NEW YORK. Jede politische Bewegung hat ihren Gründungsmythos und derjenige der Tea Party geht so: Am 19. Februar dieses Jahres konnte Rick Santelli, der Finanzreporter des Fernsehsenders CNBC, auf dem Parkett der Chicagoer Börse seine Emotionen nicht mehr im Zaum halten und brach vor den Brokern in eine feurige Rede aus. "Die Gründerväter dieser Republik würden sich im Grab umdrehen, wenn sie sähen, was mit diesem Land passiert", wetterte er gegen die geplanten Konjunkturpakete der Regierung von US-Präsident Barack Obama und erntete dafür laute Anfeuerungsrufe. "Ich lade alle Kapitalisten ein, am Nationalfeiertag, dem 4. Juli, an die Ufer des Lake Michigan zu kommen und wie unsere Vorfahren bei ihrem Aufstand gegen die britische Krone eine Tee-Party zu veranstalten", rief Santelli, von der Zustimmung befeuert und im vollen Schwung seiner eigenen Entrüstung , der Makler-Meute zu.Innerhalb weniger Tage nach Santellis Ausbruch, so geht der Mythos, sprangen Millionen von Amerikanern von ihren Schreibtischen und Sofas auf und gingen auf die Straße, um gegen die Übergriffe Obamas auf die Privatwirtschaft zu demonstrieren, die sie als Einschränkung der geheiligten amerikanischen Individualrechte betrachteten. Das Volk hatte begonnen, sich Amerika zurückzuholen.Natürlich war es nicht ganz so, die Tee-Party, die konservative Sammlungsbewegung rechts von den Republikanern, hatte viele Ursprünge zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten. Im Rückblick ist dieser Moment allerdings auch gar nicht so sehr als Geburtsstunde der rechten außerparlamentarischen Opposition bemerkenswert. Wesentlich interessanter daran ist, dass sich ein Journalist vor laufender Kamera in einen politischen Agitator verwandelte.Santelli war zwar, wie bei seinem Aufruf zur Tea Party, auch auf diesem Gebiet nicht der erste. Der konservative Sender Fox hatte schon lange zuvor den Kurs eingeschlagen, nüchterne Berichterstattung und die strikte Trennung zwischen Nachricht und Kommentar über Bord zu werfen und durch unverblümte Demagogie zu ersetzen.Die Einschaltquoten des Verschwörungstheoretikers Glenn Beck stiegen unaufhaltsam, der Sender MSNBC hat mit ähnlich polemischen Sendung von links gekontert. CNN, das sich als letzte Oase der Neutralität positionieren wollte, begann seinen langen Abstieg, der bis heute noch nicht sein Ende erreicht hat.Mit dem Ausbruch von Rick Santelli brachen jedoch in den USA die Dämme. Seither sind Politik und Medienzirkus immer weniger voneinander zu unterscheiden. Mit Sarah Palin, Mike Huckabee, Mitt Romney und Newt Gingrich sind gleich vier potenzielle republikanische Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im Jahr 2012 beim Sender Fox als Moderatoren beschäftigt. Im Zwischenwahlkampf hat Fox den Republikanern unverblümt und schamlos eine Million Dollar gespendet. Fox ist nun offen der televisionäre Propagandaarm der Konservativen.Je mehr die Politiker, allen voran Sarah Palin, sich als Medienfiguren inszenieren, desto mehr trauen sich Medienfiguren wie Santelli auch in die politische Arena.Einen ersten Höhepunkt erreichte dieser Crossover, als Glenn Beck im Herbst einen Aufmarsch in Washington inszenierte. 300000 Menschen kamen, um seiner dreistündigen Tirade zu lauschen. Er nahm damit offen die Rolle an, die man ihm ohnehin schon längst zugeschrieben hatte - nämlich die des Anführers der Teepartei.Kurz danach erschien im bis dahin als seriös geltenden Finanzmagazin Forbes eine Titelgeschichte mit dem Thema "Wie denkt Obama?" Autor war der rechte Einpeitscher Dinesh D'Souza der aufzuzeigen versuchte, wie das antikolonialistische (und somit anti-amerikanische) Denken von Obamas kenianischem Vater die Weltanschauung des Präsidenten bestimmt. "Die Titelgeschichte", kommentierte die Polit-Website Salon, "war kein Journalismus. Es war blanker Wahlkampf."Auf der linken Seite ließen sich zuletzt die beiden Satiriker Jon Stewart und Stephen Colbert dazu hinreißen, vom Studiosessel auf und in die politische Arena zu springen. Sie veranstalteten im November in Washington einen "Aufmarsch zur Wiederherstellung der Vernunft". Die Demonstration, ebenfalls von 300000 Menschen besucht, war zwar als Parodie auf Glenn Beck inszeniert worden. Den Konnotationen eines Marsches auf Washington in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung konnten aber auch die Komiker nicht entrinnen. "Es war ein neuer Meilenstein der immer stärkeren Verschränkung von Unterhaltung und Politik", schrieb der Kulturkritiker Kurt Andersen. "Die Medien haben heute atomare Macht, und niemand weiß momentan, was sie damit anstellen werden."Klar ist nur eines: Der Politiker und die reine Medienfigur sind praktisch nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Und wer immer in zwei Jahren US-Präsident werden will, wird an dieser Tatsache nicht vorbeikommen.------------------------------Foto: Rick Santelli, 67, moderiert beim TV-Sender CNBC, dort schenkte er der konservativen Tea-Party-Bewegung ihren Namen.