher im Gefolge Napoleons die Schätze des Landes am Nil in Europa bekannt machten und die moderne Ägyptologie begründeten.Die Ägypter gehen mit ihrer Geschichte oftmals eher achtlos um. Das antike Alexandria war eine Weltstadt, das heutige ist eher ein größeres Provinznest, das sich bemüht, mehr zu scheinen als es ist. Am schmalen Badestrand, direkt vor der Bibliothek, liegen Cola-Dosen und Plastiktüten, die lange Mole ist militärisches Sperrgebiet. Die zaghaften Versuche, einige der einstmals prächtigen Fassaden der Villen und Paläste mit Meerblick zu restaurieren, ersticken im Grau der Autoabgase. Und nur eine oder zwei Querstraßen von der Prachtstraße entfernt geht der Anblick endgültig vom weltläufigen Pomp in den ägyptisch-arabischen Alltag über: Zwischen Marktständen mit Artikeln zweiter und dritter Wahl schieben sich sinnlos hupende Autos achtlos an den antiken Stätten einstigen Ruhms vorbei. Zwar ist Alexandria mit knapp sechs Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Doch stets fühlten sich die Alexandriner zurückgesetzt gegenüber der dreimal so großen Metropole Kairo. Auch die Touristenströme fließen eher zu den Pyramiden von Giseh oder den Tempeln von Luxor und gehen größtenteils an der Hafenstadt vorbei. Das soll sich mit der Wiederbelebung des antiken Mythos ändern. Alexander der Große, die Ptolemäer, Cäsar und Cleopatra, der Leuchtturm von Pharos, eines der sieben Weltwunder der Antike - und nun die Bibliothek. Im vorigen Sommer wurde symbolisch das erste Buch in die Regale gestellt - der Koran, inzwischen schwanken die Angaben über den Buchbestand zwischen 200 000 und 400 000. Nicht unbedingt viel für eine Einrichtung, die für acht Millionen Bände Platz hat.Bibliotheksleiter Ismail Serageldin ist bemüht, Zweifel zu zerstreuen: "Das Anliegen der antiken Bibliothek war es, so viele Bücher wie möglich zu sammeln. Wir wollen dagegen das bei uns vorhandene Wissen so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen." Man habe sich intensiv mit der Frage auseinander gesetzt, wie eine Bibliothek im 21. Jahrhundert aussehen muss. Braucht es im Internet-Zeitalter noch solche Einrichtungen? Und wenn ja: Was müssen sie den Nutzern anbieten? Gewiss: Die "Bibliotheca Alexandrina" beschränkt sich nicht auf Lesesäle und Bücherregale. Ein Kongresszentrum, spezielle Bibliotheken für Blinde, für Kinder und Jugendliche, drei Museen sowie Restaurationswerkstätten gehören zu der Einrichtung, ebenso das neue kugelförmige Planetarium. Zudem versteht sich die Bibliothek als Begegnungszentrum der Kulturen, als eine Brücke zwischen Europa, dem Nahen Osten und Afrika. "Auch darin folgen wir dem antiken Vorbild", sagt Serageldin. "Die alte Bibliothek war nicht nur Schriftensammlung, sondern ein Ort der Musen, der Künste und Wissenschaften, des geistigen Austausches."Für ein Land, in dem Pressezensur und Bücherverbote ebenso wie die Gängelung eines freien Meinungsstreits noch immer trauriger Alltag sind, formuliert der ehemalige Vizepräsident der Weltbank damit einen hehren Anspruch. Einen zeitgemäßen Verbündeten für sein Anliegen fand der Ägypter immerhin in Brewster Kahle, dem Gründer des "Internet Archive (IA) of California". Diese seit 1996 bestehende Einrichtung hat sich nicht mehr und nicht weniger auf die Fahnen geschrieben als die komplette Archivierung aller öffentlich zugänglichen Internet-Webseiten. Mit zehn Milliarden Seiten umfasst die Sammlung derzeit dreimal mehr als die Bücher der weltgrößten Buchsammlung, der Kongressbibliothek in Washington. Eine Kopie des Ia-Bestandes stiftete Kahle der Bibliothek in Alexandria, hinzu kommen noch rund 2 000 Stunden ägyptische und amerikanische Fernsehsendungen sowie 1 000 ebenfalls digital archivierte Filme - insgesamt 100 Terabytes - das ist eine Eins mit 14 Nullen - an Daten, gespeichert in 200 speziellen Computern. "Digitale Texterfassung", sagt Kahle, "ist das neue Papyrus. Mich hat die Idee fasziniert, den Geist der alten Bibliothek von Alexandria für unsere Zeit neu zu beleben." Über die Homepage der Bibliothek (www.bibalex.org) ist der Kontakt zum amerikanischen Partner schon heute möglich. Die übrigen Seiten vertrösten den Interessenten größtenteils noch mit dem Hinweis: "Sorry, this part is under construction."Die 14-jährige Bauzeit reichte aus,um Erzählungen über die Bibliothek neue hinzuzufügen: vom fehlenden Geld, um Bücher zu kaufen, von kostbaren Folianten, die in letzter Minutex auf dem Trödelmarkt erstanden wurden.Foto:ISABEL MAHNS-TECHAU Alexandrias Neue Bibliothek am Mittelmeerstrand. Der Entwurf stammt vom norwegischen Architektenbüro Snohetta.